Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 06
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 06

Der Sprechende ist Kaiser Justian. Er erzählt seine eigene Geschichte, schildert die Thaten des römischen Adlers und tadelt das Yerhalten der gegenwärtigen Parteien zur kaiserlichen Sache. Damit antwortet er auf Dantes erste Frage, wer er sei. Auf die zweite, warum er im Mercur verweile, antwortet er damit, daß hier die Seelen der nach Ehre und Ruhm Srebenden wohnten. Unter ihnen ist auch Romeo, dessen Geschichte zum Schlusse erzählt wird.

  • ‘Als Constantin den Aar gewandt entgegen
    Dem Himmelslauf, dem mit dem Ahnen er,
    Als der Lawinien freit', auf seinen Wegen
  • Gefolgt, da blieb zweihundert Jahr' und mehr
    Zeus Vogel an Europas Rand, dem Hügel
    Benachbart, von dem er zuerst kam her.
  • Und unterm Schatten seiner heiligen Flügel
    Beherrscht' er alle Welt von Hand zu Hand,
    Bis meine Hand ergriff des Reiches Zügel. 9
  • Wiss', ich ward Kaiser Justinian genannt,
    Der, wie's Urliebe wollt', aus unserm Rechte
    Schied, was zu viel und leeres drin sich fand.
  • Bevor ich sann, wie ich dies Werk vollbrächte,
    Glaubt' ich, in Christo sei nicht mehr als eine
    Natur; der Glaub' erschien mir als der echte,
  • Allein der heilige Agapet, der reine
    Obhirt der Kirche, führte mich zum Quelle
    Der wahren Lehre wieder durch die seine. 18
  • Ich glaubt' ihm, und was er gesagt, so helle
    Seh ichs wie du bei jedem Widerstreite,
    Daß eins als wahr, und eins als falsch erhelle.
  • Als ich nun ging, der Kirche im Geleite,
    Gefiels in Gnaden Gott, zum hohen Thun
    Mir Muth zu geben, dem ich ganz mich weihte,
  • Dem Belisar ließ ich die Waffen nun,
    Und so war mit ihm Gottes Hand in Gnaden,
    Daß mirs ein Zeichen war, ich sollte ruhn. 27
  • Hier an die erste Frage knüpft der Faden
    Der Antwort; doch mich drängt der Gegenstand,
    Mit einem Zusatz noch dich zu begnaden,
  • Damit du siehst, mit welchem Unverstand
    Dem heiligen Zeichen mög' entgegenstreben,
    Wer sichs anmaßt, und wer ihm widerstand.
  • Sieh wie der Ehrfurcht werth sein hohes Streben
    Es machte, was schon zu der Zeit begann,
    Da Pallas starb, um ihm das Reich zu geben. 36
  • Du weißt wie es in Alba wohnt' alsdann
    Dreihundert Jahr' und mehr bis zu der Zeit,
    Wo zwischen Drein und Drein sich Kampf entspann;
  • Weißt, was von der Sabinerinnen Leid
    Es that bis auf Lucretias Schmerz, besiegend
    Durch sieben Könige rings das Land im Streit;
  • Weißt, was es that, so gegen Brennus fliegend
    Wie gegen Pyrrhus mit der Römer Scharen,
    Und Fürsten viel und Völker rings bekriegend; 45
  • Wo Quinctius, den man nach den krausen Haaren
    Benennt, Torquatus, Fabier, Decier, alle
    Den Ruhm erlangt, drob stolz die Römer waren.
  • Es brachte der Araber Stolz zu Falle,
    Die hinter Hannibal, dort wo der Po
    Herabfällt, klommen auf der Alpen Walle.
  • Pompejus siegte drunter, Scipio
    Desgleichen, Unheil bracht' es jenem Hügel,
    Wo du das Licht erblicktest lebensfroh. 54
  • Dann, nah der Zeit wo auf der Freude Flügel
    Die Welt dem Glück zuführte Gottes Rath,
    Nahm Caesar, weil es Rom gewollt, die Zügel.
  • Was es vom Var bis hin zum Rheine that,
    Das sahn der Air, Isère und Seine Wogen
    Uns Was zur Rhone fließt des Thales Pfad.
  • Dann, was es, von Ravenna weggezogen,
    Den Rubicon durchschreitend, that - den Flug
    Hat keine Feder, keine Zung' erflogen. 63
  • Nach Spanien wandt' es seinen Kriegeszug,
    Stürzt' auf Durazzo und Pharsalus nieder,
    Daß man am Nil empfand des Leids genug;
  • Es sah Antandros, sah, das Hectors Glieder
    Umschließt, das Grab, dem Simois, und schwang
    Sich auf zu Ptolemäus Schaden wieder;
  • Von wo es blitzgleich gegen Juba drang,
    Und dann in eurem Westen gleich zu ragen,
    Wo hell der Pompejaner Tuba klang. 72
  • Was Der that, der es dann zunächst getragen,
    Heult Brutus in der Höll' und sein Geselle,
    Und macht Modena und Perugia klagen.
  • Kleopatra beweints im Thränenquelle,
    Sie, die vor jenem fliehend, durch die Schlange
    Den finstern Tod sich gab in jäher Schnelle.
  • Zum rothen Meer führt' ers auf seinem Gange;
    Er gab der Welt den Frieden, so daß man
    Des Janus Tempel schloß, der offen lange. 81
  • Doch was das Zeichen, das zum Reden an
    Mich treibt, erst that und sollte thun noch weiter
    Im Reich der Sterblichkeit, das es gewann,
  • Das scheint dem Blick gering, der rein und heiter
    Den Thaten, die dasselbe in den Händen
    Des dritten Caesars that, folgt als Begleiter.
  • Denn die Gerechtigkeit, die mich ohn' Enden
    Beseelt, gab ihm in jenes Herrschers Hand
    Die Ehre, ihre Rache zu vollenden. 90
  • Staun' über das, was hier dir wird bekannt!
    Mit Titus eilte dann der Aar, zur Rache
    Für aller Sünde Rache hingesandt.
  • Und unter seine Flügel nahm die Sache
    Der Kirche Karl der Große, als der Zahn
    Der Langobarden hart bedrängte die schwache.
  • Urtheile selbst nun über Jener Wahn
    Und Sühne, die ich angeklagt vorher,
    Die eure Leiden all' euch angethan. 99
  • Die goldnen Lilien setzt entgegen Der
    Dem Kaiserzeichen, der Partei solls dienen
    Bei Dem - entscheide nun, wer sündigt mehr?
  • Für eure Künste wählt, ihr Ghibellinen,
    Ein andres Zeichen, denn die es vom Recht
    Abtrennen wollen, nie ziemt dieses ihnen.
  • Ob es zu stürzen sich ein Karl erfrecht
    Mit seinen Guelfen, fürcht' er nur die Klaun;
    Schon stärkren Leuen zausten sie nicht schlecht. 108
  • Des Vaters Schuld macht' oft die Söhne, traun!
    Schon weinen, und daß Gott sein Wappenschild
    Um Lilien tausche, drauf mög' er nicht baun.
  • Es wohnen in des kleinen Sternes Bild
    Die Geister, die sich gutem Thun ergeben,
    Aus dem der Nachruhm und die Ehre quillt.
  • Wem, solcher Art abirrend, sich das Streben
    Nach dorthin lenkt, kann wahrer Liebe Pfeil
    Natürlich minder lebhaft nur sich heben. 117
  • Lohn und Verdienst zu messen ist ein Theil
    Von unsrer Wonne schon, weil wir nicht kleiner
    Noch größer werden sehen unser Heil.
  • Drum macht den Sinn uns, so daß er zu keiner
    Bosheit sich wenden kann, Gerechtigkeit,
    Die in uns lebet, süßer stets und reiner.
  • Gleichwie mehrstimmiger Sang mehr Reiz verleiht,
    So stuft sich hier zu süß harmonischem Tone
    In unserm Leben die Verschiedenheit. 126
  • In dieser Perle, drin ich wohne,
    Erglänzt das Licht Romeos, dessen Thaten,
    So groß und schön, ward schlimmer Dank zum Lohne.
  • Doch lachen nicht, die ihm entgegentraten,
    Die Provenzalen; denn wer recht Beginnen
    Der andern schädlich hält, ist schlimm berathen.
  • Vier Töchter hatt', und sämmtlich Königinnen,
    Graf Berengar Berengar; dies alles ließ
    Romeo ihn, der schlichte Mann, gewinnen. 135
  • Und dann bewirkten schele Reden dies,
    Daß Rechenschaft er heischt' von dem Gerechten,
    Der ihm, statt zehen, fünf und sieben wies.
  • Von dann zog der alte Mann im schlechten
    Gewand, und säh' die Welt ins Herz dem Greis,
    Der Stück für Stück sein Brot sich mußt' erfechten,
  • Sie pries' ihn und gäb' ihm noch höhern Preis.’
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