Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 09
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 09

Die Nacht bricht ein. Dante wird im Schlafe von Lucia bis in die Nähe der Pforte des Fegefeuers entrückt. Er erwacht dort, allein mit Virgil, der ihm nachgefolgt ist. Sie wandern weiter und kommen an die Pforte, zu der drei Stufen hinaufführen. Auf der obersten sitzt ein Engel mit entblößtem Schwerte, der, nachdem Virgil über seine Sendung Aufschluß gegeben, sie zum Eintritt einladet. Dante steigt die Stufen empor und wirft sich vor dem Engel nieder. Dieser schreibt sieben P auf Dantes Stirne und öffnet dann mit einem silbernen und einem goldenen Schlüssel die Pforte. Zugleich warnt er vor dm Rückwärtschauen. Knarrend erschließt sich das Thor, aus welchem ein Tedeum Dante entgegenschallt.

001 Des alten Titons Buhlin färbte schon
002 Des Himmels Morgensaum mit bleichem Glanze,
003 Dem Arm des süßen Freundes erst entflohn;

004 Es leuchtet' ihre Stirn im Demantkranze,
005 Der die Gestalt des kalten Thieres zeigt,
006 Das Menschen tödtlich trifft mit seinem Schwanze.

007 Schon hatte zwei der Schritte, die sie steigt,
008 Die Nacht zurückgelegt dort wo wir standen,
009 Und schon zum dritten ihren Flug geneigt,

010 Als ich, deß Glieder Adams Erb' empfanden,
011 Mich schlafbesiegt legt' auf dem Grase nieder,
012 Wo alle fünf wir sitzend uns befanden

013 In jener Stunde, wo die Klagelieder
014 Die Schwalbe anhebt bei des Morgens Grauen
015 (Sie denkt wohl ihres ersten Leides wieder)

016 Wenn unser Sinn, entrückt den Erdenauen,
017 Frei von Gedanken, die ihn sonst umringen,
018 Beinahe göttlich ist in seinem Schauen,

019 Da glaubt' ich, einen Ar mit goldnen Schwingen,
020 Weit ausgespannt, säh' ich im Traum erscheinen,
021 Bereit sich aus der Luft herabzuschwingen.

022 Und dort glaubt' ich zu weilen, wo den Seinen,
023 Die er verließ, geraubt ward Ganymed,
024 Der Götter hohem Rath sich zu vereinen.

025 Ich dachte mir: Nur aus Gewohnheit geht
026 Sein Flug hierher, weil er von andrem Ort
027 Die Beute herzuholen sich verschmäht.

028 Dann schiens als kreis' er erst ein wenig dort,
029 Drauf furchtbar wie ein Blitz kam er geschossen
030 Und trug empor mich, bis zum Feuer fort.

Von 031 Gluth, so schiens, war er und ich umflossen,
032 Und so durchfuhr mich der geträumte Brand,
033 Daß jäh der Schlummer floh, der mich umschlossen.

034 So wie Achilles einst sich schüttelnd stand
035 Und die erwachten Augen dreht' im Kreise,
036 Weil er nicht wußte wo er sich befand,

037 Da ihn von Chiron weg im Schlafe leise
038 Im Arm nach Skyros Thetis trug, von wo
039 Die Griechen ihn entführten auf die Reise:

040 So schüttelt' ich mich, als der Schlummer floh
041 Von meinem Antlitz; todtbleich stand ich da,
042 Erstarrt von jähem Schrecken steht man so.

043 Mein Führer nur stand mir zu Seite nah;
044 Schon seit zwei Stunden schien die Sonne heiter,
045 Und nach dem Meere zu mein Antlitz sah.

046 'Sei ohne Furcht,' begann jetzt mein Begleiter,
047 'Ermanne dich, wir sind an gutem Ort;
048 Nicht enger werde deine Kraft, nein, weiter!

049 Du bist jetzt an des Fegefeuers Bord.
050 Sieh dort die Felswand, die es rings umschließet,
051 Wo sie gespalten, sieh den Eingang dort.

052 Im Dämmerlicht, das mit dem Tag zerfließet,
053 Als dir der Schlaf der Seele Fesseln brach,
054 Im Thale dort, wo Blum' an Blume sprießet,

055 Erschien ein Weib. "Lucia bin ich," sprach
056 Ihr Mund, "laß diesen Schläfer fort mich bringen,
057 Ich helf' auf seinem Weg im fördernd nach."

058 Sordell blieb und sie all, die ihn umringen,
059 Dich nahm sie, und als hell der Tag erschienen,
060 Kam sie herauf, ich eilt' ihr nachzudringen.

061 Hier legte sie dich hin, mit holden Mienen
062 Wies sie des Eingangs Pforte mir, die offen;
063 Da schwanden deine Träum' und sie mit ihnen.'

064 Wie Einem, der von Zweifeln erst betroffen,
065 Nachdem die Wahrheit ihm enthüllt, das bange
066 Verzagen sich verkehrt in sichres Hoffen:

067 So ging es mir, und als vom Sorgenzwange
068 Mein Führer frei mich sah, da stieg er auf
069 Zur Höh', ich folgt' ihm nach am Felsenhagen.

070 Wie ich den Stoff, - mein Leser, achte drauf! -
071 Erhabner forme; drum erstaune nicht,
072 Steigr' ich mit größrer Kunst ihn im Verlauf.

073 Herangekommen waren wir so dicht,
074 Daß, wo mirs schien, als wenn ein Spalt da sei,
075 Wie wenn ein Riß die Mauer unterbricht,

076 Ein Thor ich sah, darunter Stufen drei,
077 Verschiedner Farbe, welche zu ihm führten;
078 Ein Pförtner, der kein Wort sprach, stand dabei,

079 Den, als genauer meine Blicke spürten,
080 Ich auf der höchsten Stufe sitzend fand,
081 So hell, daß Schmerzen mir das Auge rührten.

082 Ein bloßes Schwert hatt' er in seiner Hand,
083 Das so auf uns zurück die Strahlen warf,
084 Daß ich umsonst den Blick oft hingewandt.

085 'Sagt, was ihr wollt, von dort aus!' sprach er scharf;
086 'Und wer gab euch Geleit nach diesem Orte?
087 Gebt acht, daß euchs nicht Schaden bringen darf.'

088 'Ein himmlisch Weib,' sprach drauf Virgil die Worte,
089 'Vertraut mit diesen Dingen, sagte eben
090 Zu uns: "Dort gehet hin, dort ist die Pforte."

091 'Mög' eurem Schritte sie Gedeihen geben,'
092 Sprach nun der Pförtner, aller Härte bar.
093 'Kommt denn, zu unsern Stufen euch zu heben!'

094 Wir traten hin. Die erste Staffel war
095 Von Marmor, weiß, von solcher Glätt' und Reine,
096 Daß ich mein Spiegelbild drin ward gewahr.

097 Die zweite war von purpurdunklem Scheine,
098 Quer durchgeborsten und der Länge nach,
099 Von rauhem, brandverwüstetem Gesteine.

100 Die dritte, die sich thürmt' auf beiden flach,
101 Schien Porphyr von so feuerrother Helle,
102 Wie Blut, das frisch aus einer Ader brach.

103 Und diese dritte dient' als Fußgestelle
104 Dem Engel Gottes, und von Diamant,
105 So schien mirs, war, darauf er saß, die Schwelle.

106 Die Stufen aufwärts zog des Führers Hand
107 Mich willigen nach. 'Demüthig mußt du flehen',
108 Begann er, 'daß er löst des Schlosses Band.'

109 Andächtig sank ich zu des Heiligen Zehen,
110 Schlug dreimal an die Brust im Büßerweh'
111 Und daß er gnädig öffne, rief mein Flehen.

112 Da schrieb er an die Stirn mir sieben P
113 Mit seines Schwertes Spitz' und sagte: 'Wasche
114 Die Wunden drin, daß jede Spur vergeh.'

115 Wie Erde, die man trocken gräbt, wie Asche
116 War seines Kleides Farbe, drunter er
117 Zwei Schlüssel zog hervor aus seiner Tasche.

118 Von Gold war dieser und von Silber Der.
119 Erst mit dem weißen sah ich ihn vollbringen,
120 Dann mit dem gelben, das was mein Begehr.

121 'Wills mit dem einen Schlüssel nicht gelingen,
122 Und läßt er schwer sich drehn im Schlüsselloch,'
123 Sprach er, 'So läßt kein Eintritt sich erzwingen.

124 Mehr Werth hat dieser; doch mehr Einsicht noch
125 Bedarfs, um mit dem andern aufzuschließen;
126 Denn er allein entwirrt den Knoten doch.

127 Mir gab sie Petrus, seine Worte hießen
128 Eh irrig öffnen als den Eintritt wehren,
129 Wenn Menschen vor mir auf die Knie sich ließen.'

130 Des Thrones Eingang stieß er auf, den hehren,
131 Und sagte: 'Tretet ein, allein versteht,
132 Daß, wer nach hinten schaut, zurück muß kehren.'

133 Und als in ihren Angeln sich gedreht
134 Die Zapfen nun von tönendem Metalle
135 An diesem Thor voll heiliger Majestät,

136 Da knarrt' es stärker und mit mächtgerm Schalle
137 Als einst Tarpeja, da man ihr Metell
138 Den tapfern nahm und leer blieb ihre Halle.

139 Dem ersten Tone zu wandt' ich mich schnell;
140 Da schien es mir wie wenn Tedeum fangen
141 Viel stimmen, untermischt mit Klängen hell.

142 Er war der Eindruck, den ich da empfangen,
143 Gerade wie es pflegt uns zu geschehen,
144 Wenn Orgeltöne zum Gesang erklangen,

145 Daß wir die Worte halb, halb nicht verstehen.

<<< list operone >>>