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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle

Der Dichter stellt dar, wie er, in einem wilden Walde verirrt und von drei wilden Tieren am Ersteigen eines Hügels gehindert, den Virgil erblickt, der ihm verspricht, ihm die Strafen der Hölle und des Fegefeuers zu zeigen; dann werde ihn Beatrice ins Paradies geleiten.

Inmitten auf dem Pfade unsres Lebens
Fand ich mich irr' in einem dunklen Walde,
Dieweil des rechten Weges ich verfehlt. 3

Schwer kommt es mir an, zu sagen, wie's beschaffen
Mit jenem Wald war, wild und rauh un dicht,
Daß mir Erinnrung schon die Furcht erneuert. 6

Nur wenig bittrer ist, denn sie, der Tod.
Doch um vom Heil, das ich dort fand, zu sprechen,
Sag' ich vom Andern, was ich dort erschaut. 9

Wie ich hineingerieth, nicht kann ich's sagen;
Denn solchermaßen war ich voll des Schlafs,
Als von dem wahren Weg' ich abgekommen. 12

Doch als ich war an eines Hügels Fuß
Gelangt, wo jenes Thal ein Ende nahm,
Das mir mit Furcht das Herz erschüttert hatte: 15

Blickt' ich zur Höh' und sah des Hügels Schultern
Umfangen schon von des Planeten Strahlen,
Der Jeden recht auf jeder Straße führt. 18

Geschwichtigt war darauf die Furcht ein wenig,
Die in des Herzens See mir war verblieben
Zur Nacht, die ich verbracht in solcher Angst. 21

Und jenem gleich, der, mit erschöpftem Odem,
Dem Meer entkommen, auf dem Ufer sich
Mit starrem Blick zur drohnden Flut rückwendet: 24

So wendete mein Geist, in steter Flucht,
Sich rückwärts, um den Pfad sich zu beschauen,
Der Keinem jemals lebend noch entließ. 27

Als ich die müden Glieder ausgeruht,
Nahm an dem öden Abhang so den Weg ich,
Daß stets ich feststand auf dem tiefren Fuße. 30

Und sieh, es zeigt, grad am Beginn der Höhe,
Ein Panther sich, leicht und sehr schnellen Laufes,
Der war mit buntgeflecktem Fell bekleidet, 33

Und eher nicht ging er mir aus den Augen,
Bis er mich so am Weitergehen gehindert,
Daß mehrmals ich der Umkehr willens war. 36

Es war die Zeit, da sich der Morgen anhebt;
Die Sonne stieg empor mit jenen Sternen,
Die mit ihr waren, als die Liebe Gottes 39

Zuerst die schönen Ding' in Regung brachte,
So daß mir Grund zu gutem Hoffen gab
Von jenem Thiere mit dem bunten Felle 42

Der Zeiten Stunde, wie die süße Jahrszeit;
Nicht aber also, daß nicht Furcht mir weckte
Der Anblick eines Löwen, der sich zeigte. 45

Das Ansehn hatt' er, auf mich loszukommen,
Erhobnen Haupts und mit gewalt'gem Hunger,
So daß die Luft davon zu beben schien. 48

Auch eine Wölfin, die mit allen Gierden,
Trotz ihrer Magerkeit, beladen schien,
Und vielen schon das Leben hat verbittert, 51

Die ließ erstarren also meine Glieder
Vor Schreck, der mir von ihrem Anblick kam,
Daß mir die Hoffnung auf die Höh' verging. 54

Und wie dem ist, der dem Gewinnste nachgeht
Und, kommt die Zeit, daß ihn Verlust betrifft,
In allen Sinnen sich betrübt und wehklagt: 57

So that auch mir das friedelose Thier,
Das auf mich zukam und mich Schritt vor Schritt
Dahin zurücktrieb, wo die Sonn' erschweiget. 60

Als nun zu tiefrem Ort hinab ich stürzte,
Da bot sich meinen Augen Einer dar,
Deß Stimm' erloschen schien vor langem Schweigen. 63

Als ich ihn in der großen Wüst' erblickte:
„Erbarme meiner dich!” rief ich ihm zu,
„Ob Schatten oder Mensch, wer du auch sein magst!” 66

Antwort gab er: „Nicht Mensch mehr, Mensch einst war ich;
Lombarden waren die Erzeuger mein,
Und Mantua war beider Vaterland. 69

Geboren unter Julius, ob auch spät,
Lebt' ich in Rom unter August dem Guten,
Zur Zeit der falschen und erlognen Götter. 72

Ich war Poet und sang von dem gerechten
Sohn des Anchises, der von Troja kam,
Nachdem das stolze Ilium eingeäschert. 75

Doch du, was kehrst du ein bei solcher Qual?
Warum besteigst du nicht den Berg der Wonne,
Der Grund und Ursach ist von allen Freuden?” - 78

„O, bist du der Virgil und jene Quelle,
Die also reichen Strom der Red' ergießt?”
Gab ich zur Antwort mit verschämtem Antlitz. 81

„O du der andern Dichter Ehr' und Leuchte!
Helf' mir der lange Fleiß, die große Liebe,
Die dein Gedicht mich so durchforschen lassen! 84

Du bist mein Meister, du mein Musterbild,
Du bist der Einzige, vondem ich ernte
Der Rede Schmuck, der Ehre mir gebracht. 87

Du siehst das Thier, das mich zur Umkehr zwang,
Hilf mir von ihm, berühmter Weiser, denn;
Es macht erzittern mir so Puls' als Adern.” - 90

„Einschlagen mußt du jetzo andern Weg”,
Erwiedert er, da er mich weinen sah,
„Willst du dich retten aus dem wüsten Orte; 93

Denn dieses Thier, ob dem du Hülf' errufst,
Läßt Keinen ruhig seine Straße ziehen,
Nein, es verfolgt ihn, bis es ihn getödtet. 96

Es hat so bösgeartete Natur,
Daß es niemals die Lust der Gierde stillt,
Und nach dem Fraß mehr Hunger hat als vorher. 99

Viel Thiere sind's, womit es sich begattet,
Und mehr noch werden's sein, bis einst wird kommen
Der Windhund, der es bis zum Tod verwundet. 102

Nicht wird von Erde der, noch Geld sich nähren,
Vielmehr von Weisheit, Lieb' und Tugend; mächtig
Auch wird er zwischen Feltr' und Feltro sein; 105

Wird sein Italiens Heil, des demuthniedern,
Für das Camilla starb, die Jungfrau, Turnus,
Euryalus und Nisus, All' in Wunden. 108

Der wird das Thier aus jeder Stadt verjagen,
Bis er zur Höll' es wieder heimgeschickt,
Von wo der Urneid es heraufgesendet. 111

Zu deinem Besten also mein' ich und denk' ich,
Daß du mir folgst, ich will dein Führer sein
Und dich von hier zum ew'gen Ort geleiten, 114

Wo der Verzweiflung Schrei du hören wirst,
Sehn wirst die alten, schmerzgequälten Geister,
Die alle nach dem zweiten Tode jammern. 117

Dann wirst du Jene sehen, die begnügt
Im Feuer sind, weil sie zu kommen hoffen,
Wann es auch sei, zu den glücksel'gen Geistern. 120

Willst du empor zu diesen, wird geleiten
Dich eine Seele, würdiger denn ich;
Ihr überlaß' ich dich bei meinem Scheiden. 123

Denn jener König, der da oben herrschet,
Weil seinem Willen ich entgegen war,
Läßt nicht durch mich zu seiner Stadt gelangen. 126

Er waltet überall und dort regiert er;
Alldort ist seine Stadt, sein hoher Thron:
O glücklich der, den er für dort erwählet!” - 129

Und ich zu ihm: „Ich bitte dich, o Dichter,
Bei jenem Gott, den du erkannt nicht hast,
Damit dies Uebel ich und Schlimmres fliehe: 132

Führ' mich dahin, wovon du eben sprachst,
Damit des heil'gen Petrus Pfort' ich schaue,
Wie Jene, die so traurend du geschildert.” - 135

Hierauf schritt vorwärts er, und ich ihm nach. 136

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