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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Hans Geisow - Die Göttliche Komödie - Hölle

Ich stand auf meines Lebens Mittagshöhen,
Da fand ich mich in einem Wald verirrt,
Und schaudernd denk' ich des, was ich gesehen,
Wenn die Erinnrung meinen Geist umschwirrt;
Verfehlt war meines Lebens rechte Bahn,
In Nacht und Nichts versank der Seelenfriede;
Doch wie ich drang zum Licht aus dunklem Wahn,
Singt meine Seele euch in meinem Liede.
"Was hat dich in die Dunkelheit geführt?"
So werdet ihr mich, selbst erschaudernd, fragen.
"Ein tiefer Schlaf hat sanft mein Haupt berührt,
Wie ich entschlafen, weiß ich nicht zu sagen."

In tiefen Seelenqualen
Belebte sich mein Mut,
Den Hügel sah ich strahlen
In Morgensonnenglut.
Ich sah sie schweigend schweben
Dort hinter duft'gen Höhn,
Wie führt sie unser Leben
So frei zum Ziel, so schön!

Oft reißt das wilde Meer mit Donnerkrachen
Das Schiff hinunter in das feuchte Grab;
Still sieht der Mensch es sinken in den Rachen,
Bewundernd blickt er in die Flut hinab.
Er weiß nicht, wie er die Gefühle fasse;
So war auch mir das Herz noch still gepreßt,
Und rückwärts schauend späht' ich nach dem Passe,
Den keine Seele lebend mehr verläßt.
Ich hob den Blick, bis ich die Ruhe fand,
Und aufwärts strebend wollt' ich höher steigen,
Als buntgefleckt ein Panther vor mir stand,
Den Weg mir hemmend in des Waldes Schweigen.

Was sollt' ich fürchtend zagen
Vor dieses Tieres Wut?
Ringsum begann's zu tagen
In heller Sonnenglut.
Sie stand auf hohem Pfade
Im gleichen Sternenbild,
Wie da, als Gottes Gnade
Sich an der Welt erfüllt.

Nun tritt hervor mit hoch erhobnem Haupt
Ein Löwe, der die Beute schien zu wittern,
Die Mähne stellt er, und sein Atem schnaubt,
Daß rings umher beginnt die Luft zu zittern.
Heißhungrig starrt mich eine Wölfin an,
Ihr gierig wilder Blick läßt mich erbeben,
Von Furcht durchzittert wandt' ich meine Bahn,
Mir schwand der Mut, noch mehr empor zu streben;
Zu Tale trieb mich's, immer mehr zu Tal,
Woher noch niemals kam ein Licht gestiegen,
Wo Liebe, Glück und milder Sonnenstrahl
Tot und erstarrt in düstrem Schweigen liegen.

Hinab ging's in die Tiefe,
Hinab ohn' Rast und Ruh, -
Da war es mir, als riefe
Mir leis ein Schatten zu.
Ich sah ihn still sich neigen
Bergabwärts durch den Wald,
Fast stumm von langem Schweigen,
Doch menschlich von Gestalt.

"Erbarm' dich meiner," rief ich, "wer du seist,
Der sanft zu mir sich in der Wildnis wendet;
Nenn' ich dich Mensch, nenn, ich dich sel'gen Geist?
Wer bist du, sprich, und wer hat dich gesendet?"
Er sprach: "Ich war einst Mensch vor langen Jahren,
Und Mantua nenn' ich mein Vaterland,
Lombarden meine beiden Eltern waren,
Ich lebt', als Cäsars Stern am Himmel stand.
In Fleisch und Blut war ich ein Mensch hienieden,
und folgt' als Dichter meiner Tage Spur.
Augustus sah ich einer Welt gebieten
Und trugerzeugte Götter der Natur.

Ich habe ihn besungen,
Der floh an jenem Tag,
Als Troja einst bezwungen
In Schutt und Trümmern lag,
Doch sprich, was führt dich wieder,
O Mensch, ins Nichts zurück?
Warum steigst du hernieder
Vom Sonnenberg, vom Glück?"

"So bist du's wirklich, der die Rede meistert,
Das Wort belebt mit rhythmischem Gefühl,
Der uns zu höherm Seelenflug begeistert;
Wie klein erschein' ich neben dir, Virgil!
O Dichter, den ich ewig heiß verehrte,
O Götterstirn, noch heute frisch und jung,
Der mich der Musen Stimmen lauschen lehrte,
Und dem ich dank' der eignen Rede Schwung,
Mehr, als ich danken kann, hast du gegeben:
O hilf mir jetzt, wo wende ich mich hin?
Der Grimm, des wilden Tiers macht mich erbeben,
O sag' mir, Geist, wie soll ich ihm entfliehn?"

"Mußt andre Wege ziehen,
Willst du vor diesem Tier
Das hier dir droht, entfliehen.
Ich zeig' sie gerne dir.
Noch jeder, der gerungen
Auf diesem Weg zum Glück,
Der ward zerfleischt, verschlungen
Und kehrte nie zurück.

Ihn fällt dies Tier, das hier mit Furcht und Grauen
Die zitternd scheue Seele dir erfüllt,
Nach jedem hebt es grimmig seine Klauen,
Daß es des heißen Hungers Wollust stillt;
Es zeugt die Sünden, wenn es sich begattet,
Und schmerzhaft zuckt in diesem Fluch die Welt;
Doch seine Kraft wird sieghaft überschattet,
Wenn er erscheint, der reine Sonnenheld.
Der wird das Tier hinab zur Hölle treiben,
Von wo es einst der Neid emporgesandt.
Doch du sollst nun an meiner Seite bleiben,
Ich will dich führen durch der Toten Land:

Du sollst Verdammte sehen
In ew'ger Höllenpein,
Wirst durch das Feuer gehen
Und selbst geläutert sein.
Und bei den ewig Reinen
Wird dir ein reinrer Geist,
Als ich es bin, erscheinen,
Der dich zum Himmel weist.

Denn der dort oben auf des Himmels Throne
Das Zepter führt mit weiser Herrscherhand.
Der eins ist mit dem Geiste und dem Sohne
Ich habe ihn im Leben nicht erkannt.
Bis zu des ew'gen Thrones höchsten Stufen
Geleite ich auf deiner Fahrt dich nicht,
Ein unbefleckter Geist nur ist berufen,
Zu führen dich ins reine Himmelslicht."
"O Dichter," rief ich, "bei dem ewig Guten,
Beim heil'gen Gotte, den du nicht erkannt,
Zum Himmel führ' mich durch der Hölle Gluten,
Ich folge dir, hier hast du meine Hand!

Bring' mich an jene Orte
Wo Furcht und Grauen bangt,
Bis daß wir an der Pforte
Sankt Petri angelangt!"
Da wählte abwärts steigend
Den Weg zur Hölle er,
Und ich, ich folgte schweigend
Und schaudernd hinterher.

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