Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 30
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 30

Unter anderen Fälschern erblickt Dante zwei Schatten, die wie rasend einherlaufen und um sich beißen. Der eine stürzt auf Capocchio los; es ist Giovanni Schicchi, ein Verfälscher der Gestalt. Der andere ist Myrrha. Dann sieht er einen Wassersüchtigen mit geschwollenem Bauche, den Münzverfälscher Adam von Brescia; endlich die Fälscher der Wahrheit in Worten, die im hitzigen Fieber liegen: Potiphars Weib und den Trojaner Sinon. Dante horcht auf eine Zänkerei zwischen Adam und Sinon und wird deswegen von Virgil getadelt.

001 Zur Zeit, wo Juno grimmen Zorn erhoben
002 Um Semele auf Thebens Königsblut,
003 Wovon sie mehr als einmal gab die Proben,

004 Ergriff den Athamas so Wahnsinnswuth:
005 Als er sein Weib sah mit zwei Söhnen nahen,
006 Mit denen beide Arme sie belud,

007 Rief er: 'Spannt aus das Netz und laßt mich fahen
008 Beim Paß die Löwenmutter sammt den Jungen.'
009 Mit grausen Klauen eilt' er zum umfahen

010 Den einen, den Learch, und hochgeschwungen
011 Zerschlug er ihn am Fels, und Jen' ertränkte
012 Sich mit dem andern, in die Fluth gesprungen.

013 Und als Fortuna, die der Hochmuth kränkte
014 Des großen Troja, König Priams Lande
015 Und Priam Sturz und Untergang verhängte,

016 Und als sein Weib, in trauriger Fesseln Bande,
017 Todt, sich zu Füßen, Polyxenen sah
018 Und ihren Polydor am Meeresstrande

019 Gefunden, ach! die arme Hekuba,
020 Weil ihr der Schmerz verstört' all ihre Sinnen,
021 Gleich einem Hunde rasend bellt' sie da.

022 Doch nie sah ich so furchtbar die Erinnen
023 Trojas und Thebens gegen wildes Thier,
024 Geschweige Menschen wüthigen Kampf beginnen,

025 Wie, um sich beißend, ich zwei Schatten hier
026 Sah nackt und bleich herlaufen, einem Schweine,
027 Das aus dem Koben 027 losbricht, ähnlich schi

028 Anlangend bei Capocchio, griff der Eine
029 Am Kopf ihn mit den Zähnen, daß er fort,
030 Den Bauch geschrammt, ihn schleppt' auf hartem Steine.

031 Der Aretiner, bebend, nahm das Wort:
032 'Giovanni Schicchi' ist der Poltergeist,
033 Der, Geister schädigend, wüthet fort und fort.'

034 So wahr vor seinem Zahn du sicher seist
035 Am Rücken, sprach ich, sei so gut, erzähle,
036 Eh er entschlüpft, mir wie der andre heißt.

037 Und er zu mir: 'Das ist die alte Seele
038 Der Myrrha, die von sündiger Lieb' entglommen,
039 Daß frevelnd sie dem Vater sich vermähle,

040 Und zu der Sünde Ziel mit ihm gekommen,
041 In fremde Form sich trugvoll umgestaltend,
042 Wie Der, der dort enteilt, es unternommen,

043 Letztwillig nach der Form des Rechtes schaltend,
044 Zu spielen des Buoso Donati Rolle,
045 Der Heerde schönste Stute so erhaltend.'

046 Und als an uns das Frevelpaar, das tolle,
047 Vorüber war, auf das mein Auge schaute,
048 Wandt' ichs, zu sehn auf andre Sündenvolle.

049 Da sah ich Einen, fast gleich einer Laute,
050 Denkt man den Theil gestutzt sich und zerstört,
051 Den die Natur uns gabelförmig baute.

052 Die Wassersucht, die oft das Gleichmaß stört
053 Duch falschen Umsatz in der Säfte Stoffen,
054 Daß, scheints, zum Wanst nicht das Gesicht gehört,

055 Hielt seine Lippen klaffend, wie sie offen,
056 Die ein' empor, gesenkt die andre, stehen
057 Verdurstend Dem, den Schwindsucht hat getroffen.

058 'O die ihr straflos - warum dies geschehen,
059 Ich weiß es nicht - weilt in der schlimmen Welt,'
060 Begann er jetzt, 'o wollet schaun und sehen

061 Hier Meister Adams Leid, der Gut und Geld
062 Vollauf imLeben hatte nach Begehren
063 Und ach! kein Tröpfchen Wasser jetzt erhält.

064 Die Bächlein, die den Lauf zum Arno kehren
065 Von Casentinos grünen Hügeln nieder
066 Und Feucht' und Kühlung ihrem Bett gewähren,

067 stehn mir, und nicht umsonst, vor Augen wieder,
068 Denn heißer fühl' ihr Bild ich an mir nagen
069 Als selbst das Leid, das zehrt Gesicht und Glieder.

070 Gerechtigkeit, die furchtbar weiß zu schlagen,
071 Nimmt Anlaß von dem Orte meiner Schulden,
072 Um meine Seufzer hastiger zu jagen.

073 Dort liegt Romena, wo ich manchen Gulden
074 Verfälschte mit des Täufers Bild, weswegen
075 Den Feuertod mein Leib mußt' oben dulden.

076 Trät' Alexanders Geist mir hier entgegen
077 Und Aghinolfs und Guidos Schurkenseelen,
078 Nicht Brandas Born nähm' ich als Tausch dagegen.

079 Schon ist die Eine drin, wenn wahr erzählen
080 Die Schatten, die hier rasend ringsum fahren;
081 Was hilft mirs, wenn die Glieder Fesseln quälen?

082 Wär' ich so leicht nur, daß in hundert Jahren
083 Ich vorwärts kommen könnt' um Zolles Weite,
084 So macht' ich längst mich auf, es zu erfahren,

085 Wo unter dem entstellten Volk er schreite,
086 Beträgt es auch im Umkreis gleich elf Meilen,
087 Und eine halbe mindestens an Breite.

088 Um sie muß ich in dieser Rotte weilen,
089 Die mich verführten, dem geschlagnen Gulden
090 Noch drei Karat Legirung zu ertheilen.'

091 Drauf ich: Was ist der armen Zwei Verschulden,
092 Die dampfend, gleich ins Naß getauchten Händen
093 Im Winter, dir zur Rechten Strafe dulden?

094 'Hier fand ich sie und sah sie nie sich wenden,'
095 Versetzt' er, 'seit ich hier im Spalte bin;
096 So bleibts auch, glaub' ich, bis die Zeiten enden.

097 Dies ist des Joseph falsche Klägerin,
098 Sinon von Troja Der, ein Mann voll Lug;
099 Des Fiebers heißer Qualm trübt Beider Sinn.'

100 Drauf ihrer Einer, der es schwer ertrug,
101 Daß man von ihm gesprochen so im Hohne,
102 Ihm auf den harten Wanst mit Fäusten schlug,

103 Daß er erdröhnte gleich der Trommel Tone;
104 Doch Meister Adam gab ihm ins Gesicht
105 Eins mit nicht minder hartem Arm zum Lohne,

106 Und sprach: 'Wenn auch Bewegung mir gebricht
107 In meinen Gliedern ihrer Schwere wegen,
108 Zu solchem Zweck fehlt mir der Arm doch nicht.'

109 Drauf Jener: 'Als dem Feuer du entgegen
110 Geschritten, war er minder hurtig dir;
111 Doch war ers freilich um so mehr beim Prägen.'

112 Der Wassersüchtige drauf: 'Wahr sprichst du hier
113 Doch nicht so wahr als man vor Trojas Walle
114 Nach Wahrheit fragte, scheint dein Zeugniß mir.'

115 'Fälscht' ich mit Worten, fälschest du Metalle,'
116 Rief Simon; 'wenn hier ein Fehl mich beschwert,
117 So dich viel mehr als diese Teufel alle.'

118 'Erinnre dich, Meineidiger, an das Pferd,'
119 Versetzte der mit dem geschwollnen Bauche;
120 'Dich strafe dies, daß es die Welt erfährt.'

121 'Dich,' sprach der Grieche drauf, 'die Eiterjauche,
122 Die dir vor Augen thürmt den Bauch empor,
123 Und daß dir Durst die Zung' in Qualen tauche.'

124 Der Münzer drauf: 'Aus deines Maules Thor
125 Kommt nur Verkehrtes, wenn dus aufgerissen;
126 Denn, leid' ich Durst und quillt mein Bauch mir vor,

127 Wirst du von Hitz' und Kopfschmerz ganz zerrissen,
128 Und lange braucht man dich wohl nicht zu bitten,
129 So lecktest du den Spiegel von Narcissen.'

130 Gespannt horcht' ich auf jene, wie sie stritten.
131 'Seht,' sprach mein Meister, 'doch, es fehlt nicht viel,
132 So hadert ich mit dir ob solcher Sitten.'

133 Als ich gewahrte, wie ihn Zorn befiel,
134 Wandt' ich beschämt ihm zu mein Angesicht,
135 Noch jetzt voll Scham, weil mir der Zank gefiel.

136 Und wie, wer Böses sieht im Traumgesicht,
137 Und wünscht im Traum, er träume, voll Verlangen
138 Nach dem, was wirklich ist, als wär' es nicht:

139 So ich; im Drang, Entschuldigung zu erlangen
140 Fand ich kein Wort, und doch mir unbewußt
141 War die Entschuldigung bereits ergangen.

142 'Schon größern Fehl als deinen hat gewußt
143 Zu tilgen kleinre Scham,' so sprach mein Leiter,
144 'Drum jedes Harms entlade deine Brust,

145 Und denke stets, nah bleibt dir dein Begleiter,
146 Führt dich der Zufall jemals wieder hin,
147 Wo mit einander zanken böse Streiter;

148 Denn solchem lauschen, zeugt von niedrem Sinn.'

<<< list operone >>>