Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 03
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 03

Eben will Dante Beatrix gestehen, daß er seines Irrthums überführt sei, als eine neue Erscheinung ihn fesselt. Er sieht Gesichter aus dem Lichte auftauchen, die zu sprechen bereit sind. Er hält sie für Spiegelbilder, wird aber von Beatrix belehrt. Es sind die Seelen Derer, die ihr Gelübde nicht vollständig erfüllt haben. Eine Seele redet ihn an, die vor allen den Wunsch mit ihm zu sprechen zu hegen scheint. Es ist die Nonne Piccarda. Auf Dantes Frage, ob sie nicht nach höherer Seligkeit sich sehne, erwidert sie, daß solches Wünschen mit dem Wesen der Seligkeit unvereinbar sei. Sie erzählt ihm ihre Geschichte und die einer andern Nonne, Constanze. Darauf taucht sie im Lichte wieder unter. Dante wendet seine Blicke Beatrix zu.

Die Sonne, die mich einst mit Lieb' erfüllt,
Sie hatte mir der Wahrheit schöne Leuchte
Durch Widerlegung und Beweis enthüllt.

Um zu gestehn, daß sie mich überzeugte
Und ich den Irrthum einsah, hob ich schon
Das Haupt zur Antwort, wie es schicklich däuchte.

Da fesselte mir eine Vision
Das Aug' und zwang mich, daß ich nach ihr sehe;
Drob das Geständniß war dem Sinn entflohn. 9

Wie aus durchsichtigem Glas und aus dem Seee,
Der unbeweglich, wellenlos und glatt
Und nicht so tief, daß uns der Grund entgehe,

Der Umriß unsers Angesichts so matt
Rückstrahlt, daß man auf einer Stirn, die helle
Und weiß, die Perle eh'r gesehen hat:

So sah ich viel Gesichter an der Stelle,
Bereit zum Reden, so daß umgekehrt
Mein Irrthum wie Narcissens bei der Quelle. 18

Denn kaum hatt' ich, dem solche Schau gewährt,
Im Wahne, daß es Spiegelbilder wären,
Mich rückwärts, um den Grund zu sehn, gekehrt,

Als ich, nichts sehend, mich nach vorn zu kehren
Begann, zum Licht der holden Führerin,
Das lächelnd brannt' in ihrem Aug', dem hehren.

‘Nicht wundre dich, wenn mich dein Kindersinn,’
Sprach sie, ‘und deine Einfalt machen,
Da Wahrheit noch so wenig fest darin, 27

Und, wie du pflegst, du blickst nach leeren Sachen.
Wahrhafte Wesen sinds was du gesehen,
Hierher gebannt wei sie Gelübde brachen.

Drum sprich sie an und glaub' was sie gestehen;
Denn das wahrhaftige Licht, in dem sie wallen,
Läßt sie nicht fußbreit von der Wahrheit gehen.’

Den Schatten, der, so schiens, mit mir vor allen
Zu reden wünschte, sprach ich an wie einer,
Der allzugroßer Ungeduld verfallen. 36

O wohl erschaffner Geist, du, der in reiner
Ewiger Helle Süßigkeit genießet,
Die, ungekostet, kann verstehen Keiner,

Lieb wird mirs sein, wenn mir dein Mund erschließet,
Wie doch dein Name, wie dein Schicksal sei.
‘Gerechtem Wunsch,’ sprach er bereit, ‘verschließet

Sich Liebe nicht’ - er lächelte dabei;
Der höchsten gleich muß unsre Liebe werden,
Die will, daß all ihr Hof ihr ähnlich sei. 45

Als Klosterjungfrau lebt' ich einst auf Erden;
Und nicht kann dir, daß ich jetzt schöner bin,
Gedächtniß und Erinnerung gefährden.

Piccarda bald erkennt in mir dein Sinn,
Und, selig in der langsamsten der Sphären,
Wall' ich mit andern Seligen darin.

Es fügen unsre, einzig vom Begehren
Des heiligen Geists entflammten Wünsche sich
Freudig der Ordnung, die er will gewähren. 54

Dies Loos, das niedrig vor den andern dich
Bedünkt, es traf uns, weil, was wir versprochen,
In einem Punkt von der Erfüllung wich.’

Ein göttlich Etwas seh' ich durchgebrochen,
Sprach ich, in euren wunderbaren Zügen,
Dem euer frührer Eindruck nicht entsprochen.

Drum wollte sich nicht gleich Erinnrung fügen;
Doch jetzt muß das, was mir enthüllt dein Wort,
Dich schneller zu erkennen mir genügen. 63

Doch sprich: die ihr beglückt an diesem Ort
Verweilt, treibt euch nicht Sehnsucht, mehr zu sehen
Und Gott mehr werth zu sein, zum höhern fort?

Sie lächelt' und so alle die da gehen;
Dann sprach so heiter sie zu mir, wie Der,
In dem der ersten Liebe Flammen wehen:

‘In Ruhe, Bruder, hält uns die Begehr
Der Liebe Kraft, die das nur, was wir haben
Uns wollen läßt und sonst nichts andres mehr. 72

Denn sehnten wir uns hier nach höhern Gaben,
So würde ja die Harmonie verlassen
Mit Dessen Willen, der uns hier wollt' haben;

Was, wie du siehst, nicht diese Kreise fassen,
Denn herrschen darf hier Liebe ganz allein,
Wenn du des Orts Natur willst recht erfassen.

Vielmehr ists wesentlich zum Seligsein,
Sich innerhalb des Willens Gottes halten,
Um allen Willen Einheit zu verleihn; 81

So daß der Platz, den Jeglicher erhalten,
Dem Reich gefällt und dessen König, der
An seinem Willen uns läßt Lust behalten.

Sein Will' ist unser Frieden, ist das Meer,
Zu dem sich hinzieht alles Lebens Kette,
Das von Natur und das von ihm kommt her.’

Da ward mir deutlich: jede Himmelsstätte
Ist Paradies, ob auch nicht gleicher Weise
Des höchsten Gutes Gnade drin sich bette. 90

Doch wie man gnug wohl hat von dieser Speise
Und dafür dankt, und jene doch begehrt
Und zeigt, daß man noch Lust nach ihr beweise:

So macht' ichs jetzt mit Wort und mit Geberd',
Um zu erfahren, wie zu Ende weben
Sie werde, wovon sie mich halb belehrt.

‘Ein hoch Verdienst und reiner Wandel heben
Ein Weib zum Himmel auf, nach deren Art
In Kleid und Schleier drunten viele leben, 99

Daß Tag und Nacht sie bis zur Todesfahrt
Beim Bräutigam sei'n, der jegliches Verheißen
Annimmt, das ihm gethan aus Liebe ward,

Ich hüllte jung, der Welt mich zu entreißen
Und ihr zu folgen, mich in ihr Gewand,
Den Weg zu wandeln, den sie uns geheißen.

Doch Menschen, die zum Bösen mehr gewandt
Als Guten, raubten mich der süßen Zelle;
Gott weß wie's dann mit meinem Leben stand. 108

Und jener andre Glanz, der dort sich helle
Zu meiner Rechten zeigt und sich entzündet
An unsrer Sphären ganzen Strahlenquelle,

Von ihm auch gilt, was ich von mir gekündet.
Auch sie war Nonn', auch ihr vom Haupt herab
Riß man den Schleier, welcher uns verbündet.

Doch ob man auch der Welt zurück sie gab,
Zuwider ihrem Wunsch und guten Sitten,
Sie legte nie des Herzens Schleier ab. 117

Constanze ists, die aus des Lichtes Mitten
Dort strahlt, die mit dem zweiten Sturm aus Schwaben
Gezeugt den letzten, mächtigen, den dritten.’

Sie sprachs und sang darauf ein hocherhaben
Ave Maria, und verschwand im Singen,
Gleichwie ein Stein versinkt im tiefen Graben.

Mein Aug' versuchte noch ihr nachzudringen,
So lang es ging, um dann, als sie entschwand,
Zum Ziele größrer Sehnsucht sich zu schwingen, 126

Ganz nach Beatrix einzig hingewandt;
Doch blitzte sie mir so ins Aug' hinein,
Daß anfangs es vom Glanz ward übermannt;

Und dies ließ säumig mich im Fragen sein.

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