Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 02
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 02

Der Morgen bricht an. Die Dichter sehen aus der Ferne einen Engel in einem nur von seinen Flügeln als Rudern getriebenen Schiffe kommen, aus welchem er zahlreiche Seelen Abgeschiedener absetzt, um sich sogleich wieder zu entfernen. Die Seelen erkundigen sich bei den Dichtern nach dem Wege und staunen den lebenden Dante an. Plötzlich nähert sich ihm ein Schatten. Dante erkennt in ihm seinen Freund, den Sänger Casella, und versucht, doch vergeblich, ihn zu umarmen; er fasst nur Luft. Nachdem Casella erzählt, wie er hierher gekommen, singt er auf Dantes Bitte ein Lied desselben. Alle Schatten lauschen entzückt, werden aber von Cato scheltend zum Weitergehen angetrieben.

001 Die Sonne sank am Horizont hinab,
002 Deß Meridian, wo er am höchsten steht,
003 Grad unter sich sieht des Erlösers Grab.

004 Die Nacht, die sich ihr gegenüber dreht,
005 War mit der Wag' am Ganges aufgegangen,
006 Die ihrer Hand, sobald sie wächst, entgeht,

007 Daß altern schon die weiß= und rothen Wangen
008 Der lieblichen Aurora an dem Ort,
009 Wo ich stand, zu vergilben angefangen.

010 Wir standen immer noch am Meeresbord,
011 Wie Leute, die ob ihres Weges sinnen;
012 Noch säumt der Leib, doch eilt der Geist schon fort.

013 Und sieh! wie oft, kurz vor des Tags Beginnen,
014 Durch dichte Nebel tiefhin überm Meer
015 Mars' Strahlen röthlich Licht im West gewinnen:

016 So schien - o säh' ich es noch einst! - daher
017 Vom Meer ein Licht zu nahn in solcher Schnelle,
018 Daß seinem Laufe gleich kein Fliegen wär'.

019 Als ich den Blick ein wenig von der Stelle
020 Gewandt, um meinen Führer zu befragen,
021 Sah ich's gewachsen neu an Größ' und Helle.

022 Auf jeder Seite schien an ihm zu ragen
023 Etwas wie weiß, und untenher sodann
024 Ein andres noch allmählich aufzutagen.

025 Mein Meister hob noch nicht zu reden an,
026 Als aus dem Weiß schon deutlich Flügel schienen.
027 Dann, als er recht erkannt den Steuermann,

028 Rief er: 'Geschwind! knie nieder! denn erschienen
029 Ist Gottes Engel! Falte deine Hände!
030 Fortan siehst du mehr solcher, die Gott dienen.

Kein 031 Menschenwerkzeug, das er würdig fände
032 Zum Ruder, braucht er, nur sein Flügelpaar
033 Als Segel zum entferntesten Gelände.

034 Wie er sie aufwärts ziehet, nimm es wahr,
035 Und wie die Luft die ewigen Schwingen schlagen,
036 Die nicht sich ändern wie des Menschen Haar.'

037 Und heller kam, je näher her getragen,
038 Der Gottes Vogel auf uns zu geflogen,
039 Daß seine Näh' das Aug' nicht konnt' ertragen.

040 Drum senkt' ich es, und kam hergezogen
041 Zum Ufer mit so kleinem raschen Bote,
042 Daß keine Spur es einschnitt in die Wogen.

043 Am Steuer stand der himmlische Pilote,
044 Dem 'Selig' an der Stirn geschrieben stand,
045 Und drinnen saßen mehr denn hundert Todte.

046 'Als Israel zog aus Aegyptenland,'
047 Mit einer Stimme sangen sie den gleichen
048 Gesang, der aus dem Psalter euch bekannt.

049 Dann macht' er über sie des Kreuzes Zeichen,
050 Worauf sie alle stürzten hin zur Küste;
051 Ihn sah ich schnell, so wie er kam, entweichen.

052 Die Schar, die blieb, als ob sie fremd sich wüßte
053 Im Land, sah ich ringsum die Blicke senden,
054 Wie wer da neue Dinge prüfen müßte.

055 Die Sonne schoß den Tag nach allen Enden
056 Und zwang den Steinbock mit den hellen Pfeilen,
057 Vom Mittagskreise sich hinwegzuwenden.

058 Da hob die Schar, die wir noch sahn verweilen,
059 Die Stirn zu uns und sprach: 'Zeigt uns, wenn ihr
060 Ihn wißt, den Weg zu dieses Berges Steilen.'

061 Drauf sprach Virgil: 'Ihr meint vielleicht, daß wir
062 Bekannt schon sei'n mit diesen Felsenstegen;
063 Doch wir sind Fremde, wie ihr selber, hier.

064 Wie kamen kurz vor euch auf andern Wegen
065 Hierher, die also rauh und mühereich,
066 Daß hier das Steigen scheint ein Spiel dagegen.'

067 Die Seelen, die an meinem Athmen gleich
068 Gewahrten, daß ich noch am Leben sei,
069 Bewunderten sich drob und standen bleich.

070 Wie zu dem Oelzweigtragenden herbei
071 Das Volk drängt, neue Botschaft zu erfahren,
072 Und stößt und tritt, von jeder Rücksicht frei:

073 So ganz versenkt in meinen Anblick waren,
074 Als hätten sie vergessen ihren Gang
075 Zur Reinigung, der seligen Seelen Scharen.

076 Das sah ich, wie aus ihnen Einer drang,
077 Mich zu umfahn, so liebevoll die Mienen,
078 Daß Gleiches auch zu thun es mich bezwang.

079 O Schatten, die dem Aug' als Form erschienen!
080 Dreimal verschränkt' ich hinter ihm die Hände,
081 Dreimal zur eignen Brust kehrt' ich mit ihnen.

082 Als wenn er mein Erstaunen mit empfände,
083 Sah ich den Schatten lächelnd rückwärts schweben,
084 Und vorwärts drängend folgt' ich ihm behende.

085 Da bat er sanft, zu zügeln mein Bestreben.
086 Nun kannt' ich ihn, und bat ihn, baß er bleibe
087 Ein wenig nur, um Antwort mir zu geben.

088 Drauf er zu mir: 'Wie ich im Erdenleibe
089 Dich liebte, lieb' ich dich von ihm befreit;
090 Drum bleib' ich stehn, doch sprich, was dich her treibe?'

091 O mein Casella, gab ich zum Bescheid,
092 Nach dieser Fahrt kehr' ich zum Erdenkreise;
093 Doch sprich, was raubte dir so viele Zeit?

094 Drauf Jener: 'Wohl geschah's gerechter Weise,
095 Daß Er, der, wen und wann er will, entführt
096 Mir wiederholt versagt' hierher die Reise.

097 Gerecht nur ist der Wille, den er kürt,
098 Und wirklich seit drei Monden nahm in Gnaden
099 Er jeden auf, der danach Lust verspürt.

100 Auch mich, gewendet zu des Meers Gestaden,
101 Wo salzig sich der Lauf des Tiber endet,
102 Geruht' er an der Mündung zu begnaden,

103 Wohin sein Schiff den Flug beständig wendet,
104 Denn dort versammelt sich jedwedes Haupt,
105 Das nicht zur Hölle nieder wird gesendet.'

106 Und ich: Wenn dir kein neu Gesetz geraubt
107 Brauch und Erinnrung deiner süßen Lieder,
108 So tröst' ein wenig mir, ist es erlaubt,

109 Durch Sang, der sonst mein Sehnen stillte, wieder
110 Die Seele, denn mein Leib, von dem umgeben
111 Sie hierher kam, drückt sie beklommen nieder.

112 Und süßen Tons begann er anzuheben:
113 'Die Liebe, die zu mir im Geiste spricht',
114 So süß, daß noch die Töne mich umschweben.

115 Ich und mein Meister und das Volk, das dicht
116 Sich um ihn scharte, lauschten rings umher,
117 Als gäb's für unsre Seelen andres nicht.

118 Aufmerksam horchend gingen wir einher,
119 Da sieh auf einmal nahn den edlen Alten:
120 'Was ist das, säumige Geister?' wettert' er.

121 'Welch träges Wesen, welch ein Innehalten!
122 Auf! eilt zum Berg, der Rind' euch zu entkleiden,
123 Die Gottes Anblick euch muß vorenthalten.'

124 Wie Tauben, die sich an der Atzung weiden
125 Und im Verein Korn oder Unkraut picken,
126 Nicht mit gewohntem Hochmuth, nein! bescheiden,

127 Wenn etwas sie, das sie erschreckt, erblicken,
128 Mit einem mal sich von der Atzung trennen,
129 Weil größre Sorgen sie nunmehr bestricken:

130 So sah die frisch gekommne Schar ich rennen
131 Zum Felsenabhang fort von dem Gesang,
132 Wie wer da eilt, doch ohn' ein Ziel zu kennen.

133 Nicht minder eilig war auch unser Gang.

<<< list operone >>>