Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 34
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 34

Letzte Abteilung des neunten Kreises, Indecca, der Strafort der Verräter an Wohltätern. Sie stecken ganz in durchsichtigem Eise. Hier eblickt Dante den Lucifer, der ausführlich beschrieben wird. Er zermalmt mit seinen drei Mäulern drei Verbrecher und zerreißt sie zugleich mit den Krallen. Es sind Judas Ischarioth, der Verräter Christi, und Brutus und Cassius, die Verräter Caesars. Am Mittelpunkt von Lucifers Leibe schwingt sich Virgil, Dante umfassend, um seine eigene Achse und klettert in entgegengesetzter Richttund an Lucifers Beinen empor. Dem staunenden Dante erklärt er, dass sie den Mittelpunkt der Erde durchgangen hätten. Durch eine dunkle höhlenartige Spalte wandern sie immer fort, bis sie das Tageslicht sehen und bei den Antipoden ins Freie treten.

001 'Uns tritt des Höllenköniges Panier
002 Entgegen, drum sieh vorwärts, ob du ihn
003 Erkennest,' sprach mein Führer jetzt zu mir.

004 Wie oft, wenn dichte Nebel uns umziehn
005 Und unsern Erdkreis deckt des Abends Grauen,
006 Vom Wind gedreht, fern eine Mühle schien,

007 Ein solch Gebäude wähnt' ich jetzt zu schauen.
008 Hinter Virgil eilt' ich mich zu verstecken,
009 Mir eine Schutzwehr vor dem Wind zu bauen.

010 Schon stand ich - nieder schreib' ich es voll Schrecken -
011 Dort wo wie Splitter in dem Glas zu sehen
012 Die Schatten in durchsichtigem Eise stecken.

013 Flach liegend die, indeß die andern stehen,
014 Die auf den Sohlen, Die auf dem Gesicht,
015 Die bogenkrumm den Kopf zum Fuße drehen.

016 Als wir nach vorn gedrungen nun so dicht,
017 Wo's meinem Hort gefiel, das Wesen mir
018 Zu zeigen, das so schön einst war und licht,

019 Trat er beiseit und hieß mich weilen hier
020 Und sprach: 'Sieh da den Dis! sieh da die Stätte!
021 Mit Muth dich jetzt zu waffnen ziemet dir.'

022 Wie starr und stumm ich stand an diesem Bette,
023 Das, Leser, frage nicht, nicht werd' ichs schreiben,
024 Weil jedes Wort zu wenig Kraft doch hätte.

025 Ich starb nicht und nicht lebend konnt' ich bleiben;
026 Drum denke, wenn dein Witz so weit kann reichen,
027 Wie's sein mag, 027 zwischen Tod und Leben treib

028 Der Kaiser in den jammervollen Reichen
029 Nagt' auf mit halben Brüsten über diese
030 Eiswand; eh würd' ich einem Riesen gleichen,

031 Als seinen Armen gleichen kann ein Riese.
032 Nun denke, wie das Ganze unermeßlich,
033 Das solchem Theil entsprechend sich erwiese.

034 Wenn er so schön einst war, wie er jetzt häßlich,
035 Und gegen seinen Schöpfer hob die Brauen,
036 Muß er wohl Grund von allem sein, was gräßlich.

037 Welch großes Wunder schien mirs, als voll Grauen
038 Ich drei Gesichter sah dem Kopf entsprossen,
039 Das eine vorn und blutroth anzuschauen;

040 Von den zwei andern, die daran sich schlossen,
041 Auf jeder Schulter Mitten eines stand,
042 Die, wo der Kamm sitzt, in einander flossen.

043 Halb weiß, halb gelb war das zur rechten Hand,
044 Das linke gleich dem Volke, das dorther
045 Entstammt, wo niederstürzt der Nil ins Land.

046 Zwei Flügel ragen unter jedem, schwer
047 Und groß, wie sie geziemten solchem Thiere -
048 Nie sah ich solche Segel auf dem Meer -

049 Ganz federlos, der Fledermaus glich ihre
050 Natur; mit ihnen flatternd, ließ er wehen
051 Dreifachen Wind von sich im Eisreviere,

052 Das der Cocyt rings blieb gefroren stehen.
053 Sechs Augen weinten ihm und von drei Kinnen
054 Sah Thränen man und blutigen Geifer gehen.

055 Mit jedes Mundes Zähnen malmt' er innen
056 Je einen Sünder, einer Breche gleich:
057 So ließ er ihrer Drei Qual dulden drinnen.

058 Doch war das Beißen vorn nichts im Vergleich
059 Mit dem Zerkrallen, das von seinem Rücken
060 Die Haut ihm abriß oft mit einem Streich.

061 'Der droben, den die ärgsten Qualen drücken,
062 Judas Ischarioth ist es,' sprach mein Hort,
063 'Deß Kopf wir drin, die Beine drauß erblicken.

064 Von jenen Zwein, das Haupt nach unten dort,
065 Hängt Brutus aus dem schwarzen Rachen nieder.
066 Sieh nur! er windet sich und spricht kein Wort.

067 Der andr' ist Cassius, dem so stark die Glieder.
068 Jedoch die Nacht steigt auf; drum ists gerathen,
069 Da alles wir geschaut, wir gehen wieder.'

070 Den Hals umschlang ich ihm, wie er gerathen;
071 Er nahm des Ortes und der Zeit nun wahr:
072 Als eben weit die Flügel auf sich thaten,

073 Hing er sich fest, wo rauh die Flanke war.
074 So ward nun Zott' um Zott' herabgeklommen
075 Inmitten eisiger Rind' und dichtem Haar.

076 Und als wir an dem Schenkel angekommen,
077 Wo er sich in dem Hüftgelenke dreht,
078 Schwingt sich Virgil, von Müh' und Angst beklommen,

079 Daß, wo das Bein erst war, sein Haupt nun steht,
080 Und greift am Haar sich, wie wer aufsteigt, weiter,
081 Als ob, so schiens, zur Höll' es wieder geht.

082 'Umklammre fest mich! denn auf solcher Leiter
083 Muß man verlassen dieser Schmerzwelt Mitte,'
084 Sprach, wie ein Müder keuchend, mein Begleiter.

085 Durch einen Felsspalt lenkt' er dann die Schritte
086 Hinaus und hieß mich sitzen auf dem Rand,
087 Und trat nun neben mich mit sichrem Tritte.

088 Ich hob den Blick und dacht' im frühern Stand
089 Noch Lucifern zu sehn, wie ich verlassen
090 Ihn hatt', und sah sein Bein emporgewandt.

091 Und ob mich da Bestürzung mußt' erfassen,
092 Bedenkt' der Pöbel, dem versagt die Kunde,
093 Durch welchen Punkt ich mich hindurchgelassen.

094 'Steh auf,' so klang es aus des Meisters Munde;
095 'Lang ist der Weg, die Straße schlecht, schon bricht
096 Seit Morgen an die dritte halbe Stunde.'

097 Ein Schloßsaal war es, wo wir standen, nicht,
098 Nein! ein Verließ, wie es Natur mag bauen,
099 Ungleichen Bodens und von schlechtem Licht.

100 Eh ich verlasse dieses Abgrunds Grauen,
101 O Meister, sprach ich, als ich mich erhoben,
102 Laß eines Irrthums Lösung noch mich schauen.

103 Wo ist das Eis? Und wie steht Dis nach oben
104 Gekehrt? Wie lief in wenig Stunden doch
105 Von West nach Osten hin die Sonne droben?

106 Und er zu mir: 'Du glaubst, du stehest noch
107 Jenseit der Mitte, wo am Haar wir hingen
108 Dem Drachen, der ins Centrum bohrt' ein Loch.

109 Dort warst du nur bei meinem Abwärtsdringen;
110 Doch durch den Punkt, nach welchem alle Schwere
111 Hinstrebt, kamst du bei meinem Ummichschwingen,

112 Und weilst jetzt unter jener Hemisphäre
113 Genüber der, die weit von festem Land
114 Bedeckt, auf dessen Gipfel starb der Hehre,

115 Der sündlos lebt' und sündenlos entstand.
116 Es steht dein Fuß auf einem kleinen Kreise,
117 Den der Judecca Gegenseit' umspannt.

118 Hier tagts, wenn dort die Sonne schließt die Reise;
119 Und dessen Haar als Trepp' uns diente, steckt
120 An seinem frühern Ort nach alter Weise.

121 Diesseits fiel er vom Himmel, daß erschreckt
122 Das Land, das hier sich früher hat erhoben,
123 Sich mit des Meeres Fluthen hat bedeckt

124 Und kam auf unsre Hemisphäre droben
125 Und ließ die Stätte leer, vor ihm zu fliehn,
126 Die hier sich zeigt, und thürmte sich nach oben.'

127 Von Beelzebub so weit, als sich mag ziehn
128 Die Höllengruft, ist drunten da ein Ort -
129 Kein Auge, nur das Ohr erkennet ihn

130 An einem Bächlein, das hernieder dort
131 Durch einen Spalt, den sich sein Lauf gegraben,
132 Geschlängelt rinnt mit schwachem Falle fort.

133 Virgil und ich, zur lichten Welt begaben
134 Wir uns zurück auf dunklem Pfade weiter,
135 Und ohn' auf Ruhe ferner Acht zu haben,

136 Gings aufwärts, er als erster, ich als zweiter,
137 Bis ich durch einen runden Spalt von ferne
138 Gewahrt' ein Stück vom Himmel schön und heiter

139 Und ich beim Austritt wieder sah die Sterne.

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