Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 25
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 25

Die Dichter erblicken den Zentauren Cacus, der den Vanno Fucci wütend sucht. Dann gewahren sie drei Schatten, die einen vierten, Cianfa, der in eine sechsfüßige Schlange verwandelt worden, vermissen. Die Schlange stürzt sich auf Agnello Brunelleschi und verbindet sich mit ihm zu einem seltsamen Ungetüm. Buoso Donati tauscht mit dem in eine Schlange verwandelten Guercio Cavalcanti die Gestalt. Nur der dritte Schatten, Puccio Sciannato, bleibt unverwandelt.

001 Beim Schluß der Worte hob die Hand im Spott
002 Mit durchgestecktem Daum empor der Dieb
003 Und rife: 'Da! nimm das hin, dir gilt es, Gott!'

004 Seit jener Zeit hab' ich die Schlangen lieb,
005 Denn eine sah ich ihm den Hals umwinden,
006 Als spräche sie: Kein Wort mehr von dir gib!

007 Die Arm' eilt' eine zweite ihm zu binden
008 Und knotete sich vorn so fest zusammen,
009 Daß selbst zum Ruck nicht Raum er konnte finden.

010 Pistoja! warum säumest du in Flammen
011 Dich zu verzehren, endend deine Dauer,
012 Weil du noch schlimmer als Die von dir stammen!

013 Nie sah ich in der Höllenkreise Schauer
014 Sich einen Geist so gegen Gott erfrechen,
015 Selbst den nicht, der einst fiel von Thebens Mauer.

016 Er floh von dannen, ohn' ein Wort zu sprechen.
017 Einen Centauren sah ich nahn geschwind,
018 Der wüthend rief: 'Wo find' ich, wo, den Frechen?'

019 Nicht glaub' ich, daß so viele Schlangen sind
020 In der Maremma, als am Kreuz ihm hingen
021 Bis wo die menschliche Gestalt beginnt.

022 Ein Drache lag mit ausgespannten Schwingen
023 Ihm auf dem Rücken am Genick, der Gluth
024 Ausspie auf alle, die des Weges gingen.

025 Mein Meister sprach: 'Sieh Cacus, der voll Wuth
026 Oft unterm Fels des Aventin die Erde
027 Getränkt mit einem ganzen See von Blut.

028 Er geht, vom Troß der andern Halbmenschpferde
029 Getrennt, weil er gestreckt die Diebeshand
030 Trugvoll nach der ihm nahnden großen Heerde;

031 Worauf sein tückisch Thun ein Ende fand
032 Durch Herculs Keule, die mit hundert Streichen
033 Ihn schlug, von denen er nicht zehn empfand.'

034 Er sprachs, und Jenen sahn wir rasch entweichen,
035 Als unter uns die Schatten nahn von Dreien,
036 Die ich nicht sah noch auch Virgil desgleichen,

037 Bis wir sie 'Wer seid ihr denn?' hörten schreien,
038 So daß es unsre Rede stockend bannte,
039 Um einzig ihnen Achtsamkeit zu weihen.

040 Und es geschah, obgleich ich sie nicht kannte -
041 Wie es der Zufall oftmals bringt dahin -
042 Daß einer just des andern Namen nannte,

043 Indem er sprach: 'Wo kam nur Cianfa hin?'
044 Drob ich, damit mein Führer achtsam weile,
045 Den Finger hob zur Nas' empor vom Kinn.

046 Hast, Leser, du zu glauben keine Eile
047 Was ich jetzt sage, Wunder wär' es nicht,
048 Da ich, ders sah, ihm Glauben kaum ertheile.

049 Noch Jenen zugewandt war mein Gesicht,
050 Als mit sechs Füßen eine von den Schlangen
051 Den Einen vorn anfällt und ihn umflicht.

052 Das Mittelpaar hielt seinen Bauch umfangen;
053 Das vordre nach den Armen hin gestreckt,
054 Haut sie die Zähn' ihm ein in beide Wangen;

055 Indeß das hintre Paar die Schenkel deckt,
056 Schlug sie den Schwwanz durch zwischen seinen Beinen,
057 Ihn hinten an den Lenden aufgereckt.

058 Nicht kann der Epheu sich so dicht vereinen
059 Mit einem Baum, wie dieses grause Vieh
060 Um eines Andern Glieder schlang die seinen.

061 Als sei'n sie warmes Wachs, verschmolzen sie
062 In eins, so daß die Farbe sich vermenget,
063 Und keins schien was es war, nicht Der noch Die,

064 Wie vor dem Brande, der Papier versenget,
065 Zieht eine braune Farbe beim Verbrennen,
066 Die noch nicht schwarz, ist auch das Weiß verdränget.

067 'Agnello! weh! du bist nicht mehr zu kennen!'
068 Schrien die zwei andern, die es sahn mit Bangen;
069 'Nicht Einen kann man mehr, nicht Zwei dich nennen.'

070 Ein Haupt hatt' er statt zweier schon empfangen,
071 Als zwei Gestalten nun vermengt entstehen
072 In einem Antlitz, worin zwei zergangen.

073 Zwei Arm' hervor aus den vier Streifen gehen,
074 Es wurden Rumpf und Schenkel, Bauch und Bein
075 Zu Gliedern, wie man nie zuvor gesehen.

076 Die frühre Form schien ganz verlöscht zu sein:
077 Zwei schien und keins von beiden, so verkehrt,
078 Das Bild, das langsam seinen Weg schlug ein.

079 Wie, von der Hundstagshitze Gluth verzehrt,
080 Die Eidechs, wenn sie Dorn vertauscht mit Dorne,
081 Des Wandrers Pfad schnell wie ein Blitz durchfährt:

082 So fuhr ein Schlänglein jetzt in wildem Zorne
083 Den beiden andern nach dem Bauche hin,
084 Schwärzlich und braun gleich einem Pfefferkorne.

085 Und durch den Theil, der bei des Seins Beginn
086 Uns Nahrung zuführt, stach es drauf den Einen,
087 Dann fiel es ausgestreckt vor ihm dahin.

088 Anstarrt' es der Gestochne, doch ließ keinen
089 Laut los; wie schlafend oder fiebernd, gähnen
090 Nur sahn wir ihn mit festgeschloßnen Beinen.

091 Er sah das Schlänglein an, das Schlänglein Jenen;
092 Es dampfte durch den Mund, er durch die Wunde,
093 Man sah gekreuzt die Dämpf' empor sich dehnen.

094 Lucan verstumme hier mit seiner Kunde
095 Vom Elend des Sabellus und Nasid
096 Und lausche still dem Wort aus meinem Munde.

097 Von Arethus' und Cadmus schweig' Ovid;
098 Denn nicht beneid' ichs, wenn auch umgedichtet
099 Zur Quelle Die, zur Schlange Den sein Lied.

100 Nie zwei Naturen, Stirn gen Stirn gerichtet,
101 Vertauscht' er so, daß eines Stoffes Sein
102 Mit andrem wechselt, nachdem er vernichtet.

103 Ein solch Entsprechen sah man an den Zwein,
104 Daß, wie den Schwanz die Schlange gabelnd spaltet,
105 Zusammenzog der Andre Bein und Bein.

106 Es schmolzen Bein und Schenkel so gestaltet
107 Zusammen, daß in kurzem keine Spur
108 Zu sehen war, wo die Verbindung waltet.

109 Der so gespaltne Schwanz nahm die Figur,
110 Die dort verschwand; die Haut schien sich zu weichen
111 Hier, während dort Verhärtung sie erfuhr.

112 Die Arme sah ich in die Schultern weichen,
113 Des Unthiers kurze Beine grad so lang,
114 Als jene kürzer, weiter vorwärts reichen.

115 Das Paar der Hinterbeine drauf verschlang
116 Sich zu dem Gliede, das der Mann verstecket,
117 Indeß ein Paar ihm aus dem seinen sprang.

118 Und während Rauch mit neuer Farbe decket
119 Die Beiden, und an einem Theile wieder
120 Das Haar, das er am andern wegnimmt, wecket,

121 Stand jener auf, und dieser fiel hernieder,
122 Doch nicht abwendend ihren Blick voll Tücke,
123 Durch den ein jeder wandelt seine Glieder.

124 Dem Stehnden wich das Fleisch zum Schlaf zurücke;
125 Dann traten, weil des Stoffes dort zu viel,
126 Die Ohren vor aus glattem Wangenstücke.

127 Der Rest, der vorn blieb und zurück nicht fiel,
128 'Mußt' in dem Antlitz sich zur Nase strecken
129 Und Lippen bilden ganz nach Maß und Ziel.

130 Der Liegende muß jetzt die Schnauze recken,
131 Einziehend durch das Haupt die beiden Ohren,
132 Gleich wie mit ihren Hörnern thun die Schnecken.

133 Die Zunge, ganz, zum Redefluß geboren,
134 Zertheilet sich, es schließt sich die getheilte
135 Des andern, drauf die Dämpfe sich verloren.

136 Die Seele, die zum Thier geworden, eilte
137 Lautzischend durch das Thal, ihr spukte nach
138 Der andre, der sie scheltend dort verweilte.

139 Den neuen Rücken zu ihr wendend, sprach
140 Zum andern er: 'Auf allen Vieren gehen
141 Soll Buoso, so wie ich bisher, hiernach.'

142 So sah ich Tausch und Wandelung geschehen
143 Im siebten Sack; die Neuheit dieser Stücke
144 Entschuldige mich, ließ ich mich etwas gehen.

145 Und ob Verwirrung auch mein Auge drücke,
146 Und war mein Geist gleich etwas abgespannt,
147 Wie schnell auch alles sich dem Blick entrücke,

148 Hatt' ich Puccio Sciancato doch erkannt,
149 Den einzigen der Drei, die hier vereinet,
150 Der unverwandelt sich hinweg gewandt;

151 Der Andre wars, um den Gaville weinet.

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