Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 15
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 15

Ein Engel kommt, strahlender als die früheren, und lädt sie ein, den Weg zum dritten Kreise zu betreten. Nachdem Virgil Dante Auffschluß über eine ihm unverständliche Aeußerung des Gui del Duca gegeben und wegen des Weiteren auf Beatrice verwiesen, sieht Dante in einer Vision Bilder der Sanftmuth. Virgil ruft den wie im Traume hingehenden an, und als Dante seine Vision erzählen will, erklärt er, es bedürfe dessen nicht, er habe durch sein Anrufen ihn nur aufmuntern wollen. Ein immer dichterer Rauch umgibt die Fortschreitenden und entzieht ihnen jede Aussicht.

001 So viel des Wegs als is zur dritten Stunde
002 Seit Tagsbeginn der Kreis der Sonne macht,
003 Der wie ein Kind tanzt immer in der Runde,

004 So viel, bis ganz den Tageslauf vollbracht
005 Die Sonne, war noch übrig ihren Schritten,
006 Dort war es Vesperzeit, hier Mitternacht.

007 Es traf ihr Strahl uns auf der Nase Mitten,
008 Denn so weit hatten wir umkreist den Rand,
009 Daß wir nun grade gegen Westen schritten

010 Als ich die Stirn belästigt mir empfand
011 Von stärkerm Glanz als vorher; da erfaßte
012 Mich Staunen, wie ich solches nie gekannt;

013 Weshalb empor ich nach den Brauen faßte,
014 Daß meine Hand dem Auge Schutz bereite
015 Vor solches übermäßigen Lichtes Glaste.

016 Wie wenn von Wassers oder Spiegels Breite
017 Der Strahl abspringt und in die Höhe steigt
018 In gleicher Richtung nach der Gegenseite,

019 In der er einfiel, und gleich weit abweicht
020 Vom Weg, den abwärts nimmt des Steins Gewicht,
021 Wie Wissenschaft uns und Erfahrung zeigt:

022 So glaubt' ich von zurückgepralltem Licht,
023 Das vor mir sei, getroffen mich, weswegen
024 Behend zur Flucht sich wandte mein Gesicht.

025 Mein süßer Vater, was ist das, wogegen
026 Dem Aug', sprach ich, kein Schirm vermag zu frommen,
027 Und das sich auf uns zu scheint zu bewegen?

028 'Kein Wunder, wenn das Sehen dir benommen
029 Des Himmelsdieners Glanz,' entgegenet' er;
030 'Zum Steigen lädt ein Bote, der gekommen.

Bald 031 wird dir solches anzuschaun nicht schwer;
032 Es wird, so weit dir die Natur gegeben
033 Es zu empfinden, dir zur Lust vielmehr.'

034 Als zu dem Engel wir uns hin begeben,
035 Begann er mild: 'Hier tretet ein zu Stiegen,
036 Die minder steil sich als die andern heben.'

037 Als wir von da geschieden aufwärts stiegen,
038 Erklang es: 'Selig die Barmherzigen!' dort
039 Im Rücken uns und 'Freue dich zu siegen!'

040 Ich und mein Meister gingen weiter fort,
041 Indem mein Herz sich mit Gedanken plagte,
042 Wie ich mir Nutzen schafft' aus seinem Wort.

043 Ich wandte mich an ihn, indem ich fragte:
044 Was mochte wohl der von Romagna meinen,
045 Der von zu fliehender Gemeinschaft sagte?

046 'Nicht wundersam, versetzt' er, 'kann erscheinen,
047 Wenn er den Schaden seiner größten Fehle
048 Rügt, den er kennt, zu mindern Andrer Weinen.

049 Weil dahin gehn die Wünsche eurer Seele,
050 Wo durch Gemeinschaft wird ein Theil entzogen,
051 Drückt Neid die Seufzer aus der Busenhöhle.

052 Doch würd' in Lieb eur Sehnen all gezogen
053 Zum höchsten Kreis, den es als Ziel erkennet,
054 Würd' eure Brust nicht solche Furcht durchwogen.

055 Denn so viel mehr man Gutes »unser« nennet,
056 Je mehr Beistz hat Jeglicher daran,
057 So viel mehr Lieb' in jenen Räumen brennet.'

058 Jetzt bin ich unbefriedigter, begann
059 Ich wieder, als bevor ich brach mein Schweigen,
060 Und mehr der Zweifel drängen sich heran.

061 Wie kann der Reichthum der Besitzer steigen,
062 Wenn man ein Gut vertheilt? es macht doch nicht
063 Das viele reich, was vorher wenigen eigen.

064 Und er zu mir: 'Weil du darauf erpicht,
065 Den Sinn den ird'schen Dingen zuzuwenden,
066 So schöpfst du Dunkel dir aus wahrem Licht.

067 Das unnennbare Gut, das nie kann enden,
068 Das droben ist, eilt so der Lieb' entgegen,
069 Wie Licht den Körpern, welche Glanz entsenden,

070 Und gibt so viel Gluth ihnen, als sie hegen,
071 So daß, je mehr die Liebe sich verbreitet,
072 Die ewige Kraft sich um so kann mehr regen.

073 Und je mehr droben das Verstehn sich weitet,
074 Je mehr ist liebenswerth und wird geliebt,
075 Wie Licht von Spiegel sich zu Spiegel leitet.

076 Wenn noch nicht Sättigung mein Wort dir gibt,
077 Bald wirst du Beatrice schaun, die den
078 Und jeden Wunsch dir stillt, wie dirs beliebt.

079 Nur sorge, bald geschlossen auch zu sehn
080 Die andern Wunden, wie die ersten zwei;
081 Nur wenn sie schmerzen, können sie vergehn.'

082 Grad wollt' ich sagen: Du machst zweifelfrei -
083 Da sah ich mich zum nächsten Kreis gehoben;
084 Mein staunend Aug' gebot, daß still ich sei.

085 Urplötzlilch glaubt' ich mich von hier nach oben
086 Gerissen in entzückter Vision,
087 Viel Volk zu schaun in einem Tempel droben.

088 Ein Weib in sanftem mütterlichem Ton
089 Fragt', an dem Eingang stehend, einen Knaben:
090 'Warum hast du uns das gethan, mein Sohn?

091 Denn sieh! ich und dein Vater, schmerzlich haben
092 Wir dich gesucht.' Sie schwieg, da war vergangen
093 Das Bild der Dinge, die mich erst umgaben.

094 Drauf sah ich eine zweite, der die Wangen
095 Die Tropfen netzten, wie der Schmerz ergießt,
096 Wenn Zorn auf andre hält das Herz umfangen.

097 'Wenn du in dir der Stadt Beherrscher siehst,
098 Um deren Namen Götter sich entzweit,
099 Und der jedwede Wissenschaft entsprießt,

100 Sprach sie, 'so räch' des Arms Verwegenheit,
101 Der unsre Tochter wagte zu umfassen.'
102 Doch Pisistrat, voll Mild' und Gütigkeit

103 Im Blicke, sprach, so schien es mir, gelassen:
104 'Wird der, der uns geliebt, von uns verdammt,
105 Was thun wird dann wohl denen, die uns hassen?'

106 Darauf erblickt' ich Männer zornentflammt,
107 Die einen Jüngling tödteten mit Steinen,
108 Und 'Martert! Martert!' schrien sie insgesammt.

109 Gebeugt vom Tode sah ich ihn erscheinen,
110 Der ihn herab schon drückte zu der Erde,
111 Indem zum Himmel stets gewendet seinen

112 Schmerzlichen Marterblick, mit der Geberde,
113 Die Mitleid fleht, zum Herrn sein Flehn er sandte,
114 Daß den Verfolgern dies verziehen werde.

115 Als meine Seele sich nach außen wandte
116 Zu Dingen, die noch wahr sind außer ihr,
117 Und ich den Wahn, der doch nicht falsch, erkannte:

118 Da sprach mein Führer, der gleich Jenem schier,
119 Der sich dem Schlaf entwindet, mich erblickte:
120 'Nicht halten kannst du dich? Was ist mit dir?

121 Seit mehr als einer halben Stunde knickte
122 Dein Fuß, geschloßnen Blickes gingest du,
123 Wie der, den Schlummer oder Wein bestrickte.'

124 Mein süßer Vater, hörst du nur mir zu,
125 So sag' ich dir, sprach ich, was mir erschienen,
126 Indeß ich ging in schlummergleicher Ruh'.

127 'Verhüllten hundert Larven deine Mienen,'
128 Versetzt' er, 'würden sie mir nicht verschließen
129 Den mindesten Gedanken doch in ihnen.

130 Was du gesehn, geschah, daß du erschließen
131 Dein Herz mögst willig jenen Friedensbächen,
132 Die aus dem Quell der ewigen Gnade fließen.

133 Was ist dir? fragt' ich, nicht wie Menschen sprechen
134 Die mit den ird'schen Augen sehn allein,
135 Die nicht mehr sehn, wenn sie im Tode brechen.

136 Ich fragt', um deinem Fuß Kraft zu verleihn;
137 So spornen muß man einen langsam trägen,
138 Daß, wenn er wach, er nutzt sein Wachesein.'

139 Vorspähend schritten wir auf unsern Wegen,
140 So weit hin als die Blicke konnten schweifen,
141 Dem abendlichen Sonnenglanz entgegen.

142 Und sieh! allmählich hob ein Rauchesstreifen
143 Sich gegen uns, dem nirgend zu entkommen,
144 Um, dunkel wie die Nacht, uns zu ergreifen,

145 Bis er uns Blick und reine Luft benommen.

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