Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 05
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 05

Die Schatten rufen, als sie Dante als Lebenden erkennen, ihm nach. Dante blickt sich daher nach ihnen um, wird aber von Virgil getadelt, dass er durch dergleichen sich aufhalten lasse. Es begegnet ihnen eine andere Schar von Schatten, die das Miserere singt und, als sie Dante gewahrt, erstaunt. Zwei von ihnen kommen auf die Dichter zu. Virgil belehrt sie, dass Dante wirklich lebe und ihnen sehr nützlich sein könne, worauf sie alle herandrängen und um seine Fürbitte bei den Ihren ersuchen. Es sind die Seelen gewaltsam Gestorbener, die aber im Tode noch bereuten. Besonders werden Jacob del Cassero, Buonconte von Montefeltro und Pia, eine Sienesin, redend eingeführt.

001 Schon hatt' ich mich getrennt von jenen Schatten
002 Und auf des Führers Spuren wandelt' ich,
003 Als, mit dem Finger deutend, von den Matten

004 Mir Einer nachrief: 'Seht, wie wunderlich!
005 Den zweiten hat die Sonne nicht durchdrungen;
006 Wie ein Lebend'ger, scheint's, gehabt er sich.'

007 Ich blickte rückwärts, als der Ton erklungen,
008 Und sah bloß mich und das getrennte Licht
009 Sie anschaun, von Verwunderung bezwungen.

010 'Was,' sprach mein Meister, 'zögerst du? was ficht
011 Dir an die Seele, daß du säumst zu gehen?
012 Nicht kümmern darf dich, was man flüsternd spricht.

013 Mir nach! und laß die Leute redend stehen!
014 Sei wie ein Thurm, der fest und ohne Wanken
015 Die Spitze hebt, wie auch die Stürme wehen!

016 Ein Mensch, in dem Gedanken auf Gedanken
017 Sich treiben, wird vom Ziele stets veschlagen;
018 Denn einer setzt im Flug dem andern Schranken,'

019 Was konnt' ich weiter als: 'Ich komme,' sagen?
020 Ich sprach es, leicht vom Roth der Scham umfangen,'
021 Das oft Verzeihn dem Menschen eingetragen.

022 Inzwischen kamen Leute hergegangen
023 Ein wenig vor uns, an des Berges Hang,
024 Die Vers für Vers das Miserere sangen.

025 Als sie gewahrten, daß des Lichtes Glanz
026 Aufhielten meine Glieder, da verkehrten
027 Sie in ein langes dumpfes Oh! den Sang.

028 Und zwei von ihnen, gleich Gesandten, kehrten,
029 Uns zu befragen, auf uns her den Lauf,
030 Daß wir von unserm Zustand sie belehrten.

'031 Kehrt wieder um,' sp sprach mein Meister drauf,
032 'Und die euch abgesandt, berichtet ihnen:
033 Denhier nahm noch das Todtenreich nicht auf.

034 Wenn sie ob seines Schatten sille schienen
035 Zu stehn, so gnüge dies: ihm Ehr' erzeigen
036 Ist gut, denn er kann euch zum Frommen dienen.'

037 Nicht kann so schnell beim Nachtbeginn sich zeigen
038 Am Himmel heißer Dunst, der sich erhoben,
039 Noch im Augustgewölk beim Sonneneigen,

040 Als Jene rückwärts auf zum Berge stoben,
041 Um alle dann den Lauf nach uns zu drehen,
042 Wie ein Geschwader rennt in wildem Toben.

043 'Gar zahlreich ist das Volk, das anzuflehen
044 Dich dringend kommt; doch geh nur,' so begann
045 Der Dichter jetzt, 'und horch auf sie im Gehen.

046 'Die du beim Weg zur Seligkeit hinan
047 Die angebornen Glieder hast behalten,'
048 Schrien sie, 'o Seele, halt ein wenig an.

049 Sahst du je eine hier von den Gestalten,
050 Daß du im Jenseits melden kannst von ihr,
051 Warum, ach! gehst du und läßt dich nicht halten?

052 Gewaltsam starben einst wir alle hier,
053 Der Sünde bis zur letzten Stund' ergeben;
054 In ihr erst sahn das Licht des Himmels wir.

055 Doch schieden wir mit Reu' und mit Vergeben
056 Und ausgesöhnt mit Gott aus jener Welt,
057 Den schmerzhaft sehnend wir zu schauen streben.'

058 Und ich: Wie sehr ich euch betracht', es fällt
059 Mir keiner ein, ihr Geister gotterkoren;
060 Doch kann ich etwas thun, was euch gefällt,

061 So sprecht; ich thu's, beim Frieden sei's geschworen,
062 Den, wandelnd auf so hohen Führers Spur
063 Von Welt zu Welt, ich mir als Ziel erkoren.

064 Drau sprach der Eine: 'Falls den Willen nur
065 Nicht Unvermögen hemmt - wir alle bauen
066 Auf deine Liebesthat auch ohne Schwur.

067 Ich, der vor allen spricht, die auf dich schauen,
068 Ich fleh': wenn je das Land du solltest sehen
069 Zwischen Neapel und Romagnas Auen,

070 Dann heiße die in Fano für mich flehen,
071 Daß sie mich lösen, im Gebet verbunden,
072 Und ich entsühnt zur Läutrung dürfe gehen.

073 Dort stamm' ich her, allein die tiefen Wunden,
074 Woraus das Blut floß, drin mein Leben saß,
075 Hab' ich in Paduas Gefild gefunden,

076 Wo sicher ich zuweilen mich vermaß.
077 Ein Este hat die finstre That ersonnen,
078 Mir zürnend über Billigkeit und Maß.

079 Doch wenn ich nur nach Mira wär' entronnen,
080 Als man ereilt beim Oriaco mich,
081 So würd' ich athmen noch im Licht der Sonnen.

082 Ich lief zum Sumpf, in Schilf und Schlamm fiel ich,
083 Verwickelt nieder; da ergoß ein See
084 Aus meinen Adern auf die Erde sich.

085 'O hofft Erfüllung deine Sehnsucht je,
086 Die dich emporzeiht,' hört ich Einen flehen,
087 'So hilf mit frommem Sinn auch meinem Weh.

088 Buoncont' aus Montfeltro siehst du stehen.
089 Nicht denkt Giovanna, noch wer anders meiner,
090 Drum muß, den Blick gesenkt, allhier ich gehen.

091 ich sprach: Welch furchtbar Schicksal harrte seiner,
092 Das dich so weit wegriß von Campaldin,
093 Daß deine Ruhstatt kennet auch nicht Einer?

094 'O,' sprach er drauf, 'am Fuß des Casentin
095 Fließt quer der Fluß Archiano, dessen Quelle
096 Entspringt am Kloster auf dem Apennin.

097 Dort wo sein Name schwindet, zu der Stelle
098 Floh ich, den Hals durchbohrt, zu Fuße fort,
099 Die Flur benetzend mit des Blutes Welle.

100 Hier schwand mir das Gesicht, mein letztes Wort
101 War noch Maria, die mein Heil und Glauben,
102 Hin sank ich und ließ nur den Körper dort.

103 Dies melde den Lebendigen, darfst es glauben:
104 Ein Engel Gottes nahm mich, da rief "Halt"
105 Der Teufel, "willst du, Himmel, mich berauben?

106 Muß seines ewigen Theiles Vorenthalt
107 Ich dulden, das ein Thränlein mir entrungen,
108 So hab' ich übers andre doch Gewalt."

109 Du weißt, wie feuchter Dunst der Niederrungen
110 Die Luft füllt und als Regen niederkehrt,
111 Sobald zur kalten Luftschicht er gedrungen,

112 Der böse Trieb, der Böses nur begehrt,
113 Vereint mit Scharfsinn, Sturm und Dünste weckte
114 Er durch die Kraft, die ihm Natur gewährt.

115 Und als der Tag erloschen war, bedeckte
116 Er Pratomagnos Thal mit Nebelduft
117 Bis hin zum großen Joch - weithin versteckte

118 Des Himmels Blau sich, Wasser ward die Luft.
119 Der Regen fiel, er strömt' in mächtigen Güssen,
120 Was nicht die Erd' empfing, in Schlucht und Kluft.

121 Zuthal, sich sammelnd dann zu großen Flüssen,
122 Stürzt' es zum königlichen Strome fort,
123 Daß alle Schranken davor weichen müssen.

124 Mein starr Gebein trieb an der Mündung Bord
125 Der Archian, hin in des Arno Fluthen,
126 Und löst' das Kreuz, zu dem ich sterbend dort,

127 Von Schmerz besiegt, mich krümmte im Verbluten;
128 Dann wälzt' er hin am Grund und Ufer lich,
129 Um mich sammt seinem Raube zu umfluthen.'

130 'O wenn du einst zur Welt gekehrt,' hört ich
131 Jetzt einen dritten Geist das Wort erheben,
132 'Und ausruhst von der Fahrt, erinnre dich

133 Dann meiner, ich bin Pia, der das Leben
134 Siena gab, Marmma nahm den Leib;
135 Das weiß, der mir den Brautring einst gegeben

136 Und mich ihm anvermählt als ehlich Weib.'

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