01
Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Otto Gildemeister - Die Göttliche Komödie - Hölle

Das Gedicht beginnt mit genauer Zeitbestimmung. Nach dem Psalmisten währt unser Leben siebenzig Jahre, der halbe Lebensweg bedeutet also fünfundfreißig. Dante, im Jahre 1285 geboren, verlegt den Beginn seiner mystischen Pilgerfahrt in das Jahr 1300, welches zugleich ein kirchliches Jubeljahr war. Es war Frühlingsanfang; die Sonne stand wie am Schöpfungsmorgen, das heißt im Sternbilde des Widders, und es war, wie der 21. Gesang lehrt der Todestag Christ, den die Überlieferung auf den 25. März verlegte.
Die allegorische Bedeutung des ersen Gesanges ist schon von den ältesten Auslegern im wesentlichen festgestellt worden. Der Dichter ist in dem dunklen Walde des gottentfremdeten weltlichen Lebens verirrt; die wilden Tiere, die in diesem Walde hausen, das heißt die zügellosen Laster der Zeit, Wollust (das Pardeltier), Stolz und Herrschsucht (der Löwe) und Geiz oder Habgier (die Wölfin) drohen ihn zu verderben und hindern ihn, das Heil, welches er vor sich sieht, „den Berg der Wonnen”, den die Sonne, das Licht der Wahrheit, bestrahlt, zu erreichen. Die gehobene Stimmung der Jugend ermutigt ihn zwar eine Zeitlang, von der Weltlust, dem „bunten Wilde”, Befriedigung zu erwarten, „Gutes zu hoffen”, aber schließlich verzweifelt er, dem Labyrinthe der Sünde und des Irrtums zu entkommen. Da sendet ihm die Gnade den Retter in der Person Virgils, der im Sinne des Mittelalters als der vollkommenste Dichter, als der Sänger der römischen Weltherrschaft für Dante der Vertreter der höchsten menschlichen Bildung und Weisheit ist. An Virgils Hand, von menschlicher Erkenntnis geleitet, wird er den Weg finden, der allein zur Erlösung aus dem dunklen Walde führt; zuerst das Entsetzen vor den Abgründen der Sünde, sodann die Heilswirkung der Buße, den Weg durch die Hölle und durch das Fegefeuer, wo die Geister „zufrieden Pein bestehn”, weil die Pein nur Läuterung ist zum ewigen Frieden, im Anschauen Gottes. Dies Anschauen des Himmlischen freilich vermag Virgil ihm nicht zu gewähren; dazu bedarf es der christlichen Erleuchtung und der göttlichen Gnade, welche beide in der Gestalt der Beatrix, der verklärten Jugendgeliebten Dantes, verkörpert erscheinen.
Nur darf man weder in diesem ersten Gesange noch überhaupt in der göttliche Komödie sich ausschließlich an die Allegorie halten. Die Personen wie die Vorgänge haben immer neben ihrer sinnbildlichen Bedeutung ihre volle Existenz als wirkliche Individuen, als wirklich Geschehendes. Der Virgil der Hölle ist nicht bloß eine allegorische Figur, sondern zugleich der historische Dichter der Äneis; Beatrix ist nicht allein die vermenschlichte Theolgie oder die Gratia perficiens, sondern zugleich die schöne Florentinerin, die in dem Herzen des neunjährigen Dante die unverlöschliche Liebesflamme entzündet hatte. Dies Verfließen des eigentlichen und des symbolischen oder des allegorischen Sinnes geht durch das ganze Gedicht, und auf ihm beruht zu nicht geringem Teile der poetische Eindruck.
Wie man die göttliche Komödie zu lesen habe, dazu hat Dante selbst in der Widmung, die er an Can Grande della Scala schrieb, Anleitung gegeben. Dort nennt der sein Werk „polysensum, hoc est plurium sensuum” und er führt den 114. Psalm („Als Israel aus Ägypten zog”) an, um zu zeigen, wie in den nämlichen Worten ein tieferer unter dem buchstäblichen Sinne liegen könne. Er sagt: „Sehen wir den Buchstaben an, so bedeutet er den Auszug der Kinder Israels unter Moses. Sehen wir auf die Allegorie, so bedeutet er unsere Erlösung durch Christus. Sehen wir auf den moralischen Sinn, die Bekehrung der Seele von dem Elende der Sünde zum Stande der Gnade. Sehen wir auf den anagogischen Sinn, den Ausgang der heiligen Seele aus der Knechtschaft dieser Verderbnis in die ewige Freiheit der Herrlichkeit.” So wie er es hier meint, hat er in seiner eigenen Dichtung parallel laufende, aber verschiedene Ideen zu einer untrennbaren Kunstform zusammengeschmiedet.

A) Der Dichter, bemüht, aus dem Walde der Verirrung zu entkommen, wird von Panther, Löwe und Wölfin zurückgetrieben (1-60).
B) Virgil erscheint ihm und weissagt die Vertreibung der Wölfin durch den „Jagdhund” (61-111).
C) Er erbietet sich, den Dichter auf dem Wege durch das Geisterreich aus der Wildnis zu retten (112-136)

Auf halbem Wege dieser Lebensreise
Fand ich in einem dunklen Walde mich,
Weil ich verirrt war von dem rechten Gleise. 03

Zu sagen, wie er war, ist fürchterlich,
Der wilde Wald im rauhen, dichten Grunde;
Gedenk' ich sein, erneut der Schrecken sich. 06

Kaum minder bitter ist die Todesstunde,
Doch um des Guten willen, das ich fand,
Verschweig' ich auch vom andren nicht die Kunde. 09

Wie ich hineinkam, ist mir kaum bekannt,
So hatte Schlaf die Sinne mir benommen,
Als ich vom wahren Weg mich abgewandt. 12

Doch bald, an eines Hügels Fuß gekommen,
Als ich dem Ende jenes Tals genaht,
Das meine Seele hielt von Furcht beklommen, 15

Blickt' ich empor und sah des Hügels Grat
Schon in den Strahlen des Planeten prangen,
Der andre richtig lenkt auf jeden Pfad. 18

Da war ein wenig von der Furcht vergangen,
Die meines Herzens Tiefe hielt umstrickt
Die Nacht hindurch, die ich verlebt in Bangen. 21

Und wie am Ufer, wann er halberstickt
Der Meeresflut entronnen ist, der Schwimmer
Sich umschaut und aufs droh'nde Wasser blickt, 24

So wandte mein Gemüt, noch flüchtend immer,
Sich um nach jenem Passe voll Gefahr;
Denn ein Lebendiger verließ ihn nimmer. 27

Nur kurze Zeit bot sich zu rasten dar,
Und weiter schritt ich durch die öde Stelle,
Daß stets der feste Fuß der untre war. 30

Da - fast schon an des Hügels steiler Schwelle -
Ließ sich ein Pardel, flink und hurtig, sehn;
Das war bekleidet mit geflecktem Felle. 33

Und immer blieb es mir vor Augen stehn,
Ja, sperrte mir so sehr den Weg nach oben,
Daß oftmals ich beschloß zurückzugehn. 36

Der Morgen hatt' indessen sich erhoben,
Die Sonne stieg mit dem Gestirn empor,
Das bei ihr war, als Gottes Liebe droben 39

Zuerst bewegte jenen Wunderchor;
So daß mir, Gutes von dem bunten Wilde
Zu hoffen, neuen Mut heraufbeschwor 42

Die Tagesstunde und des Frühlings Milde,
Doch nicht genug, der Furcht mich zu entziehn
Beim Anblick eines Löwen im Gefilde. 45

Mir war's, als säh' ich hohen Hauptes ihn
Mit grimmen Hunger wider mich sich rüsten,
So daß die Luft vor ihm zu zittern schien. 48

Und eine Wölfin, die von allen Lüsten
Belastet schien in ihrer Magerkeit,
Als ob um sie schon viele trauern müßten, 51

Beschwerte mir das Herz mit großem Leid
Durch Schrecken, die aus ihrer Näh' entsprangen:
Die Hoffnung auf die Höh' entschwand mir weit. 54

Und wie ein Mann, der am Erwerb behangen,
Wann nun die Zeit kömmt, da Verlust sich zeigt,
Von Klag' und Trauer völlig ist befangen, 57

So hatte sich in Gram mein Herz geneigt,
Als jetzt entgegenkommend mich die schlimme
Dorthin zurücktrieb, wo die Sonne schweigt. 60

Wie ich hinunterfloh vor ihrem Grimme,
Trat mir vor Augen einer nahebei,
Dem rauh von langem Schweigen schien die Stimme. 63

Als ich ihn sah in dieser Wüstenei, -
„Ob du ein Geist bist, ob ein menschlich Wesen,
(Rief ich ihn an,) erbarm dich, steh mir bei!” 66

Er sprach: „Nicht Mensch; ein Mensch bin ich gewesen.
Die Eltern waren ein lombardisch Paar.
In Mantua ist die Mutter mein genesen 69

Sub Julio, obwohl es spät schon war.
Unter August bin ich nach Rom gekommen,
Als falschen Göttern rauchte der Altar. 72

„Ein Dichter war ich, und ich sang den frommen
Sohn des Anchises, der von Troja kam,
Als Ilions Stolz in Asche war verglommen. 75

„Du aber, fliehst zurück du in den Gram?
Warum ersteigst du nicht den Berg der Wonnen,
Wo alles Glück Ursprung und Anfang nahm?” - 78

- „So bist du der Virgil, bist du der Bronnen,
(Versetzt' ich mit verschämtem Angesicht,)
Aus dem so voller Redestrom geronnen? 81

„O aller andern Dichter Ehr' und Licht,
Vergilt mir all die Lieb' und langes Streben,
Mit denen ich mich wandt' an dein Gedicht. 84

„Du bist mein Meister, meine Leucht' im Leben;
Von dir hab' ich gelernt, von dir allein,
Die schöne Schreibart, die mir Ruhm gegeben. 87

„Vor jenem Tier stellt' ich das Wandern ein:
Hilf mir von ihm, du Weiser ohnegleichen;
Denn zittern macht es Adern und Gebein. -” 90

- „Du mußt das Ziel auf andrem Weg erreichen,
(Antwortet' er, da er mich weinen sah,)
Wenn du aus dieser Wildnis willst entweichen. 93

„Die Wölfin, so dich schrecket, lässet ja
Nie einen Wandrer ziehn auf seiner Straße:
Sie drängt ihn in den Wald und würgt ihn da. 96

„Grausam und bös ist sie in solchem Maße,
Daß niemals satt wird ihre heiße Gier,
Und hat mehr Hunger nach als vor dem Fraße. 99

„Gar viele Geschöpfe paaren sich mit ihr,
Und derer wird noch mehr sein, und wird währen,
Bis einst der Jagdhund töten wird das Tier. 102

„Der wird sich nicht von Land und Silber nähren,
Sondern von Weisheit, Lieb' und Frömmigkeit,
Und langobardisch Land wird ihn gebären. 105

„Durch ihn wird einst das arme Land befreit,
Für das Camilla ward im Kampf erschlagen,
Euryalus mit Nisus fiel im Streit. 108

„Der wird sie dann durch alle Städte jagen,
Bis in die Höll' er sie getrieben hat,
Woher sie Satans Neid ans Licht getragen. 111

„Daher zu deinem Besten ist mein Rat,
Daß du mir folgst: ich werde dich geleiten
Durch ew'gen Raum hinweg von diesem Pfad. 114

„Da wirst du Heulen der Vermaledeiten
Vernehmen und die alten Geister sehn,
Die traurig nach dem Tode schrein, dem zweiten, 117

„Und jene, die zufrieden Pein bestehn
Im Feuer, weil sie froh der Hoffnung leben,
Wann immer, zu den Sel'gen einzugehn. 120

„Willst du sodann zu diesen dich erheben,
So komm' ein Geist, den höh're Würde ziert;
Dem werd' ich dich beim Abschied übergeben. 123

„Denn jener Kaiser, der dort hoch regiert,
Hat nie durch mich zu seiner Stadt erhoben,
Weil wider sein Gesetz ich rebelliert. 126

„Er herrschet überall und thronet droben,
Wo seine Stadt und hoher Sessel steht;
O selig, wen er auserwählt dort oben!” - 129

Und ich zu ihm: „Ich bitte dich, Poet,
Bei jenem höchsten Gott, den du nicht kanntest,
Damit nichts Schlimmres über mich ergeht, 132

„Führ mich, wohin du schon den Blick mir wandtest:
Laß mich der Tür Petri ansichtig sein
Und jener Geister, die du traurig nanntest.” - 135

Da schritt er vor, und ich schritt hinterdrein. 136

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