Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 31
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 31

Beatrix wendet sich jetzt an Dante und hält ihm sein Schuld vor, indem sie ihm vorstellt, wie er nach ihrem Tode hätte sein und werden müssen. Er bekennt weinend seine Schuld. Sie fordert ihn auf, sein Antlitz zu erheben, um zu schauen, was er verloren. Die Blumenwolke ist verschwunden. Noch deckt sie der Schleier. Nun faßt ihn Mathilde, taucht ihn in Lethe ein und zieht ihn durch die Fluth ans andere Ufer. Die vier Frauen stellen ihn vor den Greisen hin, dessen Bild er in Beatricens Augen gespiegelt sieht. Die drei anderen Frauen nahen sich; auf ihre Bitte nimmt Beatrix den Schleier ab.

‘Du jenseit dort am heiligen Strom’ - so kehrte
Sie jetzt der Rede Spitze gegen mich,
Die mit der Schneide schon mich scharf versehrte.

Und ohne Säumen fuhr sie fort: ‘O sprich,
Sprich, hab' ich wahr geredet? auf so schwer
Beschuldigen ziemt dein Geständniß sich.’

Gebrochen war all meine Kraft so sehr,
Daß sich die Stimme regt'; eh von der Kehle
Sie sich gelöst, starb sie jedoch vorher.

Ein wenig harrend: ‘Was sinnt deine Seele?’
Sprach sie, ‘gib Antwort! noch nicht hat benommen
Dir Lethe die Erinnrung deiner Fehle.’

Furcht und Verwirrung preßten bang beklommen
Ein Ja aus meinem Mund hervor, so leise,
Daß mit dem Aug' es nur ward wahrgenommen.

Gleich wie die Armbrust, allzu straffer Weise
Gespannt, losgehend Bogen sprengt und Strang,
Daß minder schnell der Bolzen fliegt die Reise:

So brach ich unter solcher Lasten Zwang
Zusammen, Seufzer quollen vor und Thränen,
Und meine Stimme stockt' auf ihrem Gang.

Und sie zu mir: ‘Trieb dich mir nach ein Sehnen,
Das dich nach jenem Gute lehrte streben,
Darob hinaus nichts höhres zu ersehnen,

Was fandest du für vorgezogne Gräben
Und Ketten, die dir so den Muth benommen,
Daß du das Vorwärtsdringen aufgegeben?

Und welcher Vortheil, welch Entgegenkommen
Zeigt' auf der Stirne jener andern sich,
Daß du zu ihnen lieber mochtest kommen?’

Nach einem Seufzer tief und bitterlich
Fand ich zur Antwort Stimme kaum, und hart
Gelang der Worte Form dem Mund, als ich

Mit Thränen sprach: Mich ließ der Gegenwart
Trugvolle Lust den wahren Weg verkennen,
Als euer Antlitz mir entzogen ward.

Drauf sie: ‘Und hättest du auch nicht bekennen
Gewollt, drum wäre minder kundbar nicht
Die Schuld, die deines Richters Augen kennen.

Doch wenn hervor aus eignem Munde bricht
Der Schuld Anklage, dann kehrt sich entgegen
Das Rad der Schneid' an unserem Gericht.

Allein daß größre Scham du mögest hegen
Ob deines Irrthums, und wenn die Sirenen
Du wieder hörst, dich stärker mögest regen,

So hemme jetzt die Quelle deiner Thränen,
Und höre, wie mein Leib, der Erd' entrückt,
Sollt' umgekehrten Weges ziehn dein Sehnen.

Nie hat Natur, nie Kunst dich so entzückt,
Wie jener schöne Leib, der mich umfangen,
Und dessen Staub nun längst die Erde drückt.

Und ward durch meinen Tod dein höchst Verlangen
Getäuscht, welch sterblich Wesen durfte dich
Noch locken fernerhin, an ihm zu hangen?

Es ziemte bei dem ersten Angriff sich,
Den trügerischen Dingen zu entfliehen,
Hinauf, mir nach, die nicht mehr jenen glich.

Nicht erdwärts durften dir die Flügel ziehen,
Noch mehr dich zu berücken, Mägdelein
Und andrer Tand, dem flüchtiger Reiz verliehen.

Man täuscht den jungen Vogel wohl zu zwein
Und dreien Malen, doch die flüggen gehen
Nicht auf den Leim, sei 's Netz auch noch so fein.’

Wie Kinder, die vor Scham verstummend stehen,
Das Aug' am Boden, hören bang beklommen,
Weil sie die Schuld bereuend eingesehen,

So stand ich da. ‘Wenn das, was du vernommen,’
Sprach sie, ‘dich schmerzt, so hebe deinen Bart:
Es wird vom Schaun noch größrer Schmerz dir kommen.’

Mit mindrem Widerstand entwurzelt ward
Ein mächtiger Eichenbaum, ob von Jarba's Reich
Der Wind weht, ob vom Norden nimmt die Fahrt,

Als ich das Kinn hob auf Befehl sogleich;
Und wie den Bart statt des Gesichts sie nannte,
Verstan ich wohl das Gift in dem Vergleich.

Kaum daß mein Antlitz ich nun aufwärts wandte,
Als ich, daß mit dem Blumenstreuen ein
Die Engel hielten, mit dem Blick erkannte.

Mein Auge sah mit noch unsichrem Schein
Beatrix nach dem Thier gewandt, daß eine
Person, ob zweifach die Naturen sei'n.

Verhüllt vom Schlei'r, jenseits am grünen Raine,
Besiegt' ihr frühres Selbst sie so viel mehr
Als sie die andern hier an lichter Reine.

Der Reue Nesseln brannten mich so sehr,
Daß ich jetzt das am meisten mußte hassen,
Was mir zumeist Lust weckte und Begehr.

So fühlt' ich Selbsterkenntniß mich erfassen,
Daß ich bewältigt hinsank - und wie ich
Mich fühlte, weiß Die mich es fühlen lassen.

Drauf, als die Kraft nach außen wieder sich
Einfand, sah ich das Weib, das ich allein
Gefunden, über mir, und: ‘Fasse mich’,

Rief sie und tauchte bis zum Hals mich ein,
Und gleich dem Weberschiff durchschritt die leichte
Gestalt die Fluth und zog mich hinterdrein.

Da tönt', als ich den seligen Strand erreichte,
‘Entsündige mich!’ so lieblich, daß, erlaubte
Es auch Erinnrung, doch kein Wort dran reichte.

Auf that das schöne Weib die Arm', am Haupte
Mich fassend, tauchte sie so tief mich nieder,
Daß zu ertrinken ich im Wasser glaubte.

Dann zog sie mich empor, dem so die Glieder
Genetzt, und bot mich dar dem Tanz der Vier,
Die mit den Armen mich bedeckten wieder.

‘Am Himmel sind wir Sterne, Nymphen hier,
Bestellt sind wir zu ihren Dienerinnen,
Bevor Beatrix stieg zum Erdrevier.

Wir führen vor ihr Auge dich von hinnen;
Doch für das Licht in ihm wird durch die Drei,
Die tiefer schaun, dein Aug' erst Kraft gewinnen.’

So sangen sie und führten mich dabei
Mit sich von dannen zu der Brust des Greisen,
Wo Sie uns zugewendet stand. ‘Laß frei,’

So sprachen sie, ‘jetzt deine Blicke schweifen;
Wir haben dich vor den Smaragd gestellt,
Draus einst die Liebe flog, dich zu ergreifen.’

Von tausend Wünschen flammenheiß geschwellt,
Zog es den Blick zu jenen Augen hin,
Die auf dem Greifen ruhten glanzerhellt.

Gleich wie die Sonn' im Spiegel, strahlte drin
Das zweigestaltige Thier, und bald der einen
Geberde. bald der andern ward ich inn'.

Daß ich erstaunt, wird euch natürlich scheinen,
Als, in sich ruhig, ich die Sach' entdeckt'
Und doch ihr Bild stets wechselnd sah erscheinen.

Wie meine Seele, staunend, froh erschreckt,
Sich selig fühlte, jene Nahrung speisend,
Die, mit sich sätt'gend, Hunger nach sich weckt,

Da, sich als Wesen höhrer Art erweisend,
Da traten vor jetzt jene andern Drei,
Nach Engelsmelodie in Tanze kreisend.

‘Kehr', o Beatrix,’ sangen sie dabei,
‘Die heiligen Augen deinem Treuen zu,
Der, dich zu schaun, von fernher kam herbei.

O gib die Gnad' aus Gnaden ihm, daß du
Den Mund entschleierst, daß sich ihm erhelle
Die zweite Schönheit, die du deckest zu.’

O ewigen, lebendigen Lichtes Helle,
Wer ward so alt in des Parnasses Schatten,
Wer trank so tief aus seinem lautern Quelle,

Daß hier sein Geist nicht schiene zu ermatten,
Wär' deinen Glanz zu schildern er geneigt,
Wie du, die Himmelsharmonien umschatten,

Den offnen Lüften dich enthüllt gezeigt.

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