Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 24
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 24

Dante empfängt von Forese Auskunft über dessen Schwester Piccarda, sowie über mehrere Seelen dieses Kreises. Er läßt sich mit Bonagiunta von Lucca in ein Gespräch ein und bezeichnet die Aufgabe des wahren Dichters. Auf Foreses Frage, wann sie sich wiedersehen würden, spricht Dante seine Sehnsucht aus, bald aus dem Leben zu gehen. Prophezeiung Foreses über die Zukunft von Florenz. Dann entfernt er sich. Die Dichter kommen an einen andern Fruchtbaum, zu welchem Schatten verlangend emporschreien. Eine Stimme aus dem Baume vertreibt sie und führt warnende Beispiele der Völlerei und Trunkenheit an. Nach weiterm Wandern erscheint ein Engel, lädt zum Aufsteigen in den nächsten Kreis und weht ein P von Dantes Stirn. Eine Stimme preist die Enthaltsamen.

Nicht hemmte Wort das Gehn noch Gehn das Wort,
Fort im Gespräche ging es ohn' Ermatten,
Dem Schiffe gleich, das guter Wind treibt fort.

Und die - so schiens - zweimal gestorbnen Schatten
Sahn staunend mich aus hohlen Augen an,
Da sie lebendig mich gesehen hatten.

Und ich, fortsetzend was ich erst begann,
Sprach: Eines Andern wegen geht der Geist
Langsamer, als er sonst thut, wohl bergan.

Doch sprich: wo ist Piccarda, wenn du's weißt?
Ist unter dieser nach mir schaunden Schar
Jemand, der sich bemerkenwerth erweist?

‘Der Schwester, die so schön wie trefflich war
(Kaum weiß ich, welches mehr), ihr schmückt im hehren
Olymp die Siegesekrone schon das Haar,’

Sprach er, und weiter: ‘Hier kann niemand wehren
Daß man den Namen nennt von einem jeden,
Weil sich die Züg' im Hunger ganz verzehren.

Dies ist - den Finger streckt' er aus beim Reden -
Von Lucca Bonagiunt; Der hinterdrein,
Der an Abmagrung übertrifft jedweden,

Schloß einst im Arm die heilige Kirche ein.
Er war aus Tours und hat hier abzudienen
Bolsenas Aalgericht und Firnewein.’

Noch weiter zeigt' er andere von ihnen;
Gern hörten sie sich nennen, wie es schien,
Denn finster sah ich darum Keines Mienen.

Ich sah umsonst vor Hunger Ubaldin
Von Pila käu'n und Bonifacius,
Dem vieles Volk zu weiden ward verliehn;

Sah Herrn Marchese, der im Ueberfluß
Schwelgt' in Forli mit minder trockner Kehlen,
Und nimmer satt sich fühlte beim Genuß.

Wie Einer vieles schaut um eins zu wählen,
So macht' ich es mit dem von Lucca dort,
Dem auch von mir nicht Kunde schien zu fehlen.

Und wie ‘Gentucca’ klang sein murmelnd Wort,
Das dorther kam, wo ihm gerechte Rache
Das Fleisch hinweggezehrt und eingedorrt.

O Geist, versetzt' ich, der mit mir Zwiesprache
Gern halten möchte, laß mich dich verstehen,
Daß mich und dich dein Wort befriedigt mache.

‘Ein Weib, das Frauenschleir noch nicht umwehen,
Lebt,’ sprach er, ‘ihretwegen wird dir werth
Einst meine Stadt, mag man auch jetzt sie schmähen.

Du kommst dorthin, voraus vom mir belehrt,
Und ob du meinem Murmeln dürfest trauen,
Wird durch die Wirklichkeit dir einst erklärt.

Doch sprich, ob meine Augen Den hier schauen,
Der sang das neue Lied mit dem Beginne:
Die ihr der Liebe kundig seid, ihr Frauen.’

Ich bin ein Dichter, sprach ich, der, wenn Minne
Ihn anweht, aufhorcht, und wie sie geboten,
So schreib' ich, was ich fühlt' in Herz und Sinne.

‘O Bruder,’ sprach er, ‘jetzt seh' ich den Knoten,
Der dem Notar, Guitton' und mir den Stil,
Den süßen neu'n, von dem du sprachst, verboten.

Wohl seh' ich jetzt, wie sorglich euer Kiel
Nur auf dem Fuße folget Amors Lehre;
Wir aber waren weit von solchem Ziel.

Wer drüber weg noch strebt nach höh'rer Sphäre,
Verkennt der beiden Stile Unterschied.’
Er schwieg als ob er nun befriedigt wäre.

Gleich wie der Vögel Volk, das im Gebiet
Des Nils durchwintert, bald sich häuft in Scharen,
Bald schnellern Flugs in einer Reihe zieht,

So sah ich hier geschwindern Schrittes fahren
Von uns, den Blick gewandt, der Leute Hauf,
Die leicht durch Magerkeit und Willen waren.

Und wie, wer müde ward vom raschen Lauf,
Die andern ziehn läßt und geht mit Behagen,
Bis in der Brust das Keuchen höret auf:

So ließ die heilige Schar Forese jagen,
Und wie wir langsam schritten hinterdrein,
Sprach er: ‘Wann wird ein Wiedersehn uns tagen?’

Und ich: Wie lange währt mein irdisch Sein,
Nicht weiß ichs; doch so frühe komm' ich nicht,
Daß ich nicht wünscht', es möchte früher sein.

Denn jener Ort, wo mir zu leben Pflicht,
Läßt Tugend mehr von Tag zu Tage schwinden,
Und scheint verfallen grausamem Gericht.

‘An eines Thieres Schweif seh' ich ihn binden,
Der schuld zumeist, und schleppen ohne Rast
Zum Thal, wo keine Sühne mehr zu finden.

Mit jedem Schritte wächst des Thieres Hast,
Bis es, zertretend seinen Leib, mit schweren
Todwunden ihn läßt liegen schnöd erblaßt.

Nicht viel mehr werden kreisen diese Sphären -
Und er blickt' himmelan -, so wird dir klar
Was dir mein Wort nicht weiter kann erklären.

Doch bleibe jetzt zurück, die Zeit ist rar
In diesem Reich, zu viel würd' ich verlieren,
Ging' ich mit dir gleichschreitend immerdar.’

Wie aus der Ritter Schar, die her stolziren,
Mnachmal hervorsprengt im Galopp ein Reiter,
Des ersten Angriffs Ruhm zu usurpiren:

So ging er von mir, ein gar hastiger Schreiter.
Ich mit den zweien, die auf Erden Horte
Des Ruhmes waren, wanderte nun weiter.

Als Jener nun so weit von unserm Orte,
Daß nachzufolgen ihm mein Blick nicht mehr
Vermochte als mein Geist just seinem Worte,

Da zeigt' ein andrer Fruchtbaum sich mit schwer
Beladnen Zweigen in geringer Ferne,
Weil ich den Blick hin wandt' erst kurz vorher.

Darunter hoben Händ' und Augensterne
Viel Leut' und schrie'n, ich weiß nicht was, hinauf:
So bitten, dummbegehrlich, Kinder gerne,

Und nichts erwidert der Gebetne drauf;
Nein! hält, um recht zu steigern ihr Verlangen,
Was sie begehren, vor dem Blick hoch auf.

Als sie, Enttäuschten gleich, hinweg gegangen,
Gelangten zu dem großen Baume wir,
Zu dem umsonst so Flehn wie Thränen drangen.

‘Ohn' anzurühren geht vorüber hier!
Der Baum, dem der entstammt, steht weiter oben,
Von dem einst Eva aß, zum Unheil ihr.’

So sprach ich weiß nicht wer im Laube droben;
Weshalb Virgil, Statius und ich zur Seite,
Wo sich der Berg hebt, dichtgedrängt uns schoben.

Es sprach: ‘Gedenkt an das vermaledeite
Der Wolk' entsproßne Volk, das weinesreich
Zweibrüstig einst den Theseus rief zum Streite.

Denkt der Hebräer, die beim Trinken weich
Sich zeigten, und die Gideon drum verschmäht,
Als er gen Midian zog hinab den Steig.’

Wie dicht am Saum hin unser Weg so geht,
Vernahmen wir von weicher Gaumenpflege,
Der trauriger Erfolg zur Seite steht.

Dann wieder wallend auf bequemem Wege,
Wohl tausend Schritte zogen wir und mehr,
Still in Betrachtung, und kein Laut ward rege.

‘Was geht ihr drei so einsam sinnend her?’
Sprach plötzlich eine Stimme, daß zusammen
Ich fuhr als ob ein scheues Roß ich wär'.

Ich sah mich um, woher sie mochte stammen,
Und nie in einem Ofen ward gesehen
Metall und Glas so roth und leuchtend flammen

Als hier ich Einen sah. ‘Hier müßt ihr drehen,
Wenns euch gefällt zur Höh' emporzukommen,
Zu der, wer Frieden sucht, hinauf muß gehen.’

Sein Anblick hatt' die Sehkraft mir benommen,
Drum wandt' ich mich zu meinen Lehrern hin,
Wie wer dem folgt, was er durchs Ohr vernommen.

Und wie, des Morgenroths Verkünderin,
Die Mailuft bebt und duftet, ganz durchwoben
Vom Hauch der Blumen, würzend jeden Sinn,

So fühlt' ich auf der Stirne mitten droben
Ein Lüftchen und empfand des Flügels Schwingen,
Von dem das Ambraduften sich erhoben.

‘Gesegnet sei,’ so hört' ich es erklingen,
‘Wen Gnade so erleuchtet, daß der Kehle
Gelüst' ihm nicht so sehr die Brust bezwingen,

Denn nach Gerechten hungert seine Seele.’

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