Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 07
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 07

Sordell, als er Virgils Namen erfährt, beugt verehrungsvoll sein Knie und bietet sich zum Führer an. Ein weiteres Hinaufsteigen sei jetzt, wo die Sonne untergegangen, unmöglich, daher er sie in einen Kreis von Seelen führen wolle, den sie gern sehen würden. In einer Talsenkung, voll von köstlichen Blumen und Düften, erblicken sie zahlreiche Seelen, die singen und mit deren Namen Sordell sie bekannt macht. Es sind Könige und Fürsten, die über dem Sorgen für den Staat das höhere Wohl verabsäumten und ihre Buße verschoben haben.

001 Als drei- und viermal sie voll Freudigkeit
002 Erneut die würdige Begrüßung hatten,
003 Trat jetzt Sordell zurück: 'Sprecht, wer ihr seid!'

004 'Eh die der Gottesnähe würdigen Schatten
005 Sich diesem seligen Berge zugekehrt,
006 Ließ Octavianus mein Gebein bestatten.

007 Ich bin Virgil. Nicht andre Schuld vermehrt
008 Den Himmel mir, als daß des Glaubens Licht
009 Mir fehlt.' Und als er so ihn aufgeklärt,

010 Da, Jenem gleich, dem etwas vors Gesicht
011 Urplötzlich tritt, der staunend, zweifelnd auch,
012 Glaubt und nicht glaubt und spricht: Es ist - ist nicht,

013 Schien mir Sordell; drauf mit gesenktem Aug'
014 Kehrt' er demüthig zu Virgil und beugte
015 Sich ihm zum Knie, wie's eines Niedern Brauch.

016 O Latiums Ruhm, o du, deß Lied bezeugte,
017 Was unsre Sprache kann', sagt er' darauf,
018 'O ewiger Preis der Stadt, die mich erzeugte,

019 Wie bin ich würdig, daß du deinen Lauf
020 Hierher gelenkt? verdien' ichs, dich zu fragen,
021 So sprich: kommst aus der Hölle du herauf?'

022 'Durch alle Kreise jenes Reichs der Klagen,'
023 Antwortet' er, 'kam ich in dieses Land,
024 Von Himmelskraft, die mit mir kommt, getragen.

025 Kein Thun, nur Nichtthun hält mich ferngebannt
026 Vom Anblick jener ewigen Sonnenstrahlen,
027 Die du ersehnst, die ich zu spät erkannt.

028 Ein Ort ist drunten, nicht ein Ort der Qualen,
029 Doch trüb' und dunkel, nicht voll Klag' und Weinen,
030 Doch Seufzern, die sich aus dem Herzen stahlen.

Dort 031 weil' ich bei den unschuldsvollen Kleinen,
032 Die, eh die Taufe rein macht' ihre Seele,
033 Der Tod zermalmt' und führte zu den Seinen.

034 Wiss' auch, daß ich zu jener Schar mich zähle,
035 Die alle Tugenden, die heiligen drei
036 Allein nicht, kannt' und übte sonder Fehle.

037 Doch wenn du kannst, so bring' uns Kunde bei,
038 Wie wir am schnellsten nach dem Platze schreiten,
039 An dem der Läutrung wahrer Anfang sei.'

040 Er sprach: 'Der Weg ist frei nach allen Seiten;
041 Herum, hinauf darf ich die Schritte lenken;
042 So weit ich kann, will ich dich gern begleiten.

043 Doch sieh, wie sich des Tages Strahlen senken.
044 Es ist nicht thunlich Nachts hinaufzugehen;
045 Gut wärs auf schönen Aufenthalt zu denken.

046 Wo rechts, von uns nicht ferne, Seelen stehen,
047 Wenn dirs genehm, dahin will ich dich bringen;
048 Nicht ungern wirst du hören sie und sehen.'

049 'Wie?' sprach Virgil, 'kann Keinem es gelingen,
050 Nachts aufzusteigen? hemmt ihn jemand, sprich,
051 Versagt ihm nur die Kraft es zu vollbringen?'

052 Da zog Sordell am Boden einen Strich
053 Und sprach: 'Nicht überschrittest du bei Nacht
054 Selbst diese Linie, wenn die Sonn' entwich.

055 Nicht daß das Steigen irgend andre Macht
056 Als nur die Finsterniß der Nacht erschwere,
057 Die nichts vermögend unsern Willen macht.

058 Wohl ists erlaubt, daß man sich abwärts kehre
059 Und irrend wandre rings am Meeresbord,
060 So lange Dunkel deckt des Himmels Sphäre.'

061 Da wie verwundert sprach mein Herr und Hort:
062 'So führ' uns zu dem Platz, in dessen Mitten
063 Uns Freude winket, wie uns sagt dein Wort.'

064 Wir waren kaum ein wenig fortgeschritten,
065 Als eine Senkung sich am Berg ließ sehen,
066 Wie oft auf Erden Thäler eingeschnitten.

067 'Dorthin,' begann der Schatten, 'laßt uns gehen,
068 Wo eine Bucht am Berghang wird erfunden;
069 Dort sehen wir den neuen Tag erstehen.'

070 Halb wag- halb senkrecht, schräg hinabgewunden,
071 Führt' uns ein Pfad zum Rand der Schlucht dahin,
072 Wo mehr als halb ihr Seitenhang geschwunden.

073 Gold, feines Silber, Bleiweiß und Carmin,
074 Und leuchtend Holz aus Indien und der helle
075 Smaragd, wenn eben man gebrochen ihn,

076 Sie würden all' besiegt an Farb' und Helle,
077 Wie Kleines nachgibt bei des Größern Ruf,
078 Von Gras und Blumen dieser Thalesstelle.

079 Nicht nur zum Malen zeigte hier Beruf
080 Natur, die aus viel tausend süßen Düften
081 Ein unbestimmtes, seltsam Neues schuf.

082 'Gegrüßt sei, Kön'gin!' sang auf zu den Lüften
083 Aus Gras und Blumen dort ein Geisterchor,
084 Verhüllt nach außen von des Thales Klüften.

085 'Eh sich der Sonne letzter Rest verlor,'
086 Begann der Mantuaner, unser Leiter,
087 'Stell' ich euch nicht in jenem Kreise vor.

088 Ihr seht von dieser Höhe licht und heiter
089 Viel besser, wie sich jeder hält und führt,
090 Als mitten in dem Thale drunten weiter.

091 Der dort am höchsten sitzt, den Mund nicht rührt
092 Zum Sang der Andern, sieht mans ihm nicht an,
093 Daß er zu thun versäumt was ihm gebührt?

094 Der Kaiser Rudolf wars, der Welschlands Bann
095 Und Wunden heilen konnt' und nicht geheilet,
096 Die spät nun heilen muß ein andrer Mann.

097 Der dort, deß Anblick Tröstung ihm ertheilet,
098 Dort herrscht' er, wo die Moldau ihr Gewässer
099 Der Elbe schickt, die dann zum Meer hineilet.

100 Sein Nam' ist Ottokar, er war viel besser
101 Schon in den Windeln, als sein bärtiger Sohn,
102 Der Wenzel, jener geile Bock und Fresser.

103 Die Stumpfnas dort, die im vertrauten Ton
104 Zu jenem Gütigen hin die Worte lenkt,
105 Starb auf der Flucht, den Lilien zum Hohn.

106 Seht, welche Schläge seine Brust empfängt!
107 Sehr dort den Andern, wie die Wangen er
108 Hat seufzend in die hohle Hand gesenkt!

109 Von Frankreichs Pest sind Vater sie und Schwäh'r;
110 Sie kennen sein unflätig Lasterleben
111 Der Schmerz, der so sie stachelt, rührt daher.

112 Der Gliederstarke, der mit Dem daneben,
113 Dem Adlernasigen, singt im Accord,
114 War einst mit jeder Tugend Gurt umgeben.

115 Und falls Der hinter ihm, der Jüngling dort,
116 So bald nach ihm nicht hätte müssen sterben,
117 Von Stamm auf Stamm dann erbte Tugend fort.

118 Doch solches gilt nicht von den andern Erben;
119 Jacob und Friedrich konnten zwar das Land,
120 Doch nicht des Erbes bessern Theil erwerben.

121 Wie selten, daß im Zweige neu erstand
122 Des Stammes Tugend! So hats Der beschlossen,
123 Der will, daß sein Geschenk sie sei genannt.

124 Das gilt vom adlernasigen Genossen
125 Wie es von Peter galt, der mit ihm singet,
126 Drob Klag' Apulien und Provence ergossen.

127 Der Saat steht so weit nach, was ihr entspringet,
128 Als über den Gemahl von Margareth
129 Und Beatrix sich Constanzens Gatte schwinget.

130 Seht, wie dort Englands König Heinrich steht,
131 Einfachen Wandels, einsam unter jenen,
132 Aus dessen Stamm ein beßrer Trieb entsteht.

133 Und, der am tiefsten unter allen denen
134 Vom Boden aufschaut, Wilhelm der Marchese,
135 Der über Alessandrias Felde Thränen

136 Erpreßt' in Montserrat und Canavese.'

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