Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 22
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 22

Die Dichter wandern in Statius Begleitung weiter. Statius erzählt wodurch er zum Christenthum bekehrt worden und weswegen er hier und im vierten Kreise habe büßen müssen. Virgil ertheilt ihm Auskunft von andern römischen und griechischen Dichtern, Männern und Frauen des Alterthums, die im Höllenvorhof weilen. Sie kommen in den sechsten Kreis, den der Schwelger, und sehen einen Fruchtbaum, dessen Zweige nach oben breiter werden. Eine Stimme verbietet davon zu essen und führt Beispiele der Mäßigung vor.

001 Schon war der Engel hinter uns entwichen,
002 Der uns zum sechsten Kreise gab Geleit,
003 Und hatt' ein P von meiner Stirn gestrichen;

004 Und die sich sehnen nach Gerechtigkeit,
005 Hatten gesungen 'Selig', doch nicht weiter
006 Als bis zum 'dürstet', Ton an Ton gereiht.

007 Schon leichter als durch frühre Pässe, heiter
008 Ging ich einher, so daß ich frei von Mühen
009 Den schnellen Geistern nach erklomm die Leiter,

010 Als jetzt Virgil begann: 'Das Liebesglühen,
011 Entflammt durch Tugend, muß stets Lieb' entzünden,
012 Sobald nur sichtbar ist der Flamme Sprühen.

013 Darum, seit in des Höllenvorhofs Schlünden
014 Ich unter uns sah Juvenal erscheinen,
015 Um mir, wie sehr du mich geliebt, zu künden,

016 Ward ich dir so gewogen, wie man einen,
017 Den man noch nie gesehen, nur irgend liebt;
018 Drob werden diese Stiegen kurz mir scheinen.

019 Ich weiß, daß deine Freundschaft mir vergibt,
020 Lass' ich der Keckheit jetzt den Zügel schießen;
021 Antworte mir als Freund, wenn dies beliebt:

022 Wie konntest du dem Geize nur erschließen
023 Den Platz in deiner Seele, deren Streben
024 So hoher Einsicht Maß dich ließ genießen?'

025 Ein Lächeln sah ich Statius Aug' umschweben,
026 Dann sprach er: 'Jedes Wort aus deinem Mund
027 Dient, deiner Lieb' ein Zeugniß mir zu geben.

028 In Wahrheit oft thun uns Dinge kund,
029 Die falschen Grund zum Zweifel uns erregen,
030 Weil uns verborgen bleibt der wahre Grund.

031 Du scheinst - dein Fragen zeigts - den Willen zu hegen,
032 Daß ich in jenem Leben geizig war,
033 Wohl um des Kreises, drin ich weilte, wegen.

034 Nur zu sehr, wisse, war ich Geizes bar,
035 Und solches Uebermaß, es büßt sich nur
036 Durch tausende von Monden ganz und gar.

037 Hätt' ich mich nicht bekehrt als ich erfuhr
038 Von jener Stelle, wo du sprachst das Wort,
039 Als zürntest du der menschlichen Natur:

040 "Wohin nicht reißest du die Menschen fort,
041 Verfluchte Gier nach Gold!" - so müßt' im Rennen
042 Ich Lasten wälzen in der Hölle dort.

043 Die Hand kann zu weit, mußt' ich da erkennen,
044 Die Flügel aufthun, und ich fühlt' um den
045 Und andre Fehler Reu' in mir entbrennen.

046 Geschornen Haupts wird mancher auferstehn,
047 Weil sie die Reu' um diese Sünd' im Leben
048 Und Sterben thöricht wollen stets verschmähn.

049 Jedwede Schuld, die einer Sünde eben
050 Im Gegensatze widerspricht, mit ihr
051 Zugleich muß sie hier dorren, dicht daneben.

052 Drum wenn zu meiner Läutrung ich mich hier
053 Beim Volk befand, das einst der Geiz bezwungen,
054 Geschah es ob des Gegensatzes mir.'

055 'Als du die grausen Waffen hast besungen,
056 Jocastens Doppeljammer im Gedicht,'
057 Sprach der den Preis im Hirtenlied errungen,

058 'Schien dir, da dort dein Vers von Klio spricht,
059 Die Seele noch vom Glauben nicht gelichtet -
060 Ohn' ihn genügt ja jedes Rechtthun nicht -;

061 Was hat dir dann die Finsterniß vernichtet,
062 Welch eine Sonn' und Kerze, daß fortan
063 Die Segel nach dem Fischer du gerichtet?'

064 'Du hast zuerst mich zum Parnaß hinan,
065 Auf daß ich tränk' aus seinem Born, gebracht,
066 Und mir, nächst Gott, zuerst erhellt die Bahn.

067 Du thatest wie wer hinter sich bei Nacht
068 Ein Licht hält, das ihm selber nicht kann frommen,
069 Doch Jenen, die ihm folgen, helle macht,

070 Dort wo du sprachest: "Neue Zeiten kommen,
071 Asträa kehrt, der Urzeit goldne Frist,
072 Vom Himmel steigt ein neu Geschlecht der Frommen."

073 Durch dich ward Dichter ich, durch dich ein Christ.
074 Laß dir das Bild ausmalen meine Hände,
075 Das ich entwarf, daß es dir klarer ist.

076 Getragen war an aller Welttheil' Ende
077 Der wahre Glaube, den in alle Orte
078 Die Gottesboten streuten gar behende.

079 Es schienen deine just erwähnten Worte
080 So mit den neuen Predigern sich zu einen,
081 Daß ich fortan oft klopft' an ihre Pforte.

082 Darauf begann so heilig mir zu scheinen
083 Ihr Wandel, daß, als sie Domitian
084 Verfolgt', ihr Weinen nicht entbehrt' des meinen.

085 So lang ich jenseits lebt' half ich fortan
086 Nur ihnen, und es schuf ihr reines Leben,
087 Daß ich verließ der andern Seelen Bahn.

088 Und eh ich im Gedichte hin nach Theben
089 Die Griechen noch geführt, ließ ich mich taufen,
090 Doch heimlich war ich Christ in Furcht und Beben

091 Und zeigt' als Heiden lange mich dem Haufen.
092 Ob solcher Lauheit mußt' ich mehr als vier
093 Jahrhunderte den vierten Kreis durchlaufen.

094 Du, der den Schleier aufgehoben mir,
095 Der mir so viel barg vom erwähnten Heile
096 (Denn Zeit genug zum Steigen haben wir,)

097 Sprich, wenn dus weißt, wo Freund Terenz verweile,
098 Wo Varro, Plautus und Cäcilius?
099 Sind sie verdammt? in welchem Höllentheile?'

100 'Sie all' und mancher noch und Persius
101 Und ich sind,' sprach er, 'bei dem Griechengreise,
102 Den mehr als einen küßt' der Muse Kuß,

103 Dort in des finstren Kerkers erstem Kreise,
104 Vom Berg, den immer unsre Näherinnen
105 Bewohnen, uns besprechend trauter Weise.

106 Euripides, Simonides sind drinnen,
107 Antiphon, Agathon und der Hellenen
108 Noch mehr, die Lorbern wußten zu gewinnen.

109 Dann, deren deine Lieder auch erwähnen,
110 Antigone, Deiphile, Argia,
111 Sammt ihr, die stets noch trauert, sammt Ismenen.

112 Auch die dereinst gezeigt den Quell Langia,
113 Tiresias Tochter, Thetis auch ist dort,
114 Und mit der Schwestern Schar Deidamia.'

115 Verstummet jetzt war beider Dichter Wort;
116 Sie waren rings zu schauen neu bedacht,
117 Denn nicht mehr stieg man an der Felswand fort.

118 Vier Dienerinnen hatten schon vollbracht
119 Des Tages Dienst, die fünfte nahm dagegen
120 Der glühnden Deichsel Steigen wohl in Acht,

121 Als so mein Führer sprach: 'Dem Rand entgegen
122 Muß, deut' ich, sich die rechte Schulter halten,
123 Wenn wir den Berg umkreisen, wie wir pflegen.'

124 So ließen wir den Brauch als Führer walten,
125 Und muthiger gings in die Bahn hinein,
126 Weil wir auch Statius Zustimmung erhalten.

127 Sie wandelten voraus, ich folgt' allein,
128 Achtgebend was von ihnen ward gesprochen,
129 Die in des Dichtens Kunst mich führten ein.

130 Jetzt ward die traute Zwiesprach unterbrochen
131 Durch einen Baum, der mitten stand im Steige
132 Mit Früchten, die gar süß und lieblich rochen.

133 Wie man abnehmen sieht der Tanne Zweige
134 Nach oben, so hier abwärts Sproß um Sproß,
135 Damit, vermuth' ich, Niemand ihn ersteige.

136 Von jener Seite, wo der Pfad sich schloß,
137 Entstürzt' ein klares Naß dem Felsensaum,
138 Das oben auf die Blätter niederfloß.

139 Die beiden Dichter nahten sich ihm kaum,
140 Als eine Stimm' entdrang des Laubes Mitte:
141 'Genießen dürft ihr nicht von diesem Baum.

142 Maria, die euch hilft mit ihrer Bitte,
143 Gedachte minder an den eignen Mund,
144 Als daß der Hochzeit Ehr' nicht Schaden litte.

145 Den alten Römerinnen schien gesund
146 Und gut des Wassers Trunk; weil er die Speisen
147 Verschmäht, erlangte Daniel Wissens Fund.

148 In alter Zeit, die golden heißt den Weisen,
149 Macht' Hunger Eichelkost zum leckern Mahl,
150 Und Durst ließ jeden Bach als Nektar preisen.

151 Heuschreck' und Honig war im Wüstenthal
152 Die Nahrung, wovon sich der Täufer nährte;
153 Drum steht er groß da in der Glorie Strahl,

154 Wie Kunde davon euch die Schrift gewährte.'

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