Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 16
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 16

Im Rande weiterschreitend hält sich Dante an seinen Führer, um sich nicht zu verirren. Sie hören Stimmen das 'Agnus Dei' singen. Virgil belehrt Dante, daß diese Rauchsphäre der Aufenthalt der Zornigen ist. Dante wird von Marco aus Venedig angeredet, der ihn bittet für ihn zu beten. Dante, an ein Wort Marcos anknüpfend, bittet um Auskunft, weshalb die Tugend auf Erden so abnehme; ob der Grund auf Erden oder im Einfluß der Sterne zu suchen sei. Marco belehrt ihn, daß trotz des Einflusses der Sterne die Willensfreiheit des Menschen bestehe; es sei die schlechte Führung auf Erden, die jetzt in der Hand der Kirche vereinigt, statt an Kaiser und Reich verteilt sei, was den schlimmen Zustand hervorrufe. Nur drei tugendhafte Greise werden namhaft gemacht und über sie Auskunft erteilt. Der Schatten entfernt sich, da er den Kreis der Büßenden nicht verlassen darf.

001 Das Schwarz der Höll' und einer Nacht, durchfunkelt
002 Von keinem Stern am öden Himmelssaum,
003 So schwer wie möglich von Gewölk verdunkelt,

004 Ein Schleier wär' es, meinem Antlitz kaum
005 So dicht, und dem Gefühl ein minder schlimmer
006 Als jener Dampf, der hier bedeckt den Raum.

007 Er ließ das Aug' uns offen halten immer,
008 Drum naht' und bot mir seine Schultern Er,
009 Der mich getreu und klug geleitet immer.

010 So geht ein Blinder hinterm Führer her,
011 Um nicht zu irren oder anzurennen,
012 Wo Tod ihm droh' und andere Beschwer.

013 So folgt ich ihm, ohn' etwas zu erkennen,
014 Durch herben trüben Qualm und horcht' auf ihn,
015 Der sprach: 'Gib Achtung, daß wir uns nicht trennen.'

016 Ich hörte Stimmen, und jedwede schien
017 Um Fried' und Mitleid zu dem Lamm zu beten,
018 Um das der Herr die Sünden uns verziehn.

019 Mit Agnus Dei sie gen Himmel flehten;
020 In allen schien so einig Wort und Weise,
021 Als ob der Eintracht Schwingen sie umwehten.

022 Das sind wohl Seelen, Meister, sprach ich leise,
023 Was ich da höre? 'Du hast recht gesprochen;
024 Man tilgt des Zornes Knoten in dem Kreise.'

025 'Wer bist du, der du unsern Rauch durchbrochen
026 Und also zu uns redest, als ob du
027 Die Zeit nach Tagen theiltest noch und Wochen?'

028 So rief uns eine von den Stimmen zu;
029 Worauf mein Meister: 'Antwort' ihr und frage,
030 Ob man von hier ersteigt die Felsenfluh.'

031 Drauf ich: O Wesen, das der Läutrung Plage
032 Hier trägt, um schön zum Schöpfer heimzukehren,
033 Du hörst, mir folgend, Wunder die ich sage.

034 'Ich folge dir, so weit es Gott gewähren
035 Mir will, und ob ich dich vor Rauch nicht sehe,
036 So kann ich hörend doch mit dir verkehren.'

037 Drauf hob ich also an: Nach oben gehe
038 Ich in dem Leib, den mir der Tod einst nimmt,
039 Und hierher kam ich durch der Hölle Wehe.

040 Da Gott zu solchen Gnaden mich bestimmt,
041 Daß er gewährt, entgegen neuer Sitte,
042 Daß auf mein Fuß zu seinem Hofe klimmt,

043 So birg mir nicht und sage mir, ich bitte,
044 Wer warst du droben? sag' auch, geh' ich recht
045 Es dient dein Wort als Führer meinem Schritte.

046 'Marco genannt, Lombarde von Geschlecht,
047 Kannt' ich die Welt; die Tugend, nach der Keiner
048 Jetzt spannt den Bogen, liebt' ich recht und schlecht.

049 Du steigst den rechten Weg hier auf. Und seiner
050 Erwidrung fügt' er noch hinzu: 'Wenn droben
051 Du sein wirst, im Gebet dann denke meiner.'

052 Und ich: Bei Treu und Eid will ich geloben
053 Zu thun was du verlangst; doch och vergehe
054 An einem Zweifel, bis ich sein enthoben,

055 Den, einfach erst, ich jetzt verdoppelt sehe
056 Durch deinen Spruch, der, was ich anderswo
057 Gehört, bezeugt, daß wirklich es so stehe.

058 An jeder Tugend ist in Wahrheit so
059 Die Welt verödet, wie du mir beschieden;
060 Von Bosheit schwanger ist sie und gar roh.

061 Doch nenne mir den Grund, den man verschieden
062 Angibt, daß ich ihn seh' und andern sage,
063 Denn Der sucht ihn im Himmel, Der hienieden.

064 Ein leises Seufzen, das zum Ach der Klage
065 Anwuchs, enthaucht' er. 'Bruder,' sprach er drauf,
066 'Blind ist die Welt und du von ihrem Schlage.

067 Dem Himmel halst ihr jede Ursach auf,
068 Ihr Lebenden, als wenn sich alles richtet'
069 Nothwendig nur nach ihm und seinem Lauf.

070 Wenn dem so wäre, würd' in euch vernichtet
071 Der freie Will', und folgt' auf Böses Schmerz,
072 Auf Gutes Lust - wär' es dann recht gerichtet?

073 Wohl legt den Trieb der Himmel euch ins Herz,
074 Nicht jeden, sag' ich, doch gesetzt, es wäre,
075 Von Gut und Bös Erkenntniß allerwärts

076 Habt ihr und Freiheit, die, wenn sie die Schwere
077 Des ersten Kampfs nicht mit dem Himmel scheut,
078 In allem siegt, falls man nur wohl sie nähre.

079 Ihr unterwerft euch frei und ungescheut
080 Beßrer Natur und Macht, und daraus wird
081 Die Seele, der der Himmel nicht gebeut.

082 Drum wenn die gegenwärtige Welt so irrt,
083 Die Schuld tragt ihr, sucht sie in eurer Brust.
084 Dies sei dir jetzt verdeutlicht und entwirrt.

085 Hervor aus Dessen Hand, der sie mit Lust
086 Betrachtet' eh sie ward, gleich einem Kinde,
087 Das lacht und weinet kindlich unbewußt,

088 Geht eure Seel' in Einfalt, die von Sünde
089 Nichts weiß; vom heitern Schöpfer angetrieben,
090 Kehr sie sich denn zu, dran sie Freud' empfinde.

091 Ein kleines Gut erst fängt sie an zu lieben,
092 Dem, auch getäuscht, sie immer strebt entgegen,
093 Lenkt Führer oder Zaum nicht ab ihr Lieben.

094 Drum brauchts Gesetze, Zaum ihr anzulegen,
095 Den König brauchts, der von der wahren Stadt
096 Die Thürme mindestens im Aug' kann hegen.

097 Gesetze gibts, doch hat Befolgung statt?
098 Nein! weil der Hirt, der vorgeht, wiederkauen
099 Zwar kann, doch nicht gespaltne Klauen hat.

100 Wenn Völker ihren Führer zielen schauen
101 Nur nach dem Gut, wonach sie gierig, werden
102 Auch sie sich einzig nur an dem erbauen.

103 Du siehst, die schlimme Führung ist auf Erden -
104 Und nicht weil die Natur in euch entstellt -
105 Der Grund von all der bösen Welt Beschwerden.

106 Zwei Sonnen hatte Rom, das in der Welt
107 Die Ordnung schuf, von diesen beiden waren
108 Der Welt und Gottes Wege beid' erhellt.

109 Verlöscht hat diese jene; heute paaren
110 Sich Schwert und Hirtenstab, und so verbunden
111 Muß schlecht natürlich alles beides fahren,

112 Weil keins die Scheu vorm andern hält gebunden.
113 Glaubst du mir nicht, so sieh nur auf die Aehre,
114 Am Samen wird der Pflanze Werth erfunden.

115 Das Land, das Etsch und Po im Lauf zum Meere
116 Durchziehn, war, eh sich Friedrich in den Streit
117 Verwickelt, reich an Muth und Mannesehre.

118 Jetzt kann dort jeder ziehn mit Sicherheit,
119 Der Guten nicht begegnen will, als scheue
120 Aus Scham er den Verkehr und ihr Geleit.

121
Wohl sind dort noch drei Greise, die das neue 122 Geschlecht beschämen, und ein jeder harrt,
123 Daß Gott im Jenseits lohne seine Treue.

124 Conrado von Palazzo und Gherard,
125 Und Guido von Castel, genannt noch besser
126 Nach Franzmannsart der einfache Lombard.

127 Gesteh, die römsche Kirche, die, dem Fresser
128 Gleich, zwei Gewalten in sich hat vermengt,
129 Sinkt, sich besudelnd, ganz in Schlammgewässer.'

130
Mein Marco, sprach ich drauf, ganz richtig denkt 131 Dein Sinn, jetzt seh' ich erst, warum am Erbe
132 Kein Antheil Levis Söhnen ward geschenkt.

133 Doch wer ist jener Gherard, der biderbe,
134 Der als ein Vorwurf unsrer rohen Zeit
135 Blieb, des vergangenen Geschlechtes Erbe?

136 'Du willst mich prüfen, oder bist du nicht weit
137 Vom Trug, da du toscanisch sprachst so eben
138 Und weißt vom guten Gherard nicht Bescheid.

139 Beinamen weiß ich keinen ihm zu geben,
140 Wenns nicht nach seiner Tochter Gaja wäre.
141 Gott sei mit euch, ich muß moch fort begeben.

142 Seht, wie weißschimmernd aus des Rauches Sphäre
143 Das Zwielicht glänzt, daher muß scheiden ich,
144 Bevor der Engel dort sich zu mir kehre.'

145 Sprachs und nicht länger hören wollt' er mich.

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