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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Karl Haag - Die Göttliche Komödie - Hölle

Verirrt und geführt.

In der Mitte unsrer Lebensbahn irrte ich in einem furchtbaren, wildverwachsenen Wald umher. Ich war vom rechten Wege abgekommen. Ich kann nicht recht sagen, wie ich hineingeriet; ich war so schläfrig um jene Zeit. Nach einer angstvollen Nacht am Fuß eines Hügels angelangt, sah ich über ihm die Sonne aufgehen und mein Herz wurde ein wenig ruhiger. Ich rastete und sah auf die finstere Schlucht zurück, wie einer, der schwer keuchend dem Meer entronnen ist, sich nach der todbringenden Flut umwendet und hinstarrt. Dann stieg ich am Abhang hinauf. Doch siehe, da stand ein Panther mit buntem Fell in meinem Weg; er wich nicht und wollte umkehren. Aber es war früh morgens und im Frühling; Gottes Sonne stieg empor und ich faßte Mut. Da erschreckte mich der Anblick eines Löwen, der mit erhobenem Haupt so drohend kam, daß sich die Luft vor ihm zu fürchten schien. Und eine Wölfin, mager und gierig, machte mir große Angst und ich verzweifelte am Aufstieg. Betrübten Herzens ließ ich mich wieder in die finstere Tiefe hinabtreiben.
Während ich so verlassen dahineilte, erschien mir plötzlich eine stumme Gestalt. "Erbarme dich meiner" rief ich ihm zu, "seiest du Mensch oder Schatten!" Und er: "Ich war einst Mensch. Ich lebte in Rom, zur Zeit der falschen Götter. Ich war ein Dichter und sang von Aeneas, der von Troja kam. Doch warum steigst du nicht den freudigen Berg hinan?" "So bist du Virgil", rief ich voll Scham. "O Licht und Ehre aller Dichter, du mein Meister, meine Liebe zu deinem Buch möge mir jetzt helfen. Sieh jenes Tier, das mich zurücktrieb, rette mich vor ihm!" Er sah mich weinen und erwiderte: "Willst du dieser Wildnis entrinnen, so mußt du einen andern Weg einschlagen. Jenes gierige Tier läßt niemand durch. Es wird sich mit andern gatten und neue gebären, bis einst der Jagdhund kommt, der es tötet. Der nährt sich nicht von Länderraub und Gold, sondern von Weisheit und Liebe. Er wird das gedemütigte Italien retten, für das die Helden starben, die ich besang; und wird die Wölfin in die Hölle zurückjagen. - Deshalb folge mir; ich will dein Führer sein. Ich werde dich durch die ewigen Räume führen, wo du die Schreie der Verzweifelten hören wirst. Dann wirst du die Hoffenden sehen; dann die Seligen. Doch zu diesen wird dich eine würdigere Seele führen. Denn jener Kaiser dort oben will nicht, daß man durch mich in seine Stadt komme, weil ich sein Gesetz nicht befolgte". Drauf ich: "O Dichter, bei dem Gott, den du nicht kanntest, führ mich soweit du sagtest, bis vor Petrus Tür". Da brach er auf und ich ging hinter ihm her.

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