Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 05
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 05

Nachdem Beatrix Dante erklärt, warum sie mehr und mehr erglänze, beantwortet sie seine Frage in verneinendem Sinne. Beim Gelübde opfert der Mensch das Höchste, den freien Willen, und dafür gibt es keinen Ersatz. Zugleich warnt sie, leichtsinnig zu geloben. Dann kommen sie in die Sphäre des zweiten Planeten, des Mercur. Dante sieht tausende von Lichtern sich ihm nähern und vernimmt Stimmen. Eine derselenen redet ihn an und erbietet sich, ihm Kunde zu ertheilen. Auf Beatrix' Aufforderung redet Dante den Geist an, worauf das Licht noch heller aufleuchtet und zu reden beginnt.

‘Wenn heißre Liebesgluthen aus mir schlagen,
Weit höher als ihr es auf Erden seht,
So daß dein Aug' es nicht vermag zu tragen,

So staune nicht darob; denn dies entsteht
Aus tieferm Schauen, das, wie es ergreifet,
So im ergriffnen Gute vorwärts geht.

Wohl seh' ich wie in deinem Geist schon reifet
Und glänzt der Strahl von jenem ewigen Licht,
Das Lieb' entzündet, auch wen es nur streifet. 9

Denn andres als die Spur von ihm ists nicht,
Wenn etwas sonst verlocket eure Liebe,
Was, mangelhaft erkannt, hindurch hier bricht.

Ob man durch andres Werk aus gutem Triebe,
Fragst du, verfehlt Gelübd' ersetzen kann,
So daß die Seele frei von Vorwurf bliebe?’

So hob Beatrix dieses Lied jetzt an,
Und fuhr wie Der, der seiner Rede Faden
Nicht abbricht, fort im heiligen Ton sodann: 18

‘Die größte Gabe, womit uns begnaden
Gott wollt' im Schaffen, die der Güte Spur
Zumeist trägt, die er schätzt vor allen Gnaden,

Ist Willensfreiheit, die der Creatur,
Der mit Vernunft begabten, er gegeben
Und stets noch gibt, und einzig dieser nur.

Erwägst du dies, so wird sich dir ergeben
Der hohe Werth, den ein Gelübde hat,
Wenn Gott gebilligt, das du hegst, das Streben. 27

Wenn in Vertrag Gott mit dem Menschen trat,
Muß man den höchsten Schatz zum Opfer bringen,
Von dem ich sprach, durch eigne freie That.

Was kann man dafür als Ersatz erschwingen?
Gebrauchst du Gut, das doch nicht dein mehr war,
Su thust du Gutes mit gestohlnen Dingen.

Der schwerste Punkt ist dir gewiß nun klar.
Doch kann die Kirche ja Dispens ertheilen;
Das scheint zuwider dem, das ich hieß wahr. 36

Drum mußt du etwas noch bei Tische weilen;
Genoß man Kost, wie du, von großer Schwere,
Braucht ein Verdauungsmittel man zuweilen.

Den Geist erschließe darum meiner Lehre
Und halte fest sie, weil ohn' ein Behalten
Ein bloßes Hören noch kein Wissen wäre.

In jenes Opfers Wesen sind enthalten
Zwei Dinge: eines ist der Gegenstand,
Das zweite das Gelübde, das zu halten. 45

Nicht anders löst sich des Gelübdes Band
Als durch Erfüllung, und ich war beflissen,
Daß ich ihr Wesen deutlich dir benannt.

Das Opfer war von den Erfordernissen
Der Juden eins, wenn auch die Opfergabe
Manchmal vertauscht ward, wie du ja wirst wissen.

Was ich dann Gegenstand genannt dir habe,
Kann so sein, daß man damit tauschen kann,
Ohn' daß man drum auf falschem Wege trabe. 54

Doch nicht der Schultern Last vertausche man
Aus freier Willkür, eh man von dem weißen
Und gelben Schlüssel Zustimmung gewann.

Denn jeden Tausch muß man vermessen heißen,
Wenn nicht im neuen, wie in Sechs die Vier,
Enthalten ist das frühere Verheißen.

Ist eine Sache so viel werth, daß ihr
Gewicht der Wage Schale niederzieht,
Ist andre Spende kein Ersatz dafür. 63

Spielt mit Gelübden nicht! Seid treu, doch flieht
Die Thorheit blind zu wählen was ihr wählet,
Daß nicht wie Jephthas Opfer euch geschieht.

Gut wars wenn er gesagt: „Ich hab' gefehlet,”
Statt worttreu Schlimmres thun. Und minder nicht
Der Fürst der Griechen zu den Thoren zählet;

Drob Iphigenia ihr schön Gesicht
Beweint' und weinen machte Klug' und Thoren,
Wenn man vernahm von solcher Opferpflicht. 72

O Christ, besonnen thu was du erkoren!
Nicht wie die Feder treib' in Windeseile;
Nicht jedes Wasser wäscht dich neugeboren.

Der alt' und neue Bund ward dir zu theile,
Du hast der Kirche Hirten, der dich leite;
Genügen kann dir das zu deinem Heile.

Ruft schnöde Habgier dich nach andrer Seite,
Dann sei ein Mensch, kein Schaf so ohne Sinn,
Daß es dem Juden Stoff zum Hohn bereite. 81

Thu nicht dem Lamm gleich, das die Nährerin
Verlassend und von Uebermuth getrieben,
Einfältig springt nach eigner Lust dahin.’

So sprach Beatrix, wie ichs hier geschrieben,
Und wandte sehnend hin der Augen Licht,
Wo reicher ist die Welt an Lebenstrieben.

Ihr Schweigen, ihr verwandelt Angesicht
Ließ meinen Geist stillschweigen eine Weile,
Der schon auf neue Fragen war erpicht. 90

Und schnell, gleich dem vom Strang geschoßnen Pfeile,
Der in das Ziel schnellt, eh die Sehne ruht,
So kamen wir zum zweiten Reich in Eile.

Hier sah die Herrin ich so frohgemuth,
Als in dies Himmelslicht der Flug uns brachte,
Daß heller ward des Sternes lichte Gluth.

Und wenn der Stern sich wandelte und lachte,
Wie mußte mir sein, den so wandelbar
Doch die Natur in jeder Weise machte! 99

Wie Fisch' in einem Weiher still und klar
Nach dem, was außenher hineinfällt, schwimmen;
Im Wahn, es biete Futter ihnen dar:

So sah ich mehr denn tausend Lichter glimmen
Und ‘Siehe den, der unser Lieben mehrt!’
So riefen, sich uns nähernd, tausend Stimmen.

Und wie sie dicht zu uns heran gekehrt,
Sah man, wie jeder Schatten war voll Wonnen,
Am hellen Lichtblitz, der von ihm entfährt. 108

Bedenk', o Leser, wenn, was ich begonnen,
Nicht weiter ginge, welcher Neubegier
Peinvolle Qualen hättest du gewonnen!

Daraus erkläre das Verlangen dir,
Das ich empfand, zu hören wer die seien,
Die vor das Auge so getreten mir.

‘O Sohn des Glücks, dem Gnade will verleihen,
Durchs Reich des ewigen Triumphs zu wallen,
Eh du noch tratest aus der Streiter Reihen! 117

Vom Licht, das strahlet in den Himmeln allen,
Sind wir entbrannt; drum, willst du mehr noch Kunde
Von uns, so sättige dich nach Gefallen.’

So Einer aus der frommen Geister Runde;
Und drauf Beatrix: ‘Sprich mit Zuversicht,
Wie Göttern trau dem Wort aus ihrem Munde.’

Ich sehe wohl, du wohnst im eignen Licht
Und strahlst es aus den Augen, daß sie helle
Aufleuchten, wenn nur lächelt dein Gesicht. 126

Doch sage wer du bist und was die Stelle
In des Planeten Sphäre dir gewähret,
Der hinter fremdem Strahl birgt seine Helle.

So sagt' ich, zu dem Lichte hingekehret,
Das erst mich ansprach, und sein Angesicht
Ward dadurch zu noch hellerm Glanz verkläret.

Gleichwie die Sonne, die durch zu viel Licht
Sich selbst verhüllt, wenn Hitze aufgesaugt
Der Dünste, die sie dämpften, feuchte Schicht, 135

So barg sich mir, von größrer Wonn' umhaucht,
Die heilige Gestalt im eignen Lichte;
Und was sie sprach, so tief in Glanz getaucht,

Das ists, was ich im nächsten Sang berichte.

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