Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 29
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 29

Dante hat im neunten Schlund einen Verwandten gesehen und trennt sich nur ungern von der Stätte. Aus der zehnten Schlucht dringen grässliche Wehklagen und ekle Düfte hervor. Hier sind die Falschmünzer und Alchimisten, die mit Grind und Aussatz bedeckt sind. Zwei, die sich gegenseitig aneinander stützen, kratzen sich mit den Nägeln den Schorf ab, der eine, ein Kretiner, berichtet von sich, dann der andere, der Florentiner Capocchio, der auf Anlass einer Äußerung Dantes über Sienas Bewohner deren leichfertiges Leben mit herber Ironie geißelt.

001 Von all dem Volk und den verschiednen Wunden
002 Fühlt' ich die Augen werden also trunken,
003 Daß sie nach Ruh' und Thränen sehnend stunden.

004 Da sprach Virgil: 'Was starrst du noch versunken?
005 Was sendest du die Blicke starr zuthal,
006 Wo die zersetzten Seelen sind versunken?

007 So thatest du bei keines Kreises Qual.
008 Willst du die Geister zählen all' im Schlunde?
009 Ei! zweiundzwanzig Meilen kreist dies Thal.

010 Schon unter unsern Füßen steht die runde
011 Mondscheibe, wenig Zeit noch bleibt uns über,
012 Und mehr zu schaun als du siehst hier im Grunde.'

013 Drauf ich: Wenn du den Grund bedacht, worüber
014 Ich hier versank in Niederschaun und Sinnen,
015 Dann triebst du mich so eilig nicht vorüber.

016 Wir gingen, er voraus, ich nach, von hinnen,
017 Und weiter ihm berichtend nun im Gehen,
018 Fügt' ich hinzu: In dieser Grube drinnen,

019 In die so scharf mein Aug' hineingesehen,
020 Beweint ein Schatten, blutsverwandt mit mir,
021 Die Schuld, die hier ihm theuer kommt zu stehen.

022 Drauf sprach der Meister: 'Daß die Seele dir
023 Von jetzt an nicht mehr stören mag sein Büßen,
024 Merk' auf das andre nun, und laß ihn hier.

025 Ich sah ihn, wie er von des Brückleins Füßen
026 Ernst drohend auf dich zeigte mit der Hand;
027 Geri von Bello hört' ich ihn begrüßen.

028 Doch deinen Geist hielt damals festgebannt
029 Der Herr von Altafort, bei dem er weilte,
030 Daß du nicht dorthin sahst, bis er entschwand.'

031 Das grausam Ende, Herr, das ihn ereilte,
032 Sein ungerochner Mord, reizt' ihn zum Groll
033 Auf jeden, der die Schande mit ihm theilte.

034 Und darum, glaub' ich, ließ er zornesvoll
035 Mich, ohn' ein Wort mit mir zu reden, stehen;
036 Drum weih' ich ihm noch mehr des Mitleids Zoll.

037 So sprachen wir bis zu dem Ort im Gehen,
038 Wo von der Klippe sich bei beßrem Licht
039 Das andre Thal bis unten ließe sehen.

040 Nun standen wir am letzten Kreuzgang dort
041 Von Uebelsäcke, daß all seine Scharen
042 Von Brüdern sehn konnt' unser Angesicht.

043 Da kam ein Weheruf emporgefahren,
044 Wie Pfeile bohrend durch des Mitleids Qual,
045 Daß ich die Hand vorhielt, das Ohr zu wahren.

046 Wie wenn man Valdichianos Hospital
047 Mit der Maremma und Sardiniens Seuchen
048 Beim Juli- bis Septembersonnenstrahl

049 Zusammen wollt' in eine Grube scheuchen,
050 So klang der Wehruf und so stank der Duft,
051 Als wenn er aufstieg' aus verwesten Bäuchen.

052 Wir stiegen von der Rippe nun zur Kluft,
053 Zum letzten Rande, stets gewandt zur Linken,
054 Und heller sah ich nun den Grund der Gruft,

055 Wohin Gerechtigkeit, unfehlbar, sinken
056 Verfälscher, die sie hier notierte, läßt,
057 Gehorchend ihres höchsten Herren Winken.

058 Betrübter war, von Krankheitsleid gepreßt,
059 Das Volk Aeginas wohl nicht anzusehen -
060 Als rings die Luft erfüllt so böse Pest,

061 Daß alle Thiere bis zum Wurm vergehen
062 Und sterben mußten, bis Ameisensamen
063 Das frühere Geschlecht ließ neu erstehen,

064 Wie wirs als wahr aus Dichtermund vernahmen -
065 Als man hie sah verschiedner Geister Haufen
066 Verschmachten in des finstern Thales Rahmen,

067 Den auf dem Bauch, Den auf dem Rücken laufen
068 Dem andern, Den auf traurigem Pfad, den Ort
069 Verändernd stets, auf allen Vieren kraufen.

070 Wir gingen Schritt vor Schritt hin ohn' ein Wort,
071 Schauend und horchend auf der Kranken Reihen;
072 Zu schwach zum Aufstehn saßen so sie dort.

073 Sich an einander stützend, sah ich zweien
074 Ins Aug' - wie Pfann' an Pfanne lehnt am Herde -
075 Mit Grind bedeckt vom Kopfe bis zum Reihen.

076 Nie wird so eifrig man den Knecht die Pferde,
077 Wenn sein Gebieter wartet, striegeln schauen,
078 Läg' er auch lieber schlafend auf der Erde,

079 Als unablässig sich mit scharfen Klauen
080 Die beiden kratzten, um des Juckens Plagen,
081 Das nicht mehr Rath weiß, zu entgehen durch Krauen.

082 Sie rissen sich den Schorf ab mit Behagen,
083 Wie mit dem Messer wir die Schuppen streifen
084 Von Barsch und Fischen, die noch größre tragen.

085 'Du, dem die Finger tief ins Fleisch oft greifen,'
086 Begann Virgil zu Einem nun von Jenen,
087 'Du, dem sie es gleich wie mit Zangen kneifen,

088 Sag' an, ist ein Lateiner unter Denen,
089 Die hier drin sind, so wahr zur Arbeit dir
090 Du Nägel ewiger Dauer magst ersehnen.'

091 'Lateiner sind wir, die zerschunden hier
092 Du siehst,' versetzt' er weinend, 'doch sprich weiter:
093 Wer bist denn du, der du gefragt nach mir?'

094 Drauf Jener: 'Dieses Lebenden Begleiter
095 Kam ich hierher und stieg zur Hölle nieder,
096 Sie ihm zu zeigen, Sproß um Sproß die Leiter.'

097 Da, von der Wechselstützung ihrer Glieder
098 Sich lösend, sahn mich beide bebend an,
099 Und Mancher, dem die Rede hallte wider.

100 Der Meister trat ganz dicht an mich heran
101 Und sprach: 'Jetzt magst du nach Belieben fragen.'
102 Und ich, gehorsam seinem Wunsch, begann:

103 Soll euer Angedenken in den Tagen
104 Der Menschheit nicht vergehn im Lauf der Zeit,
105 Nein! manche Sonnenwende durch noch ragen,

106 So sagt mir, wer und welches Volks ihr seid.
107 Und dies zu melden mehre eurem Munde
108 Nicht euer ekelhaft und grauses Leid.

109 'Arezzo zeugte mich,' gab einer Kunde;
110 'Albert von Siena wars, der mich zum Brande
111 Verdammt; doch hier bin ich aus anderm Grunde.

112 Wahr ists, ich sprach im Scherz, ich sei im Stande
113 Im Flug durch die Luft emporzusteigen;
114 Drauf er, reich an Begier, arm an Verstande,

115 Verlangt', ich solle diese Kunst ihm zeigen,
116 Und ließ, da ich ihn nicht zum Dädal machte,
117 Den Holzstoß durch den Bischof mich besteigen.

118 Mich hat zum letzten dieser zehen Schachte
119 Minos verdammt, der nimmer irren kann,
120 Weil ich mit Alchymie die Zeit verbracht.'

121 Gab es wohl je, sprach ich zum Dichter dann,
122 Leichtsinnig Volk wie diese Sienesen?
123 Selbst die Franzosen reichen nicht daran.

124 Als das vernahm das andre krätzige Wesen,
125 Fiel mirs ins Wort: 'Nur nimm den Stricca aus,
126 Der immer mäßig im Verthun gewesen.

127 Und Nicolo, der Näglein für den Schmaus
128 Zuerst im Garten cultiviren lehrte,
129 Wo solcher Same wächst zum üppigen Strauß.

130 Auch nimm das Kränzchen aus, in dem verzehrte
131 Weinberg und Forsten Caccia von Ascian,
132 Und Abbagliato seinen Witz bewährte.

133 Doch daß du weißt, von wem du Hülf' empfahn
134 Gegen Siena, laß dein Auge spähen:
135 Die Antwort gibt mein Angesicht dir an.

136 Du siehst Capocchios Schatten vor dir stehen.
137 Metalle fälschen, das war mein Geschäft.
138 Gedenken mußt du, falls ich recht kann sehen,

139 Wie trefflich die Natur ich nachgeäfft.'

<<< list operone >>>