Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 06
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 06

Dante macht sich mit Mühe von der ihn anflehenden Schar los und richtet an Virgil die Frage, wie es möglich sei, dass Fürbitte einen Beschluss des Himmels wenden könne, da in seiner Aeneide doch das Gegenteil stehe. Virgil erklärt es ihm, verweist ihn aber wegen des Weiteren auf Beatrix. Dies spornt Dante zur Eile an. Sie treffen einen Schatten allein, der sich als Virgils Landsmann, Sordello, zu erkennen gibt. Die warme Begrüßung der Landsleute veranlasse Dante zu einer heftigen Strafrede gegen Italien und zuletzt gegen Florenz.

001 Wenn Spieler sich vom Würfelspiel entfernen,
002 Bleibt der Verlierer ärgerlich am Ort,
003 Und würfelt weiter, besser es zu lernen,

004 Doch mit dem Siegeer strömt die Menge fort,
005 Der faßt ihn hinten, Der will vor ihm gehen,
006 Der macht bemerklich sich zur Seite dort.

007 Er, Den und Jenen hörend, bleibt nicht stehen,
008 Verspricht Dem was, da hört sein Dringen auf,
009 Und so weiß er dem Andrang zu entgehen.

010 Dem gleich war ich in diesem dichten Hauf;
011 Den Blick mußt' ich bald hier-, bald dorthin wenden,
012 Und löste durch Versprechen mich vom Kauf.

013 Hier Benincafa, der den grimmen Händen
014 Des Chin di Tacco einst erlag; dort naht,
015 Der, rasch hinjagend, mußt' im Wasser enden;

016 Fedric Novello hier, der flehend bat,
017 Hier der Pisaner auch, durch den der gute
018 Marzucco ward bewegt zu starker That;

019 Graf Orsa dann, und - der im Frevelmuthe
020 Verlor sein Leben, nur durch Neid und Groll,
021 Nicht weil, so wie er sagt, Schuld auf ihm ruhte -

022 Pier della Broccia: wohl mag reuevoll
023 Sich die Brabantrin vorsehn auf der Erde,
024 Wenn sie nicht schlimmrer Pein verfallen soll.

025 Als ich nun los war von der Schattenherde,
026 Die Andre anzuflehn mich angefleht,
027 Daß ihr Läuterung beschleunigt werde,

028 Sprach ich: An einer deiner Stellen steht,
029 O du mein Licht, klar dieses Wort geschrieben:
030 Den Schluß des Himmels wendet kein Gebet.

Doch 031 grade dazu hat mich ja getrieben
032 Dies Volk: ist eitel ihrer Hoffnung Wahn,
033 Oder ist unklar mir dein Wort geblieben?

034 'Ganz klar sind meine Worte', hob er an,
035 'Doch täuscht auch Jene nicht der Hoffnung Licht,
036 Will man sie nur in rechtem Sinne empfahn.

037 Erniedrigt wird des Richtspruchs Höhe nicht,
038 Wenn heiße Lieb' auf einmal das gewährte,
039 Was langsam hier zu thun der Büßer Pflicht.

040 Da freilich, wo ich jenen Grundsatz lehrte,
041 Ließ durch Gebet kein Fehler ja sich heilen,
042 Weil das Gebet von Gott hinweg sich kehrte.

043 Doch bei so schwerem Zweifel zu verweilen
044 Laß wahrlich ab, bis du vor ihr wirst stehen,
045 Die dir der Wahrheit Kunde wird ertheilen.

046 Ich weiß nicht, kannst du was ich sprach verstehen:
047 Beatrix mein' ich, die du auf den Zinnen
048 Des Berges wirst glückselig lächelnd sehen.'

049 Auf, guter Führer, schneller denn von hinnen!
050 Sprach ich, die Müde schwand, die auf mir lag.
051 Sieh! schon zu schatten will der Berg beginnen.

052 'Wir gehn,' versetzte Jener, 'diesen Tag,
053 So weit wir können; aber anders finden
054 Wirst dus als es dein Sinn sich denken mag.

055 Sie, die wir hinterm Strande sehn verschwinden,
056 Kehr wieder, so daß nicht dein Leib mehr wehrt
057 Dem Strahl - eh wir uns auf zum Gipfel winden.

058 Doch jene Seele schau! uns zugekehrt,
059 Blickt sie, von hehrer Einsamkeit umschlossen;
060 Gewiß daß sie den schnellsten Weg uns lehrt.

061 Wir nahten ihr. O Seele du, entsprossen
062 Der Lombardei, verachtend standest du
063 Mit würdigem Aug', draus stolze Blicke schossen.

064 Auch nicht mit einem Wort sprach sie uns zu
065 Und ließ uns weiter ziehn, nur nach uns sehend,
066 Gleich wie ein Löwe liegt in stolzer Ruh.

067 Da trat Virgil zu ihm und bat ihn flehend,
068 Den besten Weg nach oben uns zu zeigen;
069 Doch Jener, seinem Wunsch nicht Rede stehend,

070 Frug nur, welch Land und Leben uns zu eigen.
071 Anhob mein süßer Führer: 'Mantua' -
072 Und Er, der erst versenkt in tiefes Schweigen,

073 Erhob sich rasch von seinem Platze da:
074 'Ich bin Sordell, auch ich aus Mantuas Fluren!'
075 Worauf ich beide sich umarmen sah.

076 Italien, weh! du Haus voll Jammerspuren,
077 Du magd, du Schiff im Sturme sonder Steuer,
078 Nicht Länderherrin, nein! Bordell voll Huren!

079 Wie war der edle Schatten hier voll Feuer
080 Beim süßen Klange schon der Vaterstadt,
081 Den Landsmann zu begrüßen, der ihm theuer!

082 Und deine Lebenden sind, nimmer satt,
083 Bedacht im Bürgerkriege sich zu morden,
084 Die einer Mauer Ring umschlossen hat.

085 Elende, spähe ringsum an den Borden
086 Des Meers, und in dein Innres schau darnach,
087 Wie friedlos jeder Theil in dir geworden.

088 Was frommts, daß Justinian neu Recht dir sprach,
089 Dich zügelnd, wenn der Sattel leer geblieben?
090 Es wär' ohn' ihn geringer deine Schmach.

091 O Volk, das, nur von Frömmigkeit getrieben,
092 Den Kaiser sollt' auf seinem Sattel lassen,
093 Verständest du was Gott dir vorgeschrieben.

094 Wie rast das Thier, sich selber überlassen,
095 Weil keiner Sporen Druck mehr hemmt sein Wollen,
096 Seitdem den Zügel du bekamst zu fassen,

097 O deutscher Albrecht, der dem völlig tollen
098 Den Willen läßt, nachgebend seiner Wuth,
099 Und auf den Sattel hätte steigen sollen!

100 Der Sterne Strafgericht fall' auf dein Blut,
101 So furchtbar deutlich und so unerhört,
102 Daß dein Nachfolger sei auf beßrer Hut!

103 Denn ihr, du und dein Vater, habt, bethört
104 Von Habsucht, drüben bleibend zugegeben,
105 Daß man des Reiches Garten so zerstört.

106 Sieh, wie Montecchi und Capelletti leben,
107 Monaldi, Filippeschi, säumiger Mann!
108 Die in Betrübniß, Die in Furcht und Beben.

109 Komm, sieh die Drangsal deines Adels an,
110 Grausamer, komm und hilf dem Leid der Deinen,
111 Sieh, ob sich Santafior noch schützen kann.

112 Komm, siehe Roma deine Witwe weinen,
113 Die Tag und Nacht den Klagruf läßt vernehmen:
114 Mein Kaiser, willst du dich nicht mir vereinen?

115 Sieh, wie dein Volk sich liebt! kann nichts dir nehmen
116 Den Starrsinn, uns dein Mitleid zu versagen,
117 So komm, des eignen Leumunds dich zu schämen.

118 Und ists erlaubt dich, höchster Gott, zu fragen,
119 Ob anderwärts dein Aug' ist hingewendet,
120 Der du für uns ans Kreuz dich ließest schlagen?

121 Wenn dein verborgner Rath, der Segen spendet,
122 Nicht etwas Gutes, das uns unbekannt,
123 Damit vielleicht zu unserm Heil vollendet.

124 Voll von Tyrannen ist Italiens Land,
125 Ein Bauer braucht nur zur Partei zu schwören,
126 Und ein Marcellus wird er gleich genannt.

127 O mein Florenz, geruhig kannst du hören
128 Solch einen Abschweif, der dich nicht berührt,
129 Dank deinem Volk, das nie sich ließ bethören!

130 Gerechtigkeit hegt manches Herz, doch spürt
131 Es ängstlich, eh es los sie schnellt vom Bogen,
132 Indeß dein Volk sie stets im Munde führt.

133 Der Aemter Last hat mancher sich entzogen;
134 Dein Volkdrängt ungerufen sich hinzu:
135 'Ich unternehm' es', ruft es gar verwogen.

136 Sei fröhlich denn! Ursache wohl hast du,
137 Du, reich an Frieden und Verstand und Schätzen;
138 Die That zeigt, ob ich wahren Ausspruch thu.

139 Athen und Lacedämon, in Gesetzen
140 Und Staatsklugheit berühmt, sind gegen dein
141 Staatskluges Wesen gar gering zu schätzen.

142 Gesetze schaffst du, ausgedacht so fein,
143 Daß nicht mehr vorhält bis Novembers Mitte,
144 Was im October man hieß gültig sein.

145 Wie oft hast du Gesetze, Münze, Sitte
146 Und Obrigkeit, so weit zurück man denkt,
147 Gewechselt doch in immer neuem Schnitte!

148 Und deutlich, wenn dein Sinn es recht bedenkt,
149 Siehst du, daß du dem Kranken zu vergleichen,
150 Der, weil der weiche Pfühl nicht Ruh' ihm schenkt,

151 Sich wälzt, um seinen Schmerzen zu entweichen.

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