08
Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Paradies

Dante und Beatrix sind in die Venus emporgestiegen. Es nahen Lichter unter Gesang. Eines derselben erbietet sich, Dante zu belehren. Es ist Karl Martell, Sohn Karls II von Neapel. Auf eine Aeußerung hin befragt ihn Dante, wie es möglich sei, daß von einem guten Vater ein schlechter Sohn abstammen könne. Der selige Geist gibt ihm Aufklärung darüber.

Lang hat die Welt geglaubt in schlimmem Wahn,
Die holde Cypris strahle das Verlangen
Der Lieb' aus in des dritten Zirkels Bahn;

Weshalb die Alten, in dem Wahn befangen,
Mit Opfern und Gesängen allerlei
Ihr Ehr' erweisend, manches Fest begangen.

Dion' und Amor ehrten sie, die zwei,
Sie als Mutter, diesen als das Kind,
Das Dido auf dem Schoß gesessen sei.

Nach ihr, mit welcher mein Gesang beginnt,
Benannten sie den Stern, der bald im Rücken,
Bald vorn zu sehn die Sonn' in die Liebe sinnt.

Nicht merkt' ich zwar in ihm mein Aufwärtsrücken;
Doch daß ich in ihm war, konnt' ich verstehen
An meiner Herrin strahlenderm Entzücken.

Wie wir die Funken in der Flamme sehen,
Wie man erkennt des Liedes einzle Stimmen
(Wenn die verweilet, kommen jen' und gehen):

So sah in diesem Licht ich andre glimmen
Und mehr und minder rasch sich drehn im Kreise,
Wie es ihr Gottanschauen mag bestimmen.

Nie stürzten Winde in so schneller Weise
Aus kalten Wolken, sichtbar oder nicht,
Daß träg nicht schien' und säumig ihre Reise,

Dem, der gesehn die heilige Schar von Licht
Uns näher ziehn, indem ihr Tanz, begonnen
Bei hohen Seraphim, sich unterbricht.

Und aus der Nächsten Kreise klang voll Wonnen
Ein Hosianna, so daß nie fortan
Der Wunsch es noch zu hören mir zerronnen.

Drauf trat der Eine dicht zu uns heran:
‘Wir sind bereit, uns willig zu erweisen,
Daß unser froh du werdest,’ hob er an.

‘Wir drehn in einen Kreis, in einem Kreisen
Und Durst uns mit der Himmelsfürsten Schritten,
Davon du sprachst in einer deiner Weisen:

‘‘Die ihr erkennend lenkt der Himmel dritten.’’
Wir sind so liebreich, daß ein wenig Ruh'
Uns dir zu lieb freut in des Tanzes Mitten.’

Als ich in Ehrfurcht meiner Herrin zu
Den Blick gewendet und an ihr erkannte,
Sie seis zufrieden, daß ich also thu,

Zum Lichte, das so viel verheißen, wandte
Ich mich, indem ich ‘Sprecht, wer seid ihr?’ sagte
Mit einer Stimme, die vor Sehnsucht brannte.

Und wie es höher da und heller ragte,
Weil zu der frühern neue Freudigkeit,
Indem ich sprach, hinzukam und ihm tagte.

So leuchtend sprach es: ‘Mich hielt kurze Zeit
Die Welt dort unten; falls ich blieb am Leben,
Erspart' es ihr gar manches künftige Leid.

Es macht die Freudigkeit, die mich umgeben,
Mich dir unkenntlich und verhüllt mich hier,
Wie Würmer, die mit Seide sich umweben.

Du hegtest Lieb', und das mit Grund, zu mir;
Auch zeigt' ich wohl, mußt' ich ins Grab nicht sinken,
Von meiner Liebe mehr als Blätter dir.

Das Ufer, das der Rhodanus zur Linken
Bespült, wenn sich die Sorgue in ihn ergossen,
Sah ich als künftig Herrscherreich mir winken;

So auch Italiens Horn, wo festgeschlossen
Gaeta, Bari, Croton ragt, von da
Wo Tronto und Verde kommt ins Meer geflossen.

Auf meiner Stirn ich schon die Krone sah
Des Landes, das der Donau Strom bespület,
Wenn Deutschland er verließ; Trinacria -

Das schöne Land, dem Rauch sich schwarz entwühlet,
Zwischen Pachynum und Pelor am Sund,
Der allzumeist des Ostwinds Rasen fühlet,

Durch Schwefel, nicht durch des Typhaeus Mund -
Es würde seiner Könige noch warten,
Die ich erzeugt auf Karls und Rudolfs Grund,

Wenn schlechte Herrschaft, die den Fuß, den harten,
Setzt auf besiegte Völker, nicht zum Schreien
“Stirb! Stirb!” Palermo trieb, zum lang gesparten.

Und säh' mein Bruder künftiger Tage Reihen,
Würd' er der Catalonen Habsucht fliehn,
Daß nicht noch mehr ergrimmt die Völker seien.

Denn noth thut wahrlich, daß nicht mehr durch ihn
Und andere wächst die Wucht der Lasten,
Die in den Abgrund muß sein Schifflein ziehn.

Der Ahnen geiziger Sohn, die Kargheit haßten,
Bedürft' er Diener, die nicht so gesonnen,
Daß sie sich selber füllen ihre Kasten.’

Herr, weil ich glaube, daß die hohen Wonnen,
Die du mit deinem Wort ins Herz mir wehest,
Dort, wo sein Ziel, gleichwie es dort begonnen,

Hat jedes Gut, du wie ich selber sehest,
Drum sind sie theurer mir und doppelt werth,
Weil du, Gott schauend, solches auch verstehest.

Du gabst mir Freude, doch ich wünscht' erklärt,
Denn Zweifel weckst mit deinem Worte du,
Wie süßer Same bittre Frucht gewährt.

So ich. ‘Wenn ich die Wahrheit kund dir thu,’
Sprach er zu mir, ‘dann kehrst du diesen Fragen
Das Angesicht, wie jetzt den Rücken, zu.

Das Heil, das dieses Reich, drein dich getragen
Dein Flug, beseligt, läßt sein Vorhersehen
Als Kraft in diesen großen Körpern tragen.

Nicht die Naturen bloß sind vorgesehen
In jenem Geist, der aus sich selbst vollkommen,
Nein! auch ihr Sein sammt ihrem Wohlergehen.

Drum muß zu vorbestimmtem Ziele kommen
Was angeschnellt von solchem Bogen fuhr,
Dem Pfeile gleich, der sich sein Ziel genommen.

Wenns anders wäre, diese Himmelsflur
Sie zeugte Früchte dann von solcher Weise,
Die Kunstwerk nicht, nein! Trümmer wären nur.

Das kann nicht sein, weil, die die Sternenkreise
Regieren, mangelhaft die Geister wären,
Und, Der sie mangelhaft schuf, gleicherweise.

Soll ich noch mehr die Wahrheit dir erklären?’
Und ich: O nein! ich seh', Natur muß immer
Was noth thut unermüdet uns gewähren.

Und er: ‘Wär' etwas für den Menschen schlimmer
Auf Erden, als wenn er nicht Bürger wäre?’
Gewiß, sprach ich, Beweise brauchts hier nimmer.

‘Und kann ers sein, wenn in verschiedner Sphäre
Des Amts sich nicht verschieden theilt das Leben?
Nein! wenn euch recht gelehrt des Meisters Lehre.’

So weit kam er durch Schlüsse. ‘Darum eben,’
So schloß er, ‘muß verschiedentlich empor
Die Wurzel dessen, was ihr wirkt, sich heben.

Der tritt als Solon, der als Xerxes vor,
Der als Melchisedek, Der fand heraus
Das Fliegen, wodurch er den Sohn verlor.

Die kreisende Natur übt wirksam aus
Die Kunst, dem Wachs aufdrückend ihr Gepräge;
Doch unterscheidet sie nicht Haus von Haus.

Jacob und Esau trennt im Keimeswege
Sich schon; weil Quirin niedern Vaters däuchte,
Sagt man, daß Mars bei seiner Mutter läge.

Mit den Erzeugern würde die erzeugte
Natur stets auf demselben Pfade gehen,
Wär' stärker nicht der Gottesvorsicht Leuchte.

Was hinter dir, jetzt siehst dus vor dir stehen.
Doch daß du spürst, wie sehr du meinen Blicken
Gefällst, lass' ich dich einen Zusatz sehen.

So oft Natur ihr feindlichen Geschicken
Begegnet, bringt sie üble Frucht hervor,
Wie wo sich Saat nicht will zum Boden schicken.

Wenn auf den Grund, den die Natur erkor,
Acht wollte haben eure Welt, so spränge
Ein besseres Geschlecht daraus empor.

So daß man nicht zum Ordenskleide zwänge
Den, der das Schwert zu tragen ward geboren,
Zum König den, dem Predigen wohl gelänge.

Drum habt die rechte Wegspur ihr verloren.’

<<< list operone >>>

an class="vb">