Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 14
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 14

Zwei Schatten, Gui del Duca und Rinieri von Calboli, unterhalten sich über Dante und ersterer redet ihn an. Als er vernommen, daß Dante aus Florenz sei, spricht er sich in harten Worten über die Verderbniß in Toscana und Romagna aus. Dann wandern Dante und Virgil weiter und hören in Stimmen warnende Beispiele des Neides.

001 'Wer ists, der unsern Berg wagt zu umziehen
002 und senkt und hebt den Blick nach Lust, noch ehe
003 Der Tod zum Fluge Schwingen ihm verlehen?'

004 'Ich weiß nicht, doch nicht unbegleitet sehe
005 Ich ihn: frag' du ihn, du stehst dicht dabei,
006 Und grüß' ihn freundlich, daß er Red' uns stehe.'

007 So redeten zu meiner Rechten zwei
008 Der Geister, zu einander hin sich neigend.
009 Mit mir zu sprechen, hoben sie dann fre

010 Das Antlitz: 'Seele, die, zum Himmel steigend,'
011 Sprach Einer, 'in des Erdenleibes Bann,
012 Sprich, uns Beruhigung aus Lieb' erzeigend,

013 Woher du kommst und wer du bist, sag' an;
014 Denn, die dir ward, die Gnade, Staunen wecken
015 Muß sie, wie nur so Unerhörtes kann.'

016 Es wallt ein Flüßchen durch Toscanas Strecken,
017 Versetzt' ich, das am Falteron' entsprang,
018 Dem hundert Meilen Laufs kein Ziel noch stecken.

019 An seinem Strand begann mein Lebensgang.
020 Doch sagt' ich, wer ich sei, nichts würd' es frommen;
021 Hat doch mein Name noch nicht großen Klang.

022 'Falls ich auf deiner Meinung Grund gekommen,
023 So redest du vom Arno,' sprach dagegen
024 Der Eine, der zuerst das Wort genommen;

025 Worauf der Andre zu ihm sprach: '
026 Weswegen Nannt' er des Flusses Namen nicht? Das thut
027 Man nur bei Dingen, die uns Grau'n erregen.'

028 Der Schatten, den befragt er hatt', entlud
029 Sich so: 'Weiß nicht; doch daß Vergessens Wellen
030 Den Namen deckten, wäre recht und gut.

Denn 031 vom Beginn, dort so so reich an Quellen
032 Das Hochgebirg, von dem Pelor sich schied, -
033 So reich, daß reicher nur sind wenige Stellen -

034 Bis dort, wo er hinab zum Meere flieht,
035 Dem er, was draus der Himmel saugt, ersetzt,
036 Weil jeder Fluß aus ihm die Nahrung zieht,

037 Wird Tugend, gleich der Schlange, weggehetzt,
038 Sei's daß ein Fluch auf jener Stätte laste,
039 Sei's daß sie böse Sitte reizt und wetzt.

040 Denn wer das Thal bewohnt, das gottverhaßte,
041 Ist so verkehrter Art, daß es kann scheinen.
042 Es wär' bei Circe jeglicher zu Gaste.

043 An eichelwürdigen Thieren, wüsten Schweinen,
044 Nicht werth der Kost, die Menschen man bereitet,
045 Sieht man zuerst vorbei ihn lenken seinen

046 Aermlichen Lauf; dann, wenn er weiter gleitet,
047 An Kläffern, beißig, ohne Kraft zu haben,
048 So daß unwillig weg den Lauf er leitet.

049 Dann, wo er breiter sich sein Bett gegraben,
050 Da sieht er aus den Hunden Wölfe werden,
051 Der unglückselige verfluchte Graben.

052 Wenn er durch manchen tiefen Schlund der Erden
053 Gestürzt, trifft er dann Füchse, so voll List,
054 Daß auch der Schlauste sie nicht kann gefährden.

055 Ich schweige nicht, wer auch mein Hörer ist;
056 Denn gut ists Diesem, wenn er, was mir jetzt
057 Der Wahrheit Geist enthüllet, nicht vergißt.

058 Ich sehe, wie dein Enkel jagend hetzt
059 Dort an des grauenvollen Flusses Rande
060 All jene Wölfe, daß sie fliehn entsetzt.

061 Ihr lebend Fleisch verkauft er rings im Lande,
062 Dann sticht er sie gleich altem Schlachtvieh nieder,
063 Dem Tode weiht er viele, sich der Schande.

064 In Jammer läßt er, blutbenetzt die Glieder,
065 Den Wald, so wüst, daß er in tausend Jahren
066 Zum frühern Stand sich nicht bewaldet wieder.'

067 Wie bei zukünftigen Wehes Offenbaren
068 Das Antlitz sich dem Hörenden verstört,
069 Von wannen auch ihm drohen die Gefahren,

070 Sah ich die zweite Seele, die gehört
071 Voll Achtsamkeit, verstört und traurig stehen,
072 Als sie vernahm dies Wort so unerhört.

073 Den reden hören, den so traurig sehen
074 Gab mir den Wunsch, die Namen zu erfragen;
075 Drob eine Frag' ich that, gemischt mit Flehen.

076 Und den, der erst gesprochen, hört' ich sagen
077 Zu mir: 'Du brächtest gerne mich dahin,
078 Daß ich dir thu, was du mir abgeschlagen.

079 Doch weil an dir Gott seinen gnädigen Sinn
080 So leuchten ließ, so will ich auch nicht kargen:
081 So wisse, daß ich Gui del Duca bin.

082 Es brannte so mein Blut vom Neid, dem argen,
083 Daß, wenn ich andre lustig sah und froh,
084 Sich hinter Blässe meine Wangen bargen.

085 Von meiner Aussaat ernt' ich solches Stroh.
086 O Menschenherz, wie kannst du das begehren,
087 Dessen Gemeinschaft man viel lieber floh?

088 Dies ist Rinier, er brachte hoch zu Ehren
089 Das Haus von Calboli, aus dem man keinen
090 Das Erbe seiner Tugend dann sah mehren.

091 Verloren sind nicht bloß dem Stamm der Seinen
092 Vom Po zum Berg, vom Reno bis zum Meere,
093 Die Güter, die mit Recht die höchsten scheinen.

094 Denn alles ist von giftiger Sträucher Heere
095 Voll zwischen jenen Grenzen, daß fürwahr
096 Ausrottung durch Bebau'n zu spät jetzt wäre.

097 Wo ist ein Licio, wo Pier Traversar?
098 Wer ist wie Mainard, wie Carpigna bieder?
099 Romagnas Volk, Bastarde ganz und gar!

100 Wann sieht Bologna einen Fabro wieder,
101 Faënza dich, von Fosco Bernardin,
102 Ein edles Reis aus Keimen schlecht und nieder!

103 Wein' ich, o Tusker, so sei mirs verziehn,
104 Wenn ich an jenen Gui da Prata denke,
105 Und ihn, der mit uns lebte, Ugolin,

106 Denk' an Tignosos frohe Gastgeschenke,
107 Die Traversaren und die Anastagen,
108 Die ausgestorben, um die ich mich kränke,

109 An Frau'n und Ritter, an die Lust und Plagen,
110 Die Lieb' und adlig Wesen uns verliehen,
111 Wo jetzt nur schlimm gesinnte Herzen schlagen!

112 Was, Brettinoro, säumest du zu fliehen,
113 Da dein Geschlecht mit vielem Volk hinaus
114 Geflüchtet, sich dem Laster zu entziehen!

115 Bagnacaval, wohl dir, denn du stirbst aus,
116 Und schlimm thut Castrocar, und Conio schlimmer,
117 Das fortzusetzen strebt sein Grafenhaus.

118 Gut werden die Pagani thun, wenn nimmer
119 Ihr Teufel lebt, und doch nicht so, daß sie
120 Nicht hätten ihren Ruf befleckt auf immer.

121 Dein Nam', o Ugolin de Fantoli,
122 Ist sicher wohl, denn man erwartet keinen,
123 Der Schande durch Entartung ihm verlieh'.

124 Doch geh von dannen, Tusker, denn zu weinen
125 Drängt es mich mehr als weiter zu erzählen;
126 So klemmt es mir das Herz in herben Peinen.'

127 Wir wußten, weggehn hörten uns die Seelen,
128 Und waren darum sicher, da sie schwiegen,
129 Daß wir den rechten Weg nicht konnten fehlen.

130 Als wir nun einsam beide weiter stiegen,
131 Da hörten wir, schnell wie der Bliltz verschwindet,
132 Uns dieser Stimme Laut entgegenfliegen:

133 'Erschlagen wird mich jeder der mich findet.'
134 Sie schwand dahin wie Donner, der verhallt,
135 Wenn plötzlich sich von ihm die Wolk' entbindet.

136 Kaum hatte Ruh' vor ihr das Ohr, alsbald
137 Erklang mit mächtigem Krachen wieder eine,
138 Dem Donner gleich, der Schlag auf Schlag erschallt.

139 'Ich bin Aglauros, die da ward zum Steine;'
140 Worauf ich rückwärts trat statt vorzuschreiten
141 Und an des Dichters Seite schmiegte meine.

142 Schon waren still die Lüft' auf allen Seiten,
143 Da sprach er: 'Dieses war der harte Zaum,
144 Der euch, ihr Menschen, sollt' am Zügel leiten.

145 Doch winkt des alten Feindes Köder kaum,
146 So schnappt ihr nach der Angel voll Verlangen
147 Und gebt dem Zaum und Zuruf wenig Raum.

148 Euch ruft der Himmel, euch hält er umfangen
149 Und zeigt euch seiner ewigen Schönheit Land,
150 Und doch will euer Aug' am Boden hangen;

151 Drum züchtigt euch, der alles wohl erkannt.'

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