Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 01
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 01

Anruf Apollos. Es ist Morgen; Beatrix schaut zur Sonne empor. Dadurch ermuthigt, blickt auch Dantes Auge hinauf, muß aber bald vor übermäßigem Glanze sich senken. Er ist, ohne daß er es bemerkt, in die Feuersphäre, die zwischen Erde und Mond liegt, eingetreten. Von Beatrix darüber belehrt, spricht er sein Befremden aus, wie er die leichteren Elemente der Luft und des Feuers habe durchsteigen können. Auch darüber empfängt er von Beatrix Aufklärung.

Die Glorie Dessen, der bewegt das Ganze,
Durchdringt das All, doch diesem Theil gewährt
Sie minder, jenem mehr von ihrem Glanze.

Im Himmel, den zumeist sein Licht verklärt,
War ich und sah wovon Bericht zu geben
Nicht weiß und nicht vermag wer dorther kehrt;

Weil es den Geist, wenn er dem letzten Streben
Der Sehnsucht naht, in solche Tiefen zieht,
Daß nicht Erinnrung sich daraus kann heben.

Doch soviel aus dem heiligen Gebiet
Erinnrung sammeln konnt' als Schatz der Seele,
Das bilde jetzt den Stoff zu meinem Lied.

Güt'ger Apoll, zur letzten Arbeit stähle
Nach Wunsch als deiner Kraft Gefäß mich doch,
Daß dein geliebter Lorber mir nicht fehle.

Bis hierher war mir vom Parnaß ein Joch
Genug, doch jetzt muß ich mit beiden nieder
Zur Rennbahn steigen, die mir übrig noch.

Zieh ein meine Brust und hauche wieder,
Wie damals du gethan, als du gezogen
Den Marsyas aus der Scheide seiner Glieder.

O Gotteskraft, wenn du mir bleibst gewogen,
So daß des seligen Reiches Schatten ich
Aufzeichne, wie ich ihn im Haupt erwogen,

Dann deinem theuren Baume nah' ich mich,
Um mich zu kränzen mit des Blattes Zier,
Das ich verdient durch meinen Stoff und dich.

So selten nur, o Vater, pflückt von ihr
Poet und Kaiser zu des Sieges Ehren
(Zur Schuld und Schande menschlicher Begier),

Daß Delphis heitrem Gotte Lust gewähren
Sollte Peneios Laub, wenn es noch Einen
Erfüllt mit heißem Durst es zu begehren.

Aus Funken sieht man mächtige Flamm' erscheinen;
Vielleicht daß man dereinst mit besserm Munde
Apolls Gehör erlangt als durch den meinen.

Den Sterblichen steigt aus verschiednem Schlunde
Das Licht der Welt; jedoch mit besserm Lauf
Und bessern Sternen nicht, als wo im Bunde

Vier Kreise mit drei Kreuzen, ziehts herauf,
Und besser drückt es dort nach seiner Weise
Dem ird'schen Wachs Gepräg' und Bildung auf.

Fast war es Morgen im jenseitigen Kreise
Und diesseits Abend, darum war die eine
Halbkugel schwarz, die andr' in lichter Weiße,

Als nach der Linken ich gewendet meine
Gebietrin sah, und in die Sonne dringen
Ihr Aug' - so hebt kein Aar zu ihr das seine.

Und wie dem ersten Strahl sich zu entringen
Ein zweiter pflegt, um nach des Pilgers Brauch,
Der heim will kehren, aufwärts sich zu schwingen:

So folgt' auch ihrem Thun, das durch das Aug'
Ich wahrgenommen, meines jetzt und blickte
Zur Sonne, fester als wir pflegen, auch.

Denn was sich hier für unsre Kraft nicht schickte,
Gestattet dort des Ortes Gunst, den nur
Zum Aufenthalt der Menschheit Gott beschickte.

Nicht lang', doch so lang' trug es die Natur,
Daß ich sah Funken sprühen rings umher
Wie glühend Eisen, das dem Feur entfuhr.

Tag schien zu Tag gefügt, als hätte Der,
Der solches kann, geschmückt den Himmel droben
Urplötzlich noch mit einer Sonne mehr.

Fest zu den ewigen Kreisen stets erhoben
Den Blick, stand Beatrice, und wie ich mich
Nach ihr nur wendet', abgekehrt von oben,

Ward ich in ihrem Anblick innerlich
Dem Glaucus ähnlich, der, als er vom Kraut
Gekostet, andern Meeresgöttern glich.

Die Uebermenschsein kann kein Wort und Laut
Ausdrücken; der Vergleich mag dem genügen,
Dem Gnade aufspart, daß er einst es schaut.

Du, Liebe, weißts, der sich die Himmel fügen,
Ob Das nur, was du neu schufst, war mein Ich,
Du, die mich hob zu deines Lichtes Flügen.

Sobald die Himmelskreisung, die durch dich
Verewigt wird, mich mit den Harmonien,
Die du bestimmst und eintheilst, zog auf sich,

Da von der Sonne Flamm' erglühend schien
So viel vom Himmel, daß nicht Fluß noch Regen
Je Seen schufen, die so weit sich ziehn.

Des neuen Tons, des großen Lichtes wegen
Empfand ich solch Verlangen nach dem Grund,
Wie ichs so scharf noch nie gefühlt sich regen.

Und Sie, der ich, wie ich mir selber, kund,
Zu stillen des bewegten Geists Verlangen,
That auf, eh ich es fragend that, den Mund,

Und sie begann: ‘Du selbst machst dich befangen
Durch falschen Wahn, drum siehst du nicht, was dir,
Wenn du ihn scheuchtest, nimmer wär' entgangen.

Nicht bist du, wie du glaubst, auf Erden hier;
Doch lief kein Blitz, der seinen Ort verlassen,
So schnell als du, der wiederkehrt zu ihr.’

War durch das Wort, das lächelnd und gelassen
Sie sprach, der erste Zweifel auch genommen,
So fühlt' ich einen neuen mich erfassen.

Ich sprach: Zur Ruhe glaubt' ich schon zu kommen
Vom Staunen, und nun drängt sichs neu heran,
Wie diese leichten Körper ich durchklommen.

Darauf mit einem frommen Seufzer sahn
Mich ihre Augen an mit den Geberden
Der Mutter, deren Kind im Fieberwahn.

Sie sprach: ‘Die Ding' im Himmel und auf Erden
Stehn unter sich in Ordnung: eben sie
Ist die Form, durch die sie Gott ähnlich werden.

Die hohen Creaturen sehen hie
Die Spur der ewigen Kraft, sie ist allein
Das Ziel, das jener Ordnung Gott verlieh.

Es fügen ihr sich alle Wesen ein,
Die ihrem Ursprung, je nach ihrem Lose,
Bald näher und bald ferner müssen sein.

Drum nach verschiednen Häfen durch das große
Weltmeer des Daseins schiffen sie und streben,
Je wie sie lenkt der Trieb in ihrem Schoße.

Er macht das Feuer sich zum Mond erheben,
Er schafft die Regung in des Herzens Schoß,
Er eint die Erd' und macht in sich sie kleben.

Nicht auf erkenntnißlos Wesen bloß,
Auch die, die mit Vernunft begabt und Liebe,
Schießt dieser Bogen seine Pfeile los.

Vorsehung, die geordnet dies Getriebe,
Hält festgebannt den Himmel durch ihr Licht,
Drin der sich dreht, der eilt mit schnellstem Triebe.

Dorthin dem Ziele zu nach Recht und Pflicht
Trägt uns von dannen jener Sehne Kraft,
Der es am frohen Ende nie gebricht.

Wahr ists, wie oft ein Bild der Künstler schafft,
Das nicht dem Sinn entsprach, weil mitzutheilen
Den Geist zu taub des Stoffes Eigenschaft,

So auch entfernt sich das Geschöpf zuweilen
Von dieser Bahn, weil es von seinen Trieben
Die Macht empfängt, wo anders hin zu eilen

(So sieht man Feuer erdwärts nieder stieben),
Sobald der erste Anstoß, abgelenkt
Durch falsche Lust, zur Erde wird getrieben.

Nicht darf dein Steigen, wenn mans recht bedenkt,
Mehr Staunen wecken dir, als daß die Welle
Den Lauf, vom Berge fließend, thalwärts senkt.

Nein! wunderbar wärs, wenn du an der Stelle,
Von Hemmung frei, dich unten ließest nieder,
Wie wenn nicht aufstieg' eine Feuerquelle.’

Drauf wandte sie den Blick zum Himmel wieder.

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