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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle

Dante findet sich, schlafbefangen, vom rechten Wege verirrt, in einem schrecklichen, finstern Walde, strebt im Mondlicht hervor, gelangt an den Fuß einer Höhe, die von den Strahlen der aufgehenden Sonne beleuchtet ist, ruht und will die Steile hinanklimmen, Schritt vor Schritt sicher fußend; aber ein Pardel vertritt ihm den Weg und weicht nicht vor seinen Augen, die Schau eines Löwen erschreckt ihn und der Anblick einer gierigen Wölfin nimmt ihm die Hoffnung emporzukommen. Als er endlich zur Tiefe zurücktritt, steht Virgil's Schatten vor seinen Augen. Er ruft ihn um Hülfe an. Virgil antwortet, ihn zu ermuthigen: die Wölfin werde dereinst einem schnellen Hund erliegen, und erbietet sich, ihn auf anderem Wege, durch Hölle und Fegefeuer zu retten, wo er die Seelen der Verdammten und der sich Läuternden schauen solle. Verlange ihn dann, höher zu den Seligen emporzusteigen, so werde eine Seele, dessen würdiger, ihn geleiten, denn Gott wolle nicht, daß man durch Virgil zu seinem Anschauen gelange. Dante willigt in Virgil's Erbieten und folgt ihm.

Auf halbem Wege unsers Erdenlebens
Gewahrt' ich mich in einem finstern Walde,
Indem verfehlet war die grade Straße. 03

Ach, welch' ein Grau'n ist's, wie er war, zu sagen,
Der Wald, so fremd und störrig und entsetzlich,
Daß im Gedanken er die Angst erneuert: 06

So bitter ist er, daß Tod wenig bitt'rer;
Doch um vom Heil, was ich da fand, zu sprechen,
Meld' andre Ding' ich, die ich dort erblicket. 09

Recht sagen kann ich nicht, wie ich hineinkam;
So war ich voll des Schlafs um jene Stunde,
Als ich verlassen die wahrhafte Straße. 12

Doch dann, zu eines Hügels Fuß gelanget,
Da, wo ihr End' erreichte jene Thalkluft,
Die mit Erbangen mir das Herz zerpeinigt: 15

Blickt' ich empor und sah des Hügels Schultern
Bekleidet schon mit des Planeten Strahlen,
Der richtig führt die Menschen allerwegen. 18

Zur Stunde war die Furcht ein wenig stille,
Die mir im Born des Herzens war verblieben,
Die Nacht, die ich verbracht mit so viel Pein'gung. 21

Und so wie der, der mit erschöpftem Odem
Entronnen aus dem hohen Meer an's Ufer,
Sich wendet zur fahrvollen Fluth und stieret: 24

So wandte sich mein Geist, noch immer fliehend
Zurücke, zu betrachten jene Straße,
Die keinen je lebendig bleiben lassen. 27

Drauf, als den müden Leib ich ausgeruhet,
Nahm wieder ich den Weg am öden Strande,
So daß der feste Fuß stets war der tief're. 30

Doch siehe, fast schon beim Beginn der Steile,
Ein Pantherthier, gar leicht und vielbehende,
Das mit geflecktem Felle war bedecket. 33

Und nicht hinweg wich es vor meinem Antlitz;
Nein, es vertrat mir also meine Straße,
Daß mehrmals ich gewendet war zur Umkehr. 36

Es war die Zeit des Morgenanbeginnes,
Auch stieg die Sonn' empor mit jenen Sternen,
Die bei ihr waren, als göttliche Liebe 39

Zuerst beweget jene schönen Dinge;
So daß mir Anlaß war zu gutem Hoffen,
Bei diesem Thier mit lustigbuntem Felle, 42

Des Tages Stunde und die süße Jahrzeit: -
Doch also nicht, daß mir nicht Furcht gegeben
Die Schau, die mir da war von einem Löwen. 45

Derselbe schien, als käm' er mir entgegen,
Das Haupt erhoben und mit grimm'gen Hunger;
So daß es war, als wenn die Luft ihm zittre. 48

Und eine Wölfin, die mit allen Gieren
Belastet schien, bei aller ihrer Dürre,
Und vielem Volk das Leben schon verkümmert: 51

Dieselbe machte mir so schwer die Glieder
Mit Bängniß, die von ihrem Anblick ausging,
Daß ich verlor die Hoffnung auf die Höhe. 54

Und so wie Einer, welcher gern gewinnet,
Und kommt die Zeit, die ihm Verlust bereitet,
In allem Sinnen weinet und sich härmet: 57

Ward durch das Unthier ich das friedelose,
Das mir entgegenkommend, mehr und mehr mich
Zurücke trieb bis wo die Sonne schweiget. 60

Indem ich da verfiel zu niedrer Stätte,
Ward vor die Augen Einer mir gestellet,
Der heiser schien durch langes Stilleschweigen. 63

Als den ich sah in dieser großen Wüste:
„Erbarm' dich mein,” schrie ich zu ihm hinüber,
„Wer du auch sei'st, ob Geist, ob Mensch in Wahrheit!” - 66

Antwortet' er: „„Nicht Mensch, ein Mensch war einst ich;
Lombarden aber waren meine Eltern,
Und Beid' aus Mantua: geboren ward ich 69

Sub Julio, wie träg' es auch herankam,
Und lebt' in Rom unter August dem Guten,
Zur Zeit der trüg'rischen und Lügengötter. 72

Ich war Poet und sang von dem gerechten
Sohn des Anchises, der von Troja herkam,
Nachdem das stolze Ilion verbrannt war. 75

Doch du, warum kehrst du zu solcher Plage?
Warum ersteigst du den glücksel'gen Berg nicht,
Der Anfang ist und Urgrund jeder Wonne?”” - 78

- „O, bist du der Virgil, du jene Quelle,
Die ausgießt also reichen Strom der Rede?!”
Erwiedert' ich ihm mit beschämter Stirne: 81

„O du, der andern Dichtern Ruhm und Leuchte,
Vergilt mir langen Eifer, große Liebe,
Die deinem Buch mich nachzuspüren trieben. 84

Du bist mein Meister, ja, du bist mein Vorbild!
Du bist der Einzige, dem ich entnommen
Den schönen Styl, der Ehre mir gebracht hat! 87

Schon dieses Thier, vor welchem ich mich wandte:
Hilf mir von diesem, o ruhmvoller Meister;
Denn zittern macht's die Adern mir und Pulse.” 90

- „„Dir ziemt es einen andern Weg zu halten,
Entgegnet' er, als er mich weinen sahe,
Willst du dich retten aus dem wüsten Orte: 93

Denn dieses Thier dahier, weshalb du schreiest,
Läßt nicht die Menschen ziehen ihre Straße,
Nein, es verhindert sie, bis es sie tödtet: 96

Und hat die Art, so bösgesinnt und grimmig,
Daß nimmer es den gier'gen Willen stillet,
Und nach dem Fraß mehr Hunger hat denn früher. 99

Viel sind der Thiere, denen es sich gattet,
Und mehr noch werden sein, bis einst der Hund kommt,
Der schnelle, der es sterben macht vor der Wehe. 102

Der wird nicht Erde speisen, auch Metall nicht,
Doch Weisheit, Liebe auch und heil'ge Stärke,
Und wird geboren unter schlichtem Filze. 105

Er wird das Heil des niederen Italiens,
Für das Camilla blutend fiel, die Jungfrau,
Eurialus und Turnus auch und Nisus: 108

Der wird verjagen es aus allem Garten,
Bis er's zurückgeworfen in die Hölle,
Von wo der erste Neid es losgetrennet. 111

Drum für dein Bestes halt' ich's und eracht' ich's,
Daß du mir folgst: ich werde sein dein Führer
Und dich von hier durch ew'gen Raum erretten. 114

Wo du vernehmen wirst verzweifelt' Schreien,
Sehn wirst der Vorzeit wehevolle Geister,
Von denen jeder ruft dem zweiten Tode: 117

Und wirst dann schauen, die da sind zufrieden
Im Feuer, weil sie hoffen einzugehen,
Wann es auch sei, zu den glücksel'gen Schaaren. 120

Begehrst zu diesen du dann aufzusteigen,
Wird eine höh're Seel' als ich erscheinen;
Mit dieser laß ich dich bei meinem Scheiden. 123

Denn der Gebieter, der da oben herrschet,
Weil ich mich sträubte seiner Satzung, will nicht,
Daß man in seine Stadt durch mich gelange. 126

An jedem Ort gebeut und droben thront er:
Allda ist seine Stadt, sein hoher Thronsitz:
O selig der, den er dorthin erwählet!”” - 129

Und ich zu ihm: „O Dichter, zu dir fleh' ich,
Bei jenem Gotte, den du nicht erkanntest:
Daß diesem Weh und schlimm'rem ich entrinne: 132

Daß du mich führest, wo du eben sagtest,
Damit ich schau das Thor des heil'gen Petrus,
Und jene, welche du so traurig schilderst.” 135

Drauf regt' er sich, und ich hielt seine Straße. 136

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