Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 02
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 02

Nachdem der Dichter die Geistesschwachen abgemahnt, ihn weiter auf seiner Fahrt zu begleiten, fährt er fort. Sie gelangen in die Sphäre des Mondes, die sie wie ein dichtes diamantenes Gewölk umgibt. Er befragt Beatrix nach den dunklen Flecken im Monde. Nachdem er auf ihre Aufforderung seine eigene Ansicht über dieselben vorgetragen, widerlegt sie ihm diese und erklärt ihm den wahren Grund jener Flecken aus der verschiedenen Kraft der die Sterne lenkenden Intelligenz und aus der verschiedenen Fähigkeit der Sterne, diese Kraft in sich aufzunehmen.

Ihr, die die Sehnsucht trieb, im kleinen Nachen
Die Reise meines Schiffes, das einher
Zieht mit Gesang, zuhörend mitzumachen.

O nehmt zu eurem Strand die Wiederkehr!
Verirrt dort bleiben kann gar leicht und gerne,
Wer mein Geleit verliert auf hohem Meer.

Nie ward beschifft, die ich durchfuhr, die Ferne;
Minerva haucht, Apollo will mich leiten,
Neun Musen zeigen mir des Bären Sterne.

Ihr andern Wenigen, die ihr bei Zeiten
Den Hals gestreckt habt nach der Engelspeise,
Die Nahrung hier, nie Sätt'gung kann bereiten,

Es kann auf weitem Meere wohl die Reise
Eur Schiff wagen, dicht an meine Bahn
Sich haltend, eh die Fluth verwischt die Gleise.

So staunten nicht, wie euch wird Staunen nahn,
Die Ruhmgekrönten, die nach Kolchis zogen,
Da sie zum Pflüger Jason werden fahn.

Mit ewigem angebornem Durste flogen
Wir auf zum gotterfüllten Reich, beinah
So schnell als sich uns dreht der Himmelsbogen.

Beatrix schaut' empor, ich aber sah
Nach ihr, und schneller als ein Bolzen flog,
Der von der Nuß sich löste, war ich da,

Wo etwas Wunderbares auf sich zog
Den Blick; und Jene, nach mir hingewendet,
Der nichts was in mir vorging sich entzog.

Begann so schön wie freudig: ‘Dank gesendet
sei nun von deinem Geist und Gott empor:
Zum ersten Stern ist unser Flug vollendet.’

Mir schien als deck' uns einer Wolke Flor,
So fest und dicht, so leutend und so rein
Wie Demant, draus die Sonne strahlt hervor.

Die ewige Perle nahm uns in sich ein,
So wie das Wasser, ohne sich zu trennen,
In sich empfängt des Lichtstrahls hellen Schein.

War ich nun Leib, ists räthselhaft zu nennen
Wie ein Leib in den andern kriechen kann
Und Stoff' in Stoffen sich vertragen können.

Noch heißer brennen sollten wir alsdann
Die Wesenheit zu sehn, in der wir schauen
Wie Gott und Mensch Vereinigung gewann.

Dort schaun wir einst worauf wir gläubig bauen,
Als selbsterkanntes, nicht erst als bewiesen,
Gleichwie Urwahrheit, der wir ganz vertrauen.

Darauf versetzt' ich: Herrin, hochgepriesen
Sei Gott mit frommem Danke, der mich fort
Von jener Welt der Sterblichkeit gewiesen.

Doch sprecht, was sind die dunklen Flecken dort
An diesem Körper, die den Anlaß gaben,
Daß oft von Kain spricht manch Fabelwort?

‘Wenn hier die Sterblichen geirrt sich haben,’
Sprach sie, ein wenig lächelnd erst, zu mir,
‘In dem was über Menschensinn erhaben,

Nicht wunderbar erscheinen darf es dir,
Da, wo die Sinne der Vernunft die Richte
Des Wegs gezeigt, zu kurz die Flügel ihr.

Doch wie denkst du darüber? Das berichte!’
Und ich: Das, was wir als verschieden sehen,
Glaub' ich, entsteht durch Lockerheit und Dichte.

Und sie: ‘Als falsch siehst du zu Grunde gehen
Bald deinen Wahn, wenn du den Geist willst kehren
Den Gründen zu, die ihm entgegen stehen.

Viel Lichter zeigt die achte von den Sphären,
Ungleich an Größe wie Beschaffenheit,
Weshalb verschiednen Anblick sie gewähren.

Bewirkte dies nur Dünn' und Dichtigkeit,
So würd' in allen eine Kraft nur walten,
Die sich vertheilte nach Verschiedenheit.

Verschiedner Grund muß sein, wo sich entfalten
Verschiedne Kräfte; alle bis auf einen
Fielen hinweg nach deinem Dafürhalten.

Auch Dünne gibt für jenes Dunkel keinen
Erklärungsgrund bei diesem Stern, sonst hätt' er
Zum Theile durch und durch vom Stoffe keinen

Körper entblößet, oder, wie es fetter
und magrer Theil' im Körper gibt, so wären
In seinem Buche wechselnd feine Blätter.

Das erste müßten Finsternisse lehren
Der Sonne, weil wie andres Dünne, dies
Dem Lichte Durchgang müßt' alsdann gewähen.

Doch so ists nicht. Das zweite drum - besieh's
und merke, daß, wenn ich auch dies vernichte,
Sich deine Meinung dann als falsch erwies.

Es muß ein Endpunkt sein, an dem das Dichte
(Das ganz das Dünne nicht den Mond durchdringt)
Noch weiter vorzudringen wehrt dem Lichte;

Ein Punkt, an dem der Strahl zurückespringt,
Gleichwie das Glas, auf seiner hintern Seite
Mit Blei belegt, dein Bild zurück dir bringt.

Nun sagst du wohl, weil es aus größrer Weite
Sich bricht, daß minder als an andern Stellen
Deshalb der Strahl allhier sein Licht verbreite.

Erfahrung, hast du Lust, sie anzustellen,
Macht dich gar bald von diesem Einwand frei,
Sie, der ja eures Wissens Ström' entquellen.

Drei Spiegel nimm, gleich weit von dir laß zwei
Aufstellen, und den dritten ferne rücken,
Daß grad dein Auge zwischen ihnen sei.

Dann aber stelle hinter deinen Rücken
Ein Licht, nach allen dreien hingewendet,
Daß du in allen kannst dein Bild erblicken.

Wenn auch der fernste dir ein kleinres sendet
An Umfang, so siehst du doch allemal
Gleich starkes Licht von ihnen dir gespendet.

Jetzt, wie durch einen warmen Sonnenstrahl
Dem Boden, den der Schnee bedeckte, schwindet
Des Winters Farb' und Frost mit einem Mal,

Jetzt, da nicht Irrthum deinen Geist mehr bindet,
Sei so lebendig Licht ihm klar gelegt,
Daß seinen hellen Glanz dein Aug' empfindet.

Im Himmel ewigen Gottesfriedens regt
Ein Körper sich, von dem ihr Sein empfangen
Die Dinge all, die er umschließend hegt.

Der nächste, dran so viel Lichter prangen,
Vertheilt dies Wesen in verschiedene Gaben,
Von ihm verschieden, doch von ihm umfangen.

Die andern nach verschiedenem Begaben
Vertheilen dies ihr eigenthümlich Leben
Je nach dem Zweck und Samen, den sie haben.

So siehst du dieser Weltorgane Weben
In der erwähnten Art von Grad zu Grad
Von oben nehmen und nach unten geben.

Nun achte, wie von diesem Punkt gerad
Der Wahrheit, die du suchst, ich schreit' entgegen,
Damit du selbst dann finden kannst den Pfad.

Der heiligen Kreise Kraft und ihr Bewegen
Muß, wie des Hammers Kunst vom Schmied ausgeht,
Durch seliger Beweger Hauch sich regen.

Der Himmel, der so leuchtet lichtbesät,
Nimmt auf vom tiefen Geiste, der ihn leitet,
Das Bild, das wie ein Siegel er empfäht.

Und wie die Seel' im Kleid, von Staub bereitet,
Sich durch verschiedne Glieder, die gestaltet
Nach den verschiednen Kräften sind, verbreitet,

So jene höchste Einsicht; sie entfaltet,
Ohne sich ihrer Einheit zu begeben,
Die Kraft in allen Sternen vielgestaltet.

Zum Himmelskörper tritt, ihn zu beleben,
Verschiedentlich gemischt, verschiedne Kraft,
An ihn sich bindend, wie an euch das Leben.

Die freudige Natur, die sie erschafft,
Wie Freud' aus dem lebendigen Angesichte,
Strahlt aus dem Körper durch gemischre Kraft.

Das ist es, und nicht Lockerheit und Dichte,
Was einen Stern dem andern ungleich macht.
Durch dies Princip wird alles Dunkl' und Lichte

Je nach der Güte Maß hervorgebracht.’

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