Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 01
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 01

Anruf der Musen, besonders der Kalliope. Dante erblickt den Stern der Venus und vier andere Sterne, die auf unserer Hemisphäre nicht sichtbar sind. Es kommt ein Greis, der erstaunt ist, zwei aus der Hölle Angelangte hier zu finden. Virgil gibt ihm Aufklärung über seine Sendung und bittet um Erlaubnis, Dante durch die sieben Reiche des Fegefeuers zu führen. Der Greis ist Cato von Utica, der Virgil aufträgt, am Ufer der Insel, auf der sie sich befinden, Dante zu waschen und mit Binsen zu umgürten.

001 Zur Fahrt durch beßre Fluthen hebt nunmehr
002 Des Geistes Schifflein seiner Segel Schwingen,
003 Verlassend solch ein grauenvolles Meer.

004 Von jenem zweiten Reiche will ich singen,
005 In dem die Seele weilt zur Reinigung
006 Und würdig wird zum Himmel sich zu schwingen.

007 Die todte Dichtkunst werd' hier wieder jung,
008 O heilige Musen, denen ich mich weihte!
009 Kalliope steig' auf zu höherm Schwung,

010 Daß sie mein Lied mit jenem Ton begleite,
011 Der die unseligen Elstern einst so schreckte,
012 Daß Hoffnung auf Verzeihen floh ins Weite.

013 Des morgenländ'schen Saphirs Blau bedeckte
014 Mit holdem Schein den heitern Himmelsbogen,
015 Der bis zum ersten Kreise sich erstreckte,

016 Und ward vom Auge wonnig eingesogen,
017 Als von der Todesluft ich war befreit,
018 Die düster Brust und Auge mir umzogen.

019 Der schöne Stern der Liebestrost verleiht,
020 Ließ hell im Glanz den Morgenhimmel stehen,
021 Der Fische Bild umschleiernd, sein Gleit.

022 Nach rechts gewandt, zum andern Pole gehen
023 Ließ ich den Blick und sah vier Sterne ziehn,
024 Die nur das erste Menschenpaar gesehen,

025 Von deren Licht entzückt der Himmel schien.
026 O mitternächtiges, verwaistes Land,
027 Dem nicht ihr holder Anblick 027 ward verlie

028 Als ich den Blick von ihnen weggewandt
029 Ein wenig nach des andern Poles Weite,
030 An dem des Wagens Sternbild mir entschwand,

031 Sah einen Greis ich einsam mir zur Seite,
032 So sehr der Ehrfurcht würdig im Gebahren,
033 Daß größre nie der Sohn dem Vater weihte.

034 Lang war sein Bart, gemischt mit weißen Haaren,
035 Des Hauptes Locken ähnlich, die zur Brust
036 Als Doppelreif herabgefallen waren.

037 Das heilige Viergestirn umsäumte just
038 Sein Angesicht mit solcher Strahlen Helle,
039 Daß ichs für Sonnenglanz erachten mußt'.

040 'Wer seid ihr, die der ewig finstern Zelle
041 Entflohn,' sprach er, 'dem blinden Bach entgegen?'
042 Und schüttelte der Locken würdige Welle.

043 'Wer war euch Leucht' und Führer auf den Wegen,
044 Als ihr hervorgingt aus der tiefen Nacht,
045 Die schwarz der hölle Thal deckt allerwegen?

046 Wird das Gesetz des Abgrunds so verlacht?
047 Welch neuer Himmelsrath hat von der Pforte
048 Der Nacht Verdammte zu mir hergebracht?'

049 Rasch fühlt' ich mich erfaßt von meinem Horte;
050 Ehrfürchtig vor ihm beugen Aug' und Knie
051 Hieß er mich mit der Hand, mit Wink und Worte,

052 Und sprach: 'Nicht von mir selber steh' ich hie;
053 Vom Himmel kam ein Weib, auf dessen Flehen
054 Ich mein Geleite diesem Manne lieh.

055 Doch da du willst, daß, was mit uns geschehen,
056 Ich näher meld' in treulichem Bericht,
057 Kann ich nicht anders als dirs zugestehen.

058 Den letzten Tag sah Dieser hier noch nicht;
059 Doch stand er, durch den Unverstand geblendet -
060 Nur wenig fehlte nich - daran schon dicht.

061 Wie ich gesagt, ward ich zu ihm gesendet,
062 Ihn zu erretten, weil kein Mittel war
063 Als dieser Weg, den ich mit ihm vollendet.

064 Die Sünder all' bot keinem Blick ich dar,
065 Und jene denk' ich jetzo ihm zu zeigen,
066 Die unter deiner Hut, der Büßer Schar.

067 Wie ich ihn hergebracht, laß mich verschweigen.
068 'Mir half die Kraft, von oben mir gegeben,
069 Ihn führen, der dir Aug' und Ohr wird neigen.

070 Gefall' es dir, daß er sich her begeben!
071 Die Freiheit sucht er, deren hohen Werth
072 Du kennst, der ihr geopfert hat sein Leben,

073 Du, dem nicht bitter war das Todesschwert
074 In Utica, wo du hingabst das Kleid,
075 Das leuchtend einst der große Tag verklärt.

076 Nicht wird durch uns ein ewiger Schluß entweiht,
077 Denn Dieser lebt, und mich hält Minos nicht;
078 Ich bin vom Kreise, wo in Lauterkeit

079 Weilt deiner Martia keusches Aug', es spricht
080 "Laß dein, o heilig Herz, mich sein!" mit Flehen.
081 Neig' ihr zu Lieb' uns freundlich dein Gesicht.

082 Laß uns durch deine sieben Reiche gehen;
083 Ich will der Bote deines Dankes sein,
084 Verschmähst du's nicht, dich dort genannt zu sehen.

085 'Martia war meiner Augen Wonneschein',
086 Sprach er, 'drum trat, als ich noch weilt' im Leben,
087 Gewährung ihren Wünschen allen ein.

088 Doch seit sie überm schlimmen Strom muß leben,
089 Kann sie nach dem Gesetz mich nicht mehr rühren,
090 Das, als von dort ich austrat, ward gegeben.

091 Doch wenn ein himmlisch Weib dich ihn hieß führen,
092 Wie du gesagt, brauchts Ueberredung nicht;
093 Genug ists ihren Wunsch mir anzuführen.

094 Geh denn und gürt' ihn - denn so ist es Pflicht -
095 Mit glattem Schilf und wasch', um vom Unreinen
096 Ihn gänzlich zu befrein, sein Angesicht.

097 Denn nicht geziemt es, noch durch irgend einen
098 Nebel das Aug' umfangen, vor dem Blicke
099 Des Paradiesesdieners zu erscheinen.

100 Dies kleine Eiland trägt, wo dicht' und dicke
101 Wogen es peitschen, an dem untern Ende
102 Gar viel des Schilfes auf dem weichen Schlicke,

103 Da kein Gewächs sonst hier Gedeihen fände,
104 Das sich verholzt und welchem Blätter eigen,
105 Weil es der Brandung Stoß nicht widerstände.

106 Von dort kehrt nicht hierher zurück, denn zeigen
107 Wird euch die Sonne - sie geht auf so eben! -
108 Wo leichten Wegs den Berg ihr könnt ersteigen.'

109 Er schwand. Ich säumte nicht mich zu erheben;
110 Stillschweigend schloß ich mich an meinen Hort,
111 Das Aug' ihm zugewandt, ganz ihm ergeben.

112 'Sohn, folge meinem Schritt,' nahm er das Wort;
113 'Umkehren laß uns, denn zum tiefen Grunde
114 Senkt diese Fläche sich nach unten fort.'

115 Das Frühroth siegte ob der Dämmerstunde,
116 Die vor ihm floh, daß ich von fern das Meer
117 Gewahrt'm am Wellenglanz in weiter Runde.

118 Wir schritten durch das öde Feld, wie Der,
119 Der Rückkehr zum verfehlten Weg begonnen,
120 Und glaubt, bis dahin geh' vergebens er.

121 Als wir dahin gelangt, wo mit der Sonnen
122 Der Thau noch kämpft', und, weil an schattigem Ort,
123 Langsam verdunstet, allgemach zerronen:

124 Da legte beide Hände flach mein Hort
125 Sanft auf das junge Gras; ich, dem nicht lange
126 Sein Vorsatz unklar blieb, ich bot sofort

127 Entgegen ihm die thränenvolle Wange,
128 Worauf er ihr die Farbe wieder gab,
129 Die mir verdunkelt auf dem Höllengange.

130 Drauf kamen wir zum öden Strand hinab,
131 Der keinen Schiffer sah sein Wasser tragen,
132 Der je von dort zurücke sich begab.

133 Dort gürtet' er mich, wie ihm aufgetragen.
134 O Wunder! plötzlich, wie er sich erlesen
135 Die niedre Pflanze, sah ich neu sie ragen

136 Dort, wo sie eben ausgerauft gewesen.

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