01
Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Hermann Gmelin - Die Göttliche Komödie - Hölle

Grad in der Mitte unsrer Lebensreise
Befand ich mich in einem dunklen Walde,
Weil ich den rechten Weg verloren hatte. 03

Wie er gewesen, wäre schwer zu sagen,
Der wilde Wald, der harte und gedrängte,
Der in Gedanken noch die Angst erneuert. 06

Fast gleichet seine Bitternis dem Tode,
Doch um des Guten, das ich dort gefunden,
Sag ich die andern Dinge, die ich schaute. 09

Wie ich hineinkam, kann ich kaum berichten,
So war ich schwer vom Schlaf zu jener Stunde,
Da ich den wahren Weg verlassen hatte. 12

Doch als ich dort zum Fuße eines Hügels
Gekommen war am Ende jenes Tales,
Das mir das Herz so sehr mit Angst gepeinigt, 15

Blickt' ich nach oben und sah seine Schultern
Schon von den Strahlen des Gestirns bekleidet,
Das uns auf jedem Pfade richtig führet. 18

Darauf ward meine Angst ein wenig stiller,
Die mir im See des Herzens angestanden,
Die Nacht, die ich verbracht in solchen Qualen. 21

Und wie ein Mensch noch mit gepreßtem Atem,
Der sich vom Meere an den Strand gerettet,
Zurückschaut nach den aufgeregten Wassern, 24

So tat mein Geist, der, immer noch im Flüchten,
Sich umgewandt, den Durchgang zu betrachten,
Den nie ein Wesen lebend noch verlassen. 27

Erst gab ich meinem müden Leibe Ruhe,
Dann ging ich weiter durch die öde Wüste,
Fest immer mit dem untern Fuße tretend. 30

Und siehe, beinah beim Beginn des Hanges
Erschien ein Panther, leicht und sehr behende,
Der war bedeckt mit einem bunten Felle. 33

Er wollt' mir nicht aus den Augen gehen,
Vielmehr hat er mir so im Weg gestanden
Daß ich mich mehrmals schon zur Umkehr wandte. 36

Es war die Zeit der ersten Morgenstunde,
Die Sonne stieg empor mit jenen Sternen,
Die bei ihr waren, als die Liebe Gottes 39

Die schöne Welt zum erstenmal bewegte.
So hatt' ich Grund, auf Gutes nur zu hoffen
Vom bunten Felle jenes wilden Tieres, 42

Der Morgenstunde und dem schönen Frühling
Doch nicht so sehr, daß ich nicht fürchten mußte
Das Bild des Löwen, der mir dann erschienen. 45

Er schien gerade auf mich zuzukommen,
Das Haupt erhoben und mit gierigem Hunger,
Daß selbst die Luft vor ihm erbeben mußte. 48

Und eine Wölfin kam, die schien beladen
In ihrer Magerkeit mit allen Lüsten
Und stürzte viele Menschen ins Verderben. 51

Die Wölfin brachte mich so in Bedrängnis,
Und so sehr hat ihr Anblick mich geängstigt,
Daß ich die Hoffnung auf den Berg verloren. 54

Und so wie einen, der sich gern bereichert,
Wenn für ihn Zeiten des Verlustes kommen,
In allem Denken sich betrübt und wehklagt; 57

So machte mich das ruhelose Untier,
Das mir entgegenkam und mich
Dorthin vertrieb, wo keine Sonne scheinet. 60

Indessen ich im niedern Grund verkommen,
Hat sich vor meinen Augen dargeboten
Ein Mann, der stumm erschien vom langen Schweigen. 63

Als ich den sah in jener großen Wüste,
"Erbarm dich meiner", rief ich ihm entgegen,
"Wer du auch seist, ob wahrer Mensch, ob Schatten!" 66

Er gab zur Antwort: "Nicht ein Mensch, das war ich
Und meine Eltern waren einst Lombarden,
Und beide hatten Mantua zur Heimat. 69

Ich ward sub Julio, wenn auch spät, geboren
Und lebte in Augustus' Rom, des guten,
Zur Zeit der falschen, lügnerischen Götter. 72

Ein Dichter war ich, sang von dem gerechten
Sohn des Anchises, der von Troja aufbrach,
Nachdem das stolze Ilion niederbrannte 75. p>

Doch du, was kehrst du wieder ins Verderben?
Was steigst du nicht empor zum seligen Berge,
Der Ursach ist und Anfang jeder Freude?" 78

"So bist du der Vergil, bist jene Quelle,
Die einen solchen Strom der Sprache spendet?"
Sprach ich zu ihm mit schamgebeugter Stirne. 81

"O du, der andern Dichter Ehr und Leuchte,
Es helfe mir der Eifer und die Liebe
Die mich in deinem Buche forschen ließen. 84

Du bist mein Vorbild und du bist mein Meister,
Du ganz allein bist der, dem ich verdanke
Den schönen Stil , der mich zu Ehren brachte. 87

Sieh dort das Tier, vor dem ich mich geflüchtet.
Errette mich vor ihm, ruhmreicher Weiser,
Es läßt mich noch in allen Adern beben." 90

"Du mußt auf einem andern Wege gehen",
Sprach der, da er in Tränen mich erblickte,
"Wenn du aus dieser Wildnis willst entfliehen. 93

Denn dieses Tier, vor dem du Hilfe schrieest,
Läßt keinen seines Wegs vorüberziehen,
Es hindert ihn so sehr, daß er ihn tötet. 96

Es ist so sündig von Natur und böse,
Daß seine wilde Gier niemals gestillt wird
Und nur noch größer wird nach jedem Fraße. 99

Viel sind der Tiere, denen es sich gattet,
Und werden immer mehr, bis daß der Veltro
Einst kommen wird, der es in Schmerzen tötet. 102

Der wird sich nicht von Geld und Ländern nähren,
Vielmehr von Tugend, Weisheit und von Liebe,
Und sein Geschlecht liegt zwischen beiden Feltro. 105

Er wird das schlichte Land Italien retten,
Für das Camilla einst verstarb, die Jungfrau,
Nisus, Eurialus und Turnus fielen. 108

Der wird es dann durch alle Städte jagen,
Bis er zur Hölle es zurückgetrieben,
Von wo dereinst der Neid es ausgesendet. 111

Drum meine ich, zu deinem eignen Heile,
Sollst du mir folgen, und ich will dich führen,
Von hier dich zu dem ewigen Ort geleiten. 114

Dort wirst du die Verzweiflungsschreie hören
Und sehn die alten schmerzenvollen Geister.
Die alle ihren zweiten Tod beklagen. 117

Und sehen wirst du, die zufrieden wandeln
Im Feuer, weil sie noch die Hoffnung haben,
Wann immer, zu den Seligen zu kommen. 120

Wenn du zu diesen dann empor willst steigen,
Kommt eine Seele, die dich würdiger führet,
Sie laß ich zum Geleit dir, wenn ich scheide; 123

Denn jener Kaiser, der dort oben herrschet,
Verbietet, da ich sein Gesetz nicht übte,
Daß seine Stadt von mir betreten werde. 126

Er herrschet überall, dort ist er König,
Dort hat er seine Stadt und seine Wohnung.
O glücklich, wen er dorthin hat erkoren!" 129

Und ich zu ihm: "O Dichter, laß dich bitten
Bei jenem Gotte, den du noch nicht kanntest,
Um mich aus dem und Schlimmerem zu retten, 132

Du wollst mich dorthin, wo du sagst, geleiten,
So daß ich Petri Pforte schauen möge
Und jene, die dir also traurig scheinen." 135

Dann brach er auf, und ich begann zu folgen. 136

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