Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 25
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 25

Auf Dantes Frage, wie es komme, daß Schatten abmagern können, erwidert, von Virgil aufgefordert, Statius mit einer Darlegung des Verhältnisses zwischen Leib und Seele und einer Schilderung des physiologischen Vorgangs der Zeugung und Entwicklung. So gelangen sie zum siebenten Kreise, in welchem die Wollüstigen büßen. Flammen brennen hier und nur ein schmaler Pfad am Rande bleibt zum Gehen fei. Durch das Feuer schallt ein Hymnus. Die durch die Flamme laufenden Geister nennen Beispiele der Keuschheit.

Die Stund' erheischt' ein ungesäumtes Steigen,
Es gab die Sonne schon den Mittagskreis
Dem Stier, die Nacht dem Scorpion zu eigen.

Wie Einer, der von Stillestehn nicht weiß
Und, weil Nothwendigkeit ihn treibt allein,
Was auch begegne, vorwärts geht im Gleis:

So traten, einer hinterm andern drein,
Wir in die Kluft, wo wir die Trepp' erstiegen,
Die nie zwei Steiger läßt selbander ein.

Und wie der junge Storch aus Lust zu fliegen
Die Schwingen hebt, um gleich, weil er nicht wagt
Das Nest zu lassen, wieder sie zu schmiegen:

So war in mir aufflammend und verzagt
Des Fragens Lust, bis daß ich schien wie Der,
An dem man sieht, gern hätt' er was gesagt.

Mein süßer Hort, eilt' er auch noch so sehr,
Bemerkt' es: ‚Schnelle los des Wortes Bogen,
Der bis zum Schloß gespannt ist,’ sagte er.

Ich that den Mund auf, zum Vertraun bewogen,
Und sprach: Ists möglich, daß man mager werde
Wo kein Bedrüfniß hin zur Kost gezogen?

‚Gedächtest du des Brandes auf dem Herde,
Der, brennend, zehrte Meleagern hin,
So macht,’ sprach er, ‚dies dir nicht Beschwerde.

Erwögst du, wie das Bild im Spiegel drin,
Sobald ihr zuckt, auch zuckend wird erfunden,
So schiene weich was hart scheint deinem Sinn.

Doch daß nach Lust du dieses mögst erkunden,
So ist hier Statius, den ich ruf' und bitte,
Daß er ein Heiler sei für deine Wunden.’

‚Erklär' ich ihm der ewigen Dinge Sitte,’
Sprach er, ‚wenn du dabei, mag das mich nur
Entschuldigen, daß ich nachkam deiner Bitte.’

Und er hob an: ‚Wenn meine Worte Spur,
O Sohn, dein Sinn folgt, wirst du bald belehrt
In dieser Frage Wesen und Natur.

Vollkommnes Blut, das nicht wird aufgezehrt
Von durstigen Adern, bleibt zurücke wieder
Wie Mahlesreste, dran man sich genährt.

Es nimmt Gestaltungskraft für alle Glieder
Des Menschen in dem Herzen, jenem gleich,
Das, Glieder bildend, strömt die Adern nieder.

Nochmals gereinigt, sinkt es nun sogleich
Zum Glied, das man nicht nennt, und träuft von dort
In fremden Bluts natürliches Bereich.

Hier eint sich eins dem anderen sofort,
Zum Leiden dies, zum Schaffen das gemacht;
So dedel ist, dem es entquillt, der Ort.

Dort angelangt, wird wirksam seine Macht,
Erst durch Gerinnen, dann wirkt es belebend
Was es als seinen Stoff zum Stehn gebracht.

Die thätige Kraft, nunmehr als Seele webend,
Von Pflanzenseelen so verschieden bloß,
Daß dies' am Ziel, zum Ziel erst jene strebend,

Schafft Regung und Gefühl, wie sie im Schoß
Des Meers der Schwamm hat, allgemach gestaltend
Der Kraft Organe, die aus ihm entsproß.

So wirkt die Kraft, sich dehnend und entfaltend,
Die aus des Zeugers Herzen stammt, worin
Natur wohnt, aller Glieder Stoff enthaltend.

Wie aus dem Thier ein Mensch wird, sieht dein Sinn
Noch nicht; indeß dem Irrthum gab in eben
Dem Punkt ein Klügrer schon als du sich hin.

Er nahm getrennt in seiner Lehre neben
Der Seele an den fähigen Verstand,
Weil kein Organ er diesem sah gegeben.

Schließ' auf der Wahrheit, die nun kommt, die Wand
Des Geistes; wisse, wenn im Embryo
Die Gliederung des Hirns ihr Ende fand,

Kehrt solchem Kunstwerk der Natur sich froh
Der Urbeweger zu, und neuen Geist
Haucht er ihm ein, mit Kraft begabet so,

Daß, was dort thätig ist, er an sich reißt,
Und so als fühlende, lebendig eine,
In sich gekehrte Seele sich erweist.

Daß minder staunenswerth dies Wort dir scheine,
Denk' an die Sonnengluth: mit Saft, der innen
Der Reb' entquillt, gepaart, wird sie zu Weine.

Wenns dann der Parze fehlt am Lein zum Spinnen.
Löst sie vom Fleisch sich und im Keime trägt
Sie Göttliches und Menschliches von hinnen.

Wenn jede andre Kraft des Ruhens pflegt,
Bleibt ihr Erkenntniß, Willen und Verstand
In Wahrheit mehr als früher angeregt.

Sie fällt nun auf den einen Uferrand
Von selber, wunderbar, unaufgehalten:
Und hier wird ihr zuerst ihr Weg bekannt.

Sobald ein Raum daselbst sie festgehalten,
Strahlt Bildungskraft aus ihr, die ihr entquoll
Als im lebendigen Leib sie durfte walten.

Und wie die Luft, wenn sie des Regens voll,
Von fremdem Strahl, der in ihr widerscheinet,
Empfängt verschiedner Farben bunten Zoll,

So wird die nächste Luft zur Form vereinet,
Die ihr die Seel' als ihrer Kraft Gepräge
Verlieh, sobald in sie gebannt sie scheinet.

Und jenem Flämmchen gleich, das allewege
Dem Feuer folgt, wohin es auch mag gehen,
So folgt die neue Form des Geistes Wege.

Weil er durch sie läßt äußerlich sich sehen,
Heißt Schatten sie und läßt für einen jeden
Der Sinn' Organe, die man sieht, entstehen.

So kommt es, daß wir Schatten lachen, reden
Und Seufzer bilden ebenso wie Thränen,
Wie du am Berg gesehen hast jedweden.

Und je nachdem uns nun beherrscht ein Sehnen
Und sonstiger Trieb, gestaltet sich der Schatten;
Das ists worüber du gestaunt bei Jenen.’

Als wir erreicht die letzte Marter hatten
Und oben uns zur Rechten hingewandt,
Mußt' andre Sorge unsern Blick umschatten.

Hier schleudert Flammen aus die Felsenwand,
Nach oben haucht der Sims ein Windeswehen,
Das sie zurückwirft, von ihm trennt und bannt.

Drum mußten wir, eins nach dem andern, gehen
Am offnen Rand; das Feuer scheut' ich dort,
Hier bebt' ich mich herabgestürzt zu sehen.

Mein Führer sprach zu mir: ‚An diesem Ort
Muß man die Augen streng im Zügel halten,
Denn wenig fehlt, so reißt uns Irrthum fort.’

‚O höchster Gott der Gnade!’ also schallten
Gesäng' im großen Feuer mitten drin,
Daß hinzuschaun ich mich nicht konnt' enthalten.

Und Geister wallten durch die Flammen hin;
Auf ihren Schritt und meinen wandt', im Kreise
Umschauend, ich abwechselnd Blick und Sinn.

Und als zu Ende war des Hymnus Weise,
Rief alles laut: ‚Ich weiß von keinem Mann;’
Dann wiederholten sie den Hymnus leise.

Als dies zu Ende, wiede rief es dann:
‚Diana blieb im Walde, Helice
Verstoßend, die der Venus Garn umspann.’

Dann priesen, zum Gesang gewandt wie eh,
Sie Fraun und Gatten, die da keusch geblieben,
Wie Tugend es erheischt und Pflicht der Eh'.

Und so abwechselnd wird es fort getrieben,
So lang die Gluth sie brennt, zu jeder Stunde;
Durch solche Nahrung und solch sorglich Ueben

Muß sich auch schließen noch die letzte Wunde.

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