Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 21
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 21

Den beiden Dichtern kommt ein Schatten nach, der sie begrüßt und auf Virgils Frage Auskunft über die Erschütterung des Berges ertheilt. Die obere Region desselben ist über allen Witterungswechsel erhaben, nur unterhalb des Eingangs zum Fegefeuer findet solcher statt. Der Berg bebt nur, wenn eine Seele sich geläutert fühlt. Er berichtet ferner, daß er die geläuterte Seele sei, die 500 Jahre in diesem Kreise gelebt. Es ist der römische Dichter Statius; er spricht seine Verehrung für Virgil aus. Dante lächelt dabei; auf des Schattens Befragen theilt er ihm mit Virgils Erlaubniß mit, daß Virgil vor ihm stehe. Statius neigt sich und will Virgils Füße umfassen. Virgil wehrt ihm.

001 Der angeborne Durst, der nur vergeht
002 Durch jenes Wasser, dessen Himmelsgnade
003 Das Samariterweib dereinst erfleht,

004 Verzehrte mich, und vorwärts eilt' ich grade
005 Dem Führer nach, das Herz von Mitleid wund
006 Ob der gerechten Straf', auf schwierigem Pfade.

007 Und siehe, wie Sanct Lucas uns thut kund,
008 Daß Christus Zweien unterwegs sich zeigte,
009 Als er entstiegen schon des Grabes Schlund,

010 Erschien ein Schatten, der das Auge neigte
011 Auf die am Boden dort, und kam uns nach.
012 Wir merkten nichts, bis uns sein Ruf erreichte

013 Und er 'Gott geb' euch Frieden, Brüder!' sprach.
014 Da wandten wir uns eilig, und Virgil
015 Gab ihm den Gruß zurück, der ihm entsprach.

016 Drauf hob er an: 'Mag dich zum seligen Ziel
017 Des Ewigen Richterspruch in Frieden bringen,
018 Der mich verweist in ewiges Exil.'

019 'Wie,' sagte jener, während scharf wir gingen,
020 'Wenn Schatten ihr, die Gott nicht aufgenommen,
021 Wer ließ so weit auf seiner Stieg' euch dringen?'

022 Drauf er: 'Wenn du die Zeichen wahrgenommen,
023 Die ihm vom Engel eingegraben sind,
024 Dann siehst du, er soll thronen bei den Formmen.

025 Weil aber Die, die Nachts und Tages spinnt,
026 Ihm noch nicht ganz den Rocken abgesponnen,
027 Den Clotho aufsteckt jedem Menschenkind,

028 Hätt' er allein die Höhe nicht gewonnen,
029 Weil seine Seele, unsre Schwester, noch
030 Nach unsrer Art zu schauen nicht begonnen.

031 Drum ward entnommen ich der Hölle Joch,
032 Ihn anzuweisen, und will Kund' ihm geben
033 So weit als meine Lehre reicht. Jedoch,

034 Weißt dus, so sag' uns: Woher kam das Beben
035 Des Bergs vorher? und warum hörten wir
036 Bis hin zum feuchten Fuß Geschrei erheben?'

037 Es traf die Frage meinem Wunsche schier
038 Ins Nadelöhr; schon durch das bloße Hoffen
039 Ward minder brennend heiß der Durst in mir.

040 'Es wird von nichts,' so legt' er es uns offen,
041 'Was seinem heiligen Brauch entgegen sei
042 Und ordnungswidrig, dieser Berg betroffen.

043 Von jeder Wandlung ist der Ort hier frei;
044 Nur was vom Himmel stammend kehrt nach droben,
045 Wirkt hier, nicht andre Ursach wirkt dabei.

046 Nicht Regen fällt noch Hagel weiter oben,
047 Nicht Schnee noch Thau noch Reif, als wo du neben
048 Drei Stufen warst, die sich zur Treppe hoben.

049 Nicht dünn' und dichte Wolken kanns hier geben,
050 Nicht Wetterleuchten, nicht des Thaumas Kind,
051 Das oft im Jenseits führt ein wechselnd Leben.

052 Kein höher Ziel der trockne Dunst gewinnt
053 Als sich die drei erwähnten Stufen heben,
054 Drauf Petri Stellvertreters Füße sind.

055 Dort unten mag es mehr und minder beben;
056 Hier oben hat der in der Erde Schrein
057 Verborgne Wind solch Beben nie ergeben.

058 Hier bebts, wenn eine Seele sich fühlt rein,
059 Daß sie sich hebt und strebt zur Himmelsflur,
060 Und dann begleitet sie solch jubelnd Schrei'n.

061 Der Reinheit Prüfstein ist der Wille nur,
062 Der, gänzlich frei zu wechseln Stand und Ort,
063 Sie faßt und Flügel leihet der Natur.

064 Erst will sie wohl, doch duldets nicht sofort
065 Die Luft, die an den Qualen, wie vorher
066 Am Sündigen, sie fühlt nach Gottes Wort.

067 Und ich, der schon fünfhundert Jahr' und mehr
068 In diesem Leide lag, empfand erst eben
069 Nach besserm Ort frei Wollen und Begehr.

070 Drum fühltest du den Berg vom Erdstoß beben,
071 Vernahmst der frommen Geister Lobgesang,
072 Dem Herrn gebracht, der bald sie mög' erheben.'

073 Er sprachs, und weil, je mehr uns Durst bezwang,
074 Der Trank uns freut, der unsern Gaumen netzt,
075 Kann ich nicht sagen wie mich Lust durchdrang.

076 Mein Führer sprach: 'Die Schlinge seh' ich jetzt,
077 Die hier euch hält, wie man ihr kann entfahren,
078 Weshalb es hebt und wie Mitfreud' euch letzt.

079 Doch wer du bist, laß mich nunmehr erfahren
080 Und laß entnehmen mich aus deinem Wort,
081 Weshalb du hier seit so viel hundert Jahren.'

082 'Als durch des höchsten Königs Gunst den Mord,
083 Den Judas Geiz verschuldet, durfte rächen
084 Der gute Titus, lebt' im Jenseits dort

085 Ich hochberühmt,' hört' ich den Schatten sprechen,
086 'Durch jenen Namen, der am höchsten ehrt;
087 Nur eins, der Glaube, mußte mir gebrechen.

088 So süßer Ton ward meinem Mund beschert,
089 Daß aus Tolosa Rom mich rief als Gast,
090 Und meiner Stirn die Myrte ward gewährt.

091 Der Name Statius ist noch nicht erblaßt
092 Bei euch. Ich sang von Theben und dem hehren
093 Achill, doch fiel ich bei der zweiten Last.

094 Ich fühlt' in mir sich eine Gluth gebären
095 Durch glühnde Funken jener Gottesflamme,
096 An welcher mehr denn Tausend schon sich nähren.

097 Ich meine die Aeneis, die mir Amme
098 Und Mutter war bei meinen Dichtergaben;
099 Denn ohne sie hätt' ich vom Lorbeerstamme

100 Kein Blatt gepflückt; jenseits gelebt zu haben
101 Zur Zeit Virgils, blieb' ich ein Jahr im Bann
102 Länger als mir die Schicksalsmächte gaben.'

103 Bei diesen Worten sah Virgil mich an
104 Mit einem Blick, der schweigend sprach: 'Geschwiegen!'
105 Doch weil des Willens Kraft nicht alles kann -

106 Denn Lächeln so wie Weinen unterliegen
107 Der Regung der sie zeugenden Natur;
108 Drum kann, wer falsch nicht ist, sie schwer besiegen -

109 So lächelt' ich, wie wer da blinzelt, nur.
110 Der Schatten schwieg, ins Auge mir zu spähen,
111 In dem des Seelenausdrucks tiefste Spur.

112 'So wahr zum Glück dein Thun dir mag ergehen,'
113 Sprach er, 'sag an, warum dein Antlitz eben
114 Das Blitzen eines Lächelns mich ließ sehen?'

115 Da fühlt' ich mich an beiden Seiten kleben:
116 Hier soll ich schweigen, dort werd' ich geplagt
117 Zu reden; ich erseufzt', und Trost gegeben

118 Ward mir vom Führer. 'Sprich, sei nicht verzagt
119 Zu reden, und bericht' ihm ohne Bangen,
120 Wonach mit solchem Eifer er gefragt.'

121 Vielleicht hält dich Verwunderung umfangen
122 Ob meines Lächelns, sprach ich, alter Geist;
123 Noch mehr zum Staunen wirst du Grund erlangen,

124 Denn er, der meinen Blick nach oben weist,
125 Ist der Virgil, aus dem du Kraft genommen
126 Zum Götter- und zum Heldensang zumeist.

127 Du irrst, wenn du aus andrem Grund gekommen
128 Mein Lächeln glaubst; sei sicher, nur das Wort
129 War schuld daran, das ich von dir vernommen.

130 Schon beugt' er sich und wollte meinem Hort
131 Die Füß' umfangen; doch der sprach: 'Laß' das!
132 Denn Schatten sind wir, ich hier wie du dort.'

133 Und er stand auf und sprach: 'Du wirst das Maß
134 Der heißen Liebe gegen dich begreifen,
135 Da unsre Nichtigkeit ich so vergaß,

136 Und Schatten konnte Körpern gleich ergreifen.'

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