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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Paradies

Ein anderer Geist dieses Kreises, Cunizza, redet Dante an und erzählt von sich; zugleich fügt sie Prophezeiungen der Zukunft bei. Dann ergreift der neben ihr stehende Folco von Marseille das Wort; nachdem er von sich selbst und der Liebe, die ihn auf Erden beherrscht, gesprochen, nennt er unter den hier Weilenden auch Rahab und knüpft an ihr frommes Verhalten einen herben Tadel der Gegenwart.

Als ich durch deinen Karl darob im Klaren,
Schöne Clemenza, sprach er von dem Trug,
Der seinem Samen sollte widerfahren.

Doch sagt' er: ‘Schweig und laß der Zeit den Flug!
Nur dies vermag ich noch hinzuzufügen:
Dem Schaden folgt gerechten Jammers gnug.’

Schon war das heilige Licht in Sehnsuchtsflügen
Gekehrt zur Sonne, die's erfüllet drin,
Wie zu dem Gut, das allem gibt Genügen.

Betrogne Seelen mit verruchtem Sinn,
Die ihr von solchem Gut das Herz könnt kehren
Und wendet es zu Eitelkeiten hin.

Und sieh! ein Andrer aus des Glanzes Sphären
Kaum auf mich zu und zeigte sein Verlangen,
Mir zu gefallen, durch sein hell Verklären.

Beatrix' Augen, die mich fest durchdrangen,
Versicherten auch jetzt mich, daß von ihr
Gewährung meines Wunsches ich empfangen.

Gib bald Erfüllung meiner Wißbegier,
Sprach ich, o seliger Geist, und gib Beweise,
Daß, was ich denke, widerstrahl' in dir.

Das mir noch neue Licht fuhr aus dem Kreise
Der Tiefe, draus vorher erklang sein Lied,
Fort, wie wen Gutthat freut, in solcher Weise:

‘Wo sich Italiens sündiges Gebiet
Zwischen der Brenta und der Piave Quelle
Und zwischen dem Rialto weithin zieht,

Hat, mäßig hoch, ein Hügel seine Stelle;
Von ihm herab stürzt' eine Fackel sich,
Die rings das Land verzehrt' in wilder Schnelle.

Aus einer Wurzel sproßten sie und ich.
Cunizza hieß ich, und in diesem Sterne
Erglänz' ich, denn sein Licht besiegte mich.

Doch meines Schicksals Grund verzeih' ich gerne
Mir selber und kein Leid fühlt meine Seele,
Wie schwer der Pöbel Das verstehn lerne.

Von diesem theuren leuchtenden Juwele
An unserm Himmel hier an meiner Seiten
Blieb hoher Ruhm nach, und bis er ihm fehle,

Erneuen fünf Jahrhunderte die Zeiten.
Drum soll der Mensch sich auszuzeichnen streben,
Daß nach dem Leben er noch leb' im zweiten.

Doch solchem Sinn ist nicht das Volk ergeben,
Das Tagliament' und Etsch umschlossen hält,
Das, auch geschlagen, führt kein reuig Leben.

Doch wird die Fluth, die um Vicenza schwellt,
Padua verfärben bald mit seinem Blute,
Weil sich dies Volk der Pflicht entgegenstellt.

Noch herrschet Einer, hoch im Uebermuthe
Das Haupt, wo Sile und Cagnan sich einen;
Doch wetzt man schon den Stahl, dran er verblute.

Auch Feltro wird noch ob des Frevels weinen,
Den sein verruchter Hirte hat begangen,
So schlimmer brachte noch nach Malta keinen.

Breit müßte sein die Wanne, die umfangen
Sollt' all das Blut der armen Ferraresen;
Wers lothweis wög', ihm wär' die Kraft entgangen;

Das Blut, das dieser Pfaff, dies gütige Wesen,
Nur der Partei zu lieb verschenkt; doch kennt
Man dort zu Lande Gaben so erlesen.

Spiegel sind droben, die man Throne nennt,
Aus denen Gott der Rächer glänzt hernieder,
Der solche Zornesred' als recht erkennt.’

Sie schwieg und zeigte mir, daß sie nun wieder
An Andres dacht', indem sie unverwandt
Zum frühern Kreis gelenkt die lichten Glieder.

Gleich sonnbeschienenem Rubine stand
Hellfunkelnd da vor meinem Angesichte
Die andre Wonne, die mir schon bekannt.

Die Freude droben wird zu hellem Lichte,
Wie hier zu Lächeln; in des Abgrunds Grauen
Umgibt den trüben Geist auch trübe Schichte.

Gott richtet alles, sich vertieft dein Schauen
In ihm, so sprach ich, und es kann kein Sehnen
Dir dunkel bleiben, Geist der seligen Auen.

Warum will deine Stimme - die mit jenen
Lichtflammen, die sich in sechs Flügel hüllen
Wie Kutten, läßt ihr Lied zum Himmel tönen -

Aus eignem Trieb mein Wünschen nicht erfüllen?
Durchschaut' ich dich so wie du mich durchschaust,
Ich harrt' auf Fragen nicht, mich zu enthüllen.

‘Das größte Thal, drin breit das Wasser haust,’
Also begann er, ‘außer jenen Wogen
Des Meeres, das die Erde rings umbraust,

Läuft an feindseligen Ufern hingezogen
So weit nach Osten, daß am Westes Rande
Gesichtskreis wird was östlich Mittagsbogen.

Zwischen der Macra, die vom Tuscierlande
Genua trennt, und zwischen Ebros Gang
Bewohnt' ich diese Thal am Meeresstrande.

Es theilt den Sonnenauf- und Untergang
Buscheia mit dem Ort, dem ich entsprossen,
An dessen Hafen heißes Blut einst sprang.

Als Folco kannten mich die Zeitgenossen.
Wie dieses Himmels Wirkung einst in mich,
Ist meine Wirkung jetzt in ihn ergossen.

Nicht mehr verzehrt' in Liebe Dido sich
Einst zu Sichäus und Kreusas Schmerzen,
Als, in der Welt noch lebend, damals ich;

Nicht die Rhodoperin, die einst mit Scherzen
Unf falschem Schwur Demophoon gewann,
Nicht der Alcid, der ole trug im Herzen.

Doch hier fühlt man nicht Reu', hier lächelt man,
Nicht ob der Schuld, weil die dem Geist entgleitet,
Nein! ob der Vorsehung, die's so ersann.

Man schaut die Kunst hier an, die Schmuck bereitet
Mit solcher Wirkung, lernt das Heil verstehen,
Wodurch die obre Welt die untre leitet.

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