Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 32
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 32

Dante, in Beatricens Anblick versunken, wird von dem Rufe der drei Frauen erweckt. Der Zug setzt sich wieder in Bewegung, in der Ordnung wie er kam. An den Baum der Erkenntniß gelangt, steigt Beatrix ab. Der Greif bindet die Deichsel an den Baum, worauf er sich neu begrünt. Unter den Klängen eines himmlischen Hymnus ebtschlummert Dante. Als er aufwacht, sieht er Mathilde über sich und fragt nach Beatriv. Sie sitzt allein unter dem Baume, nur von den sieben Frauen und den sieben Lichtern umgeben während der Greif und das übrige Gefolge verschwunden. In einer nun folgenden Vision, welche Beatrix ihn bei der Rückkehr aufzuschreiben auffordert, sieht er die Schicksale der christlichen Kirche bis auf die Gegenwart.

So fest und starr sahn meine Augen hin,
Zu stillen heißen Durst von zehen Jahren,
Daß mir erlosch jedweder andre Sinn.

Und rechts und links umgab von Nichtgewahren
Sie eine Wand, da in den alten Schlingen
Des heiligen Lächelns sie gefangen waren.

Da plötzlich hört' ich von den Drein erklingen
Ein ‘Allzustarr!’ so daß zur Linken hin
Ich mit Gewalt die Augen mußte schwingen.

Und jener Zustand in dem Auge drin,
Wenn Sonnenstrahlen in dasselbe drangen,
Nahm mir auf kurze Zeit des Schauens Sinn.

Doch als mein Blick Geringres konnt' empfangen -
Geringres sag' ich, dem Zuviel verglichen,
Von dem gewaltsam los die Augen rangen -

Sah ich zur rechten Seite hin entwichen
Die heiligen Scharen, die, den sieben Flammen
Entgegen und der Sonne, rückwärts strichen.

Wie Truppen, die Gefahren eng umklammen,
Abschwenken um die Fahne, von den Schilden
Geschützt, und dann erst drehen allzusammen:

So zog der vordre Theil der Himmelsgilden,
Eh sich der Wagen drehte, all und jeder
An uns vorbei auf seligen Gefilden.

Die Frauen traten wieder an die Räder,
Fort ward die heilige Last vom Greif gezogen,
So daß an ihm sich rührte keine Feder.

Es folgt' die Schöne, die durch Lethes Wogen
Mich zog, Statius und ich des Rades Gange,
Das seine Wendung macht im engern Bogen.

Wir gingen durch den Hain, der, weil der Schlange
Eva geglaubt, steht leer und öde da,
Die Schritte regelnd nach der Engel Sange.

Drei Pfeilschußweiten waren wir beinah,
Begleitend ihren Wagen, schon gekommen,
Als ich Beatrix ihm entsteigen sah.

‘Adam!’ ward flüsternd rings der Ruf vernommen;
Dann scharten alle sich um einen Baum,
Dem Blüth' und Laub an jedem Ast benommen.

Sein Laub, das einnimmt um so breitern Raum,
Je mehr er aufsteigt, fänd' im Land der Inden
An Höh' in Wäldern seines gleichen kaum.

‘Heil, Greif, daß mit dem Schnabel nichts entwinden
Du willst dem Holze, das dem Gaum gefällt,
Denn übel müßte drob der Bauch sich winden.’

So riefen, um den starken Baum gestellt,
Die andern. Drauf das Thier von zwei Gestalten:
‘Das ists was alles Rechtes Saat erhält.’

Die Deichsel, die es zog, schleppt' es zum alten
Verwaisten Baum, an dem es fest sie band,
Ihm lassend, was den Stoff durch ihn erhalten.

Wie unsre Pflanzen, wenn aufs kalte Land
Das große Licht wirft seine Strahlen nieder
Sammt dem Licht, das der Widder hat entsandt,

Anschwellen, und in eigner Farbe wieder
Sich jed' erneut, bevor die Sonn' ins Joch
Schirrt unter anderm Stern der Rosse Glieder:

So ward der Baum, der kahle Zweige noch
So eben wies, verjüngt, und zwar nicht eben
Wie Rosen roth und mehr als Veilchen doch.

Nicht konnt' ich ihn verstehn und hört' im Leben
Den Hymnus nie, den ich jetzt hörte singen;
Ein schlief ich, eh die letzten Tön' entschweben.

Könnt' ich beschreiben, wie des Schlummers Schwingen
Die Augen trogen bei Mercurs Erzählen,
Die strengen Augen, die drum Straf' empfingen,

Dann würd' ich danach, gleich wie Maler wählen
Ein Vorbild, malen, wie mich Schlaf bezwang;
Mag Das zu schildern sich einst ein andrer quälen!

Nur mein Erwachen schildre mein Gesang.
Des Schlummers Schleier brach ein Glanz von oben,
Ein Ruf: ‘Steh auf! Was thust du da?’ erklang.

Wie Petrus mit Johannes und Jacoben
(Die man geführt zu schaun die Apfelblüthe,
Nach deren Frucht gelüstet Engel droben,

Weil sie ein Brautmahl ist von höchster Güte),
Bei jenem Wort vom Schlummer aufgefahren,
Das tiefern Schlaf einst brach - um, im Gemüthe

Erstaunt, die Zahl vermindert zu gewahren
Um Moses und Elias, und des Herrn
Gewande, wie sie umgewandelt waren -:

So wacht' ich auf und sahe, nicht gar fern,
Die Fromme über mir, die meine Schritte
Vorher am Fluß geleitet wie ein Stern.

Wo ist Beatrix'? fragt' ich, sprich, ich bitte!
Doch jene drauf: ‘Schau, wie sie dort am Stamm
Des Baumes sitzt in neuen Laubes Mitte.

Schau! sie umgibt von Freundinnen ein Damm!
Dem Greif ziehn nach die übrigen Genossen
Mit Liedern, noch mehr süß und wundersam.’

Ob ihrem Mund mehr Worte noch entflossen,
Nicht weiß ichs, denn schon haftete an ihr
Mein Blick, für alles andere verschlossen.

Allein saß auf dem wahren Land sie hier,
Als Hüterin des Wagens da geblieben,
Den ich befestigen sah das Doppelthier.

Im Kreise rings umgaben sie die sieben
Jungfrauen mit den Lichtern, deren Schimmer
Kein Nord- und Südwind jemals macht zerstieben.

‘Hier bleibst, ein Fremdling, du, doch lange nimmer,
Und wirst ein Bürger jenes Rom, worin
Christus ein Römer ist, mit mir für immer.

Zum Heil der Welt, die jetzt dem Bösen hin
Sich gibt, sieh an den Wagen! Heimgekehrt
Schreib auf was wahrgenommen hier dein Sinn.’

So sprach Beatrix. Ich, der nur begehrt'
Ihrem Befehl zu Füßen mich zu legen,
Hielt, wie sie's wollte, Aug' und Sinn gekehrt.

Nie fiel herab aus dichter Wolke Wegen
Mit solcher Schnell' ein Feuer, wenn geflossen
Aus fernsten Regionen kommt der Regen,

Als Jovis Vogel ich herabgeschossen
Sah durch den Baum, zerreißend rings die Rinde,
Nicht Blüthen nur und neuen Laubes Sprossen.

Den Wagen selbst traf er so ungelinde,
Daß er sich bog, gleich wie ein Schiff im Stoß
Der Fluth bald rechts, bald links bei heftigem Winde.

Dann sah ich in des Siegeswagens Schoß
Sich gierig drängen einen Fuchs, der nie,
So schien es, gutes Futter noch genoß.

Doch als die Herrin schnöder Sünd' ihn zieh,
Da wandt' er sich zur Flucht, des Schreckens Beute,
So weit sein fleischloses Bein ihm Kraft verlieh.

Drauf sah von dort, woher zuerst er dräute,
Den Aar ich stürzen in des Wagens Kasten,
Den er mit Federn, als er schied, bestreute.

Wie aus der Brust, die Gram und Leid erfaßten,
So kam vom Himmel eine Stimm' und sprach:
‘Mein Schifflein, ach! wie trägst du schlimme Lasten!’

Und zwischen beiden Rädern, schien es, brach
Die Erd' ein und ein Drach' entstieg der Lücke,
Der mit dem Schwanze durch den Wagen stach.

Dann, wie den Stachel Wespen ziehn zurücke,
Zog er den Schweif ein und entfloh behende,
Mitschleppend von dem Boden große Stücke.

Und gleich wie Gras bedeckt ein fett Gelände,
Bedeckte sich der Rest mit dem Gefieder,
Das fromme Absicht wohl ihm bot als Spende.

Auf beide Räder und die Deichsel nieder
Fiel in so kurzer Frist die Federndecke
Wie kaum ein Mund sich schließt beim Seufzen wieder.

Da schien's, als ob aus seinen Theilen strecke
Der heilige Bau, verwandelt, Häupter viere,
Drei aus der Deichsel, eins aus jeder Ecke.

Die erstern hatten Hörner wie die Stiere,
Die andern vier nur eines vorn am Hirne;
Nie gab es solch ein Ungethüm von Thiere.

Wie eine Burg auf hohem Fels, die Stirne
Voll Trotz, die Augen schnell ringsum gewandt,
Sah auf dem Thier ich sitzen eine Dirne.

Daneben, daß sie ihn nicht werd' entwandt,
Gewahrt' ich einen Riesen, der, mit ihr
Viel geile Küsse tauschend, bei ihr stand.

Doch weil ihr lüstern schweifend Auge mir
Sich zugewendet, schlug sie grimm und wild
Von Kopf zu Fuß der Buhl' ob solcher Gier.

Dann löst' er ab und trieb, ein seltsam Bild,
Argwöhnisch sie in grimmen Zornes Feuer
Zum Walde, der allein schon mir zum Schild

Ward vor der Hur' und vor dem Ungeheuer.

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