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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Christa Renate Köhler - Die Göttliche Komödie - Hölle

Auf halber Bahn vom Wege unsres Lebens
Fand auf in einem finstren Wald ich mich.
Den richt'gen Weg, ich suchte ihn vergebens.

O schweres Werk, zu sagen, wem er glich,
Der Wald, so undurchdringlich und so rauh,
Daß Denken Furcht erneut, die mich beschlich.

Kaum wenig bittrer ich den Tod erschau'.
Doch von dem Gut dort Kunde herzutragen
Leih' ich den Dingen meiner Worte Bau.

Wie ich hineinkam, weiß ich nicht zu sagen,
Weil bis zu dem Punkt Schlaf mein Wissen nahm,
Wo ich die falsche Fährte eingeschlagen.

Doch als ich an den Fuß des Hügels kam
Dort, wo sein Ende findet jenes Tal,
Das mir das Herz gekrampft mit Angst und Scham,

Blickt' ich empor, wo d e s Planeten Strahl,
Der einen grade führt auf jedem Wege,
Die Schulter ihm schon kleidet mit Opal.

Da war ein Teil der Furcht schon weniger rege,
Die in des Herzens Höhlung angedauert
In langer, sorgenvoller Nacht Gehege. -

Wie der, den noch die Qual der Lunge schauert,
Wenn er der Flut am Uferrand entstieg,
Zum Wasser noch sich kehrt, das tückisch lauert,

So kehrt' mein Geist, noch mit sich selbst im Krieg,
Noch einmal sich zurück, dem Paß ein Spiegel,
Den zu verlassen heißt: des Todes Sieg. -

Dann löste ich der Müdigkeit den Riegel.
Als ich geruht, stieg ich, daß stets der feste
Der untre Fuß mir war, hinauf zum Hügel.

Des Aufstiegs Anfang wies mit grimmer Geste
Mir eine Pantherkatz' mit buntem Fell.
Doch, als bewache sie des Hügels Veste,

Ging sie mir nicht vom Blick, behend und schnell,
Ja, hinderte sogar so sehr mein Steigen,
Daß oft ich rückwärts wich auf dem Geröll. -

Zum Morgen sah ich schon die Nacht sich neigen,
Die Sonne schwang mit Sternen sich empor,
Die mit ihr waren, als zum ersten Reigen

Die schönen Dinge Gottes Lieb' beschwor,
So daß zum Hoffen mir ein Grund gegeben
Aus jenem heiterwilden Fell hervor,

Der Zeit des Tags, des Frühlings süßem Beben.
Doch nicht, daß Angst mir nicht erwecket hätte
Ein Löwe, der mir nun erschien daneben

Und sich mir naht' an dieser wüsten Stätte
mit hohem Haupt und rasender Begier,
Daß selbst die Luft der Furcht hier macht ein Bette.

Und eine Wölfin, die mit jeder Gier
Wohl trächtig ging in ihrer Magerkeit
Und vieler Glück zerstört', erschien mir hier.

So viel Bedrängnis macht sich vor mir breit
Durch das Entsetzen, das ihr Blick erregt,
Daß mir die Hoffnung schwand unendlich weit,

- und wie, wer den Gewinn im Sinn nur pfleget
Und auf die Zeit stößt, die Verlieren bringt,
Im Denken Klage nur und Trauer heget -

Daß mich zurückzudrängen ihr gelingt
Zu jener Tiefe, wo die Sonne schweigt.
Wie sie im Sturz zum niedern Ort mich zwingt,

Ward eines Mannes Schatten mir gezeigt,
Der mir durch langes Schweigen heiser schien.
Als in der Wüste ihn mein Blick erreicht,

schrie ich: "Erbarm dich meiner!" zu ihm hin.
"Wer du auch seist, ob fester Mensch, ob Schatten."
"Nicht Mensch. Mensch w a r ich schon", war sein Beginn.

"Lombarden meine Eltern. Beide traten
In Mantua sie in die Sterblichkeit.
Geboren wurde ich den beiden Gatten,

Wenn auch erst spät, noch zu des Julius' Zeit
Und lebt' zur Zeit der trügendfalschen Götter
In Rom unter Augustus' Herrlichkeit.

Ich war ein Dichter, sang in meiner Letter
Von des Anchises Sohn, gerecht genannt,
Der her von Troja kam, des Vaters Retter,

Nachdem das stolze Ilion verbrannt.
Doch was kehrst du zu solchem Gram zurück?
Ersteigst nicht des erfreu'nden Berges Wand,

Der Grund und Anfang ist zu jedem Glück?"
"So bist du der Vergil, und jene Quelle",
Erwidert' ich mit schambefangenem Blick,

"die aus sich gießt der Rede breite Welle.
O du, der andern Dichter Licht und Ehr',
Wert, daß der Eifer und die Liebe schwelle,

In deinem Buch zu forschen mehr und mehr.
Du bist mein Autor, und du bist mein Meister,
Von dir nur trug den schönen Stil ich her,

Der mir die Ehre brachte. - Sieh, mit dreister
Bedrohung ließ mich diese Bestie kehren.
Hilf mir von ihr, o du, der alles weiß, der

so kundig ist. O sieh, nicht kann ich wehren,
daß sie mir Puls und Adern macht erzittern."
"Mir ziemt's, dich einen andern Weg zu lehren,

Wenn du entkommen willst des Waldes Gittern",
Erwidert' er, als er mich weinen sah.
"Denn diese Bestie, die mit solchem bittern

Beklagen dich erfüllt, läßt niemand nah
An sich heran, noch ihren Pfad passieren
Und hemmt ihn so, daß sie ihm Tod bringt, ja,

Hat von Natur so tückische Manieren,
Daß sie ihr boshaft Trachten niemals stillt,
Und n a c h der Mahlzeit siehst du m e h r sie gieren

Nach Speise, als v o r h e r. Sie ist so wild,
Daß sie sich gattet mit gar vielen Tieren,
Und werden mehr sein, bis das grimme Bild

Des Veltro sie ihr Leben macht verlieren.
Ihn nähren Erde und Metall nicht. Nein,
Die Weisheit, Liebe, Tugend wird ihn führen.

Sein Ursprung zwischen Filz und Filz wird sein.
Dem elenden Italien Rettung bringen
Wird er, für das Camilla schied vom Sein,

Die Jungfrau, und für das zum Tode gingen
Turnus, Nisus und auch Eurialus.
Der wird zum Höllenschlund zurück sie zwingen,

Daraus der Neid setzt' in die Welt den Fuß.
Durch jede Stadt wird er sie vor sich treiben. -
Dein Heil erwägend, fass' ich den Beschluß,

Daß du mir folgst. Ich will dein Führer bleiben,
Der dich durch jene ewige Stätte zieht,
Wo Heulen die Verzweiflung wird beschreiben,

Wo man antike Geister trauern sieht,
Wo jeder ruft nach einem zweiten Tod.
Auch siehst du die, welchen erwünschter glüht

Das Feuer, weil für sie noch Hoffnung loht,
Wann es auch sei, zum seligen Volk zu kommen,
Zu dem, wenn hinzusteigen dir ist not,

Dir würdigerer Seele Dienst soll frommen,
Und mit ihr laß ich dich dann, wenn ich scheide,
Weil, der dort herrschet, mir das Recht genommen,

Daß ich zu seiner Stadt dich auch geleite,
Da ich Rebell zu seiner Satzung war.
Allüberall, in Erd' und Himmels Weite

Regiert er, doch dort herrscht er wunderbar
In seiner Stadt und hohen Residenz.
O glücklich, wen er wählt zu seiner Schar."

Und ich: "O Dichter, bei der Providenz
Von jenem Gotte, den du nicht gekannt,
Ersuch' ich dich mit aller Reverenz, -

Daß ich die Übel, welche hier ich fand,
Und Schlimm'res flieh' - führ dorthin, wo du sagtest,
Mich, daß ich Petrus' Tor an deiner Hand

Erschau' und die als trauernd du besagtest."
Er schritt voran, auch ich nicht länger stand.

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