Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 04
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 04

Dante schwankt zwischen zwei Zweifeln, die gleich stark sind, weshalb er zur Aeußerung von keinem gelangt. Beatrix erräth sie. Der eine ist der, ob der durch Gewalt gehemmte Wille als Schuld anzurechnen sei; der andere die platonische Lehre, daß die Seele zu dem Sterne, von dem sie herstammt, zurückkehre. Die letztere widerlegt Beatrix und bezeichnet sie als besonders gefährlich; auch der andere Zweifel, weniger gefährlich, weil aus dem Glauben entspringend, wird dadurch widerlegt, daß ein freier Wille gar nicht gezwungen werden kann. Ein Wille also, der sich der Gewalt unterwirft, ist von Tadel nicht frei. Dante fragt weiter, ob ein unerfüllt gebliebenes Gelübde durch anderes Thun ersetzt werden könne.

Gleich fern zwei Speisen, die gleich locken, stürbe
Ein freier Mensch eh Hungers, eh zum Mund
Er eine führt' und also nicht verdürbe.

So zwischen zweier Wölfe gierigem Schlund
Ständ' auch ein Lamm, vor beiden gleich sehr bange,
So zwischen zweien Hirschen ständ' ein Hund.

Drum wenn ich unter gleicher Z weifel Drange
jetzt schwieg, so trifft mich darum weder Schelte
Noch Lob; der Noth folgt' ich und ihrem Zwange. 9

Ich schwieg, doch mir im Angesichte stellte
Sich also deutlich dar so Wunsch wie Fragen,
Als wenn aus lauten Worten es erhellte.

Beatrix that wie Daniel in den Tagen
Nebukadnezars, dessen Zorn, der ihn
So grausam machte, nieder er geschlagen.

Sie sprach: ‘Ich seh', zweifache Wünsche ziehn
Dich mächtig an; drum ist von beiden keiner,
Weil sie sich fesseln, dir zum Wort gediehn. 18

Du denkst so: Bleibt der Wille nur ein reiner,
Wie macht Gewaltthat, die uns widerfährt
Von andern, unsers Werthes Umfang kleiner?

Auch heut zum Zweifel Stoff, was Plato lehrt,
Nach dessen Meinung zu der Sterne Sphären
Zurück des Menschen Seele wieder kehrt.

Die Fragen sinds, die gleich stark dir beschweren
Den Geist; drum laß zuerst dich über die,
Die wohl die meiste Galle birgt, belehren. 27

Der Seraph, dem sein Anschaun Gott verlieh,
Samuel, Moses, und Johannes, der
Wie jener, ja Maria selber - sie,

Sie alle thronen nicht in andrer Sphär'
Als diese Geister, die dir jüngst erschienen,
Noch weilen Jahre minder oder mehr,

Da all' dem ersten Kreis zum Schmucke dienen.
Nur das macht ihre Seligkeit verschieden,
Daß mehr und minder Gottes Hauch in ihnen. 36

Sie zeigten hier sich, nicht als sei beschieden
Für sie die Sphäre, sondern nur als Zeichen
Des tiefsten Grades in dem Himmelsfrieden.

Zu eurem Geiste spricht man in Vergleichen,
Weil er empfangen muß auf Sinneswegen
Was ihn dann höhre Einsicht macht erreichen.

Zu eurer Fähigkeit läßt sich deswegen
Die Schrift herab, wenn sie Gott Fuß und Hand
Beilegt, um andern Sinn darein zu legen 45

So stellt, durch den Tobias Heilung fand,
Wie alle Engel, menschlich von Gesicht
Die Kirche dar für eueren Verstand.

Das, was Timaeus von den Seelen spricht,
Wenn er es so meint, wie er scheint zu sagen,
Vergleicht sich dem, was wir hier sehen, nicht.

Er sagt, die Seele wird zurückgetragen
Zu ihrem Stern, von dem sie ward getrennt,
Als sie in Körperbande ward geschlagen. 54

Vielleicht doch anders, als das Wort es nennt,
Ist seine Meinung, so daß nicht zu lachen
Darüber ist, wenn man sie recht erkennt.

Meint er, des Tadels wie des Lobs Ursachen
Ruhn in den Sternen, nun so darf man sagen,
Es liegt vielleicht was Wahres in den Sachen.

Der Grundsatz, falsch verstanden, ließ einst wagen
Die Welt, daß Mars, Mercur und Jupiter
Vergöttert wurden in der Vorzeit Tagen. 63

Der andre Zweifel, der dich drängt, er
Ist minder giftig: meiner Näh' entrücken
Kann seine Bosheit ja dich nimmermehr.

Daß unsere Gerechtigkeit den Blicken
Der Menschen Unrecht scheint, das ist ein Zeichen
Des Glaubens mehr als ketzterischer Tücken.

Indeß weil euer Geist hieran zu reichen
Im Stand ist und das Wahren draus zu schälen,
So lass' ich mich durch deinen Wunsch erweichen. 72

Ist das nur Zwang, wenn der, den er darf quälen,
In nichts dem nachgibt, der Gewalt ihm thut,
So sind dadurch nicht schuldfrei diese Seelen.

Nichts beugt, wenn man nicht will, des Willens Muth;
Drück' auch der Zwang ihn tausendmal danieder,
Stets strebt er aufwärts wie des Feuers Gluth.

Beugt er, seis wenig oder viel, die Glieder,
So folgt er der Gewalt; so stehts mit diesen,
Da sie zurück zum Kloster durften wieder. 81

Wenn unbewegt ihr Wille sich erwiesen,
Wie jener Mut, den Mucius durch die That,
Und den Laurentius auf dem Rost bewiesen,

So hätt' er sie, sobald sie frei, den Pfad
Zurückgetrieben, drauf man sie entführte;
Doch ist solch fester Muth nicht häufig grad.

Durch diese Worte, wenn du, wie's gebührte,
Sie aufgenommen, fällt der Einwand hin,
Der wohl noch öfter sonst dich schwer berührte. 90

Ein andres Hemmniß thut vor deinem Sinn
Sich aber auf, und so käm' er aus schlimmer
Verwirrung nie, würd' er verwickelt drin.

Ich sagt' als sichre Wahrheit dir, daß nimmer
Ein seliger Geist der Lüge fröhnen kann;
Denn nah der ersten Wahrheit ist er immer.

Und von Piccarda hörtest du sodann,
Constanze sei dem Schleier treu geblieben;
Das sieht wie Widerspruch mit mir sich an. 99

Oft schon geschahs, daß man, von Noth getrieben,
Gefahr zu meiden, Hand an das zu legen
Beschloß, was widersprach den eignen Trieben.

Alcmaeon ließ vom Vater sich bewegen,
Daß seine eigne Mutter er erschlug
Und mitleidlos ward um des Mitleids wegen.

Den Punkt bedenke jetzt, daß oft genug
Gewalt sich mischt mit Wollen; um deswillen
Ist Uebelthun entschuldbar nicht mit Fug. 108

Nicht willigt zwar ins Bös' an sich der Willen,
Doch so weit willigt er, als er sein Leid
Durch Weigrung zu vergrößern bangt im Stillen.

Drum wenn Piccarda so uns gab Bescheid,
Meint sie den Willen an sich selbst, doch ich
den andern; Wahrheit liegt hier beiderseit.’

So äußerte die heilige Welle sich,
Die sich aus aller Wahrheit Quell ergossen,
Daß jeder Wunsch befriedigt von mir wich. 117

Geliebte Deß, dem alle Lieb' entflossen,
O Göttliche, die mich mit Gnadenfluth
Beströmt, daß neues Leben draus entsprossen.

Nicht kann genügen meiner Lieb Gluth,
Um Dank für deine Gabe dir zu bringen,
Wenn Er nicht, der da sieht und kann, es thut.

Nie kann, ich seh' es, Sättigung erschwingen
Der Geist, dem nicht das Licht der Wahrheit quillt,
Ohn' welches keine Wahrheit zu erringen. 126

Er ruht in ihr, wie in der Höhl' ein Wild,
Erreicht er sie; und er kann sie erreichen,
Sonst bliebe jedes Sehnen ungestillt.

Der Zweifel keimt, dem Schößling zu vergleichen,
Am Fuß der Wahrheit, und es treibt sein Trieb
Von Höh' zu Höh', zum Gipfel auf zu reichen.

Die treibt mich an, dies gibt mir, wenns euch lieb,
O Herrin, Muth zu ehrfurchtsvoller Frage
Ob andrer Wahrheit, die mir dunkel blieb. 135

Kann für verfehlt Gelübde man - das sage
Mir euer Mund - durch andres Gute gnügen,
Daß es zu leicht nicht wieg' auf eurer Wage?

Beatrix sah mich an, und ihren Zügen,
Den göttlichen, entstrahlten Liebesflammen,
Daß ich, zu schwach als daß die Blick' es trügen,

Geblendet fast sank in mich selbst zusammen

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