Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 20
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 20

Verwünschung des Geizes. Eine Stimme führt Beispiele von edler Ertragung der Armuth an, als Sporn für die hier Büßenden. Dante redet den Schatten an. Es ist Hugo Capet, der in herber Weise das französische Königshaus verurtheilt und Gottes Rache herabfleht. Von ihm erfährt Dante, daß in der Nacht die hier weilenden Schatten warnende Beispiele des Geizes betrachten. Die Dichter wandern weiter; der Berg erzittert heftig, es ertönt ein Rufen und das 'Ehre sei Gott in der Höhe'. Dante vergeht vor Verlangen, den Grund zu erfahren.

001 Hart kämpft der Wille gegen bessern Willen;
002 Halb voll zog aus dem Wasser ich den Schwamm,
003 Ungern bereit des Schattens Wunsch zu stillen.

004 Ich und mein Führer, längs dem Felsenkamm
005 Wo frei der Pfad war, schritten weiter beide,
006 Wie dicht an Zinnen auf der Mauern Damm,

007 Weil sich das Volk, dem von dem bittern Leide
008 Die Augen tropfen, das die Welt erfaßte,
009 Naht' allzusehr des äußern Randes Scheide.

010 Uralte Wölfin, ewig gottverhaßte,
011 Die mehr als andre Thiere Raub erjagt,
012 Weil unersättlich Hunger in ihr raste!

013 O Himmel, dessen Kreisen, wie man sagt,
014 Verändrung wirkt an allen Erdendingen,
015 Wann kommt, dem sie nicht Stand zu halten wagt?

016 Wie wir mit langsam kleinen Schritten gingen,
017 Beachtet' ich die Schatten, deren Klagen
018 Und mitleidwürdige Rufe mich umfingen.

019 Und wie durch Zufall hört' ich vor uns sagen
020 'Süße Maria!' also kläglich, grade
021 Wie Frauen, die in Kindesnöthen zagen.

022 Dann weiter: 'Du warst arm in hohem Grade,
023 Das zeigt die Herberg', in der du die Bürde,
024 Die heilge, bettest in niedrer Lade!'

025 Drauf hört' ich: 'O Fabricius, Mann voll Würde!
026 Armuth und Tugend zogst du lieber vor,
027 Als wenn dir Reichthum neben Laster würde.'

028 So wohlgefällig drangen in mein Ohr
029 Die Worte, daß ich Kunde wollt' erreichen
030 Von jenem Geiste, der sie stieß hervor.

031 Von jener Gabe sprach er noch, der reichen,
032 Die Nicolaus den Jungfraun einst gegeben,
033 Daß sie vom Pfad der Zucht nicht dürfen weichen.

034 Wer warst du, sprach ich, Seel', in jenem Leben,
035 Die du so trefflich sprichst? warum allein
036 Mußt du verdientes Lob aufs neu erheben?

037 Nicht fruchtlos sollen deine Reden sein,
038 Kehr' ich zurück zu jenem kurzen Pfade
039 Des Lebens, dessen Ziel gar bald tritt ein.

040 Und er: 'Nicht sag' ichs dir, weilvom Gestade
041 Des Jenseits Hülf' ich hoffe, nein! weil dir,
042 Eh du gestorben, leuchtet solche Gnade.

043 Des Baumes schlimme Wurzel siehst du hier,
044 Der so beschattet alles Christenland,
045 Daß selten gute Frucht entkeimt aus ihr.

046 Doch könnten Donai, Brügge, Lille und Gand,
047 Der Rache fiel' er bald anheim; nach droben
048 Zum ewigen Richter sei mein Flehn gesandt.

049 Man hieß mich Hugo Capet bei euch oben,
050 Der die Philipp' und Ludwigs hinterließ,
051 Die sich zu Herrschern Frankreichs jüngst erhoben.

052 Sohn eines Fleischers war ich in Paris.
053 Als all die alten Könige mußten enden
054 Bis auf den Einen in der Kutte Fries,

055 Fand ich die Reichsgewalt in meinen Händen
056 So fest, und wußte mir so große Macht
057 Durch neu erworbne Freunde zuzuwenden,

058 Daß zu des leeren Thrones Herrn gemacht
059 Mein Sohn ward, der die Reihe der geweihten
060 Regentenschädel hat hervorgebracht.

061 Vor jener provenzalischen Mitgift Zeiten,
062 Die meinem Stamm die Scham geraubt, taugt' er
063 Zwar wenig, doch war fern von Schändlichkeiten.

064 Da fing er an der Räubereien Heer,
065 Lüg' und Gewalt, und nahm, dies gut zu machen!
066 Ponthieu, Gascogne und Normandie nachher.

067 Karl kam nach Welschland - um dies gut zu machen,
068 Opfert' er Konradin, und schickte dann
069 Thomas gen Himmel - um dies gut zu machen.

070 Ich seh' die Zeit, und schon rückt sie heran,
071 Die einen andern Karl aus Frankreich bringet,
072 Daß man dies Volk noch besser kennen kann.

073 Er ziehet ohne Waffen aus und schwinget
074 Die Lanze nur, mit welcher Judas stritt;
075 Die stößt er, daß Florenz der Bauch zerspringet.

076 Nicht Land, nur Schand' und Schuld wird er damit
077 Erwerben, die je schwerer an ihm hangen,
078 Je weniger tief der Schad' ins Herz ihm schnitt.

079 Der andre, der dem Schiff entsteigt gefangen,
080 Sein Kind verschachert er, wie der Corsar
081 Die Sklavin, um das Kaufgeld zu erlangen.

082 O Geiz! was schlimmres kannst du doch fürwahr
083 Bewirken, der mein Blut macht zum Verräther,
084 Daß es des eignen Fleisches nicht annimmt wahr!

085 Daß alle Schuld scheint klein von sonst und später,
086 Seh' ich die Lilien in Anagni wehen,
087 Gefangen Christum selbst im Stellvertreter;

088 Seh' ihn zum zweiten Mal verhöhnt dort stehen,
089 Ich sehe Gall' und Essig sich erneuen,
090 Und zwischen Schächern ihn zum Tode gehen.

091 Den anderen Pilatus seh' ich dräuen,
092 Dem dies noch nicht genügt, der vollmachtlos
093 Zum Tempel gierig einfährt sonder Scheuen.

094 O Herr, mein Gott, säh' ich die Stunde bloß,
095 Wo ich der Rache froh, die sich verhehlte,
096 Den Zorn besänftigend, in deinem Schoß!

097 Was ich von jener einzigen Braut erzählte
098 Des heiligen Geistes, und weshalb von mir
099 Erklärung du begehrtest, die dir fehlte,

100 All' unsrer Bitten Inhalt ist es hier,
101 So lang der Tag währt; aber wenn es nachtet,
102 Beginnen umgekehrte Weise wir.

103 Dann wird Pygmalion wiederholt betrachtet,
104 Der zum Verräther, Schwagermörder, Dieb
105 Ward, weil er allzusehr nach Gold getrachtet;

106 Dann Midas, den der Geiz ins Elend trieb,
107 Das ihm erwuchs aus thörichter Begier,
108 Wofür der Nachwelt Lachen nur ihm blieb.

109 Des Thoren Achan drauf gedenken wir,
110 Wie von der Beut' er stahl, den Josuas Schatten
111 Voll Zorn zu fassen scheint sogar noch hier.

112 Sapphira wird verklagt dann mit dem Gatten,
113 Gelobt der Fußtritt gegen Heliodor,
114 Und Polymnestors Schmach wird ohn' Ermatten

115 Gegeißelt, der erschlug den Polydor.
116 Zum Schluß wird noch gerufen: Crassus, rede,
117 Wie schmeckt das Gold? du weißt es ja, du Thor!

118 Leis ist des einen, laut des andern Rede;
119 Bald mehr, bald minder rasch ertönt sie drob,
120 Wie das Gefühl uns eingibt eine jede.

121 So war vorher ich nicht allein beim Lob,
122 Das wir bei Tag aussprechen; nur daß eben
123 Niemand die Stimm' hier in der Näh' erhob.'

124 Schon hatten wir, beseelt von regem Streben,
125 So lang die Kräfte reichten, fortzuwallen
126 Den Weg, uns weit von ihm hinwegbegeben,

127 Da fühlt' ich zittern, gleich als wollt' er fallen,
128 Den Berg; drob faßte solch ein Schauer mich,
129 Wie Der empfindet, der dem Tod verfallen.

130 Nicht schüttelte so heftig Delos sich,
131 Eh, zu gebären die zwei Himmelslichter,
132 Dorthin zum sichern Nest Latona wich.

133 Ein Rufen klang von ringsher immer dichter.
134 'Ich führe dich, nicht darf dich Sorge stören,'
135 Sprach, näher zu mir tretend, jetzt der Dichter.

136 'Ehre sei Gott im Himmel!' klangs in Chören,
137 Soviel aus meiner Näh' ich es verstand,
138 Aus der allein den Ruf man konnte hören.

139 Wir standen zweifelnd, regungslos gebannt,
140 Den Hirten gleich, die einst dies Lied vernommen,
141 Bis Beben und Gesang sein Ende fand.

142 Dann setzten unsern Weg wir fort, den frommen,
143 Die Schatten schauend, die am Boden lagen
144 Und ihr gewohntes Weinen aufgenommen.

145 Nie hatt' Unwissenheit mir so viel Plagen
146 Geschaffen noch, vereint mit Wißbegier -
147 Falls mein Gedächtniß mir nicht will versagen -

148 Als ich sie zu erdulden glaubte hier,
149 Und nicht zu fragen wagt' ich ob der Eile,
150 Und Auskunft finden konnt' ich nicht bei mir.

151 So ging ich scheu und sinnend eine Weile.

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