Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 24
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 24

Siebente Schlucht des achten Kreises. Die Dichter erreichen sie mit Mühe anklimmend. Hier werden die Diebe und Räuber von Schlangen gestochen. Einer, so gestochen, geht in Flammen auf, erneuert sich aber sofort. Es ist Vanno Fucci aus Pistoja, der Dante die künftige Niederlage der Partei der Weißen verkündigt.

001 Zu jener Zeit im jugendlichen Jahre,
002 Wo bald die Nacht des Tages Hälfte gleicht,
003 Und Sol im Wassermann erfrischt die Haare,

004 Wenn auf der Erde weißer Reif sich zeigt,
005 Des weißen Bruders Abbild darzustellen,
006 Obwohl sein Federzug gar bald entweicht:

007 Dann steht der Landmann auf, dem in den Ställen
008 Das Futter fehlt, blickt um und schlägt verzagt
009 Die Hüften bei der Fluren Weiß, dem hellen;

010 Worauf er heimgeht, hier und dorten klagt,
011 Ein armer Schlucker, rathlos was nun werde,
012 Rückkehrend aber neu zu hoffen wagt;

013 Denn er gewahrt in kurzer Zeit der Erde
014 Gestalt verwandelt, und ergreift den Stecken
015 Und auf die Weide treibt er seine Heerde.

016 So mußt' ich vor dem Meister wohl erschrecken,
017 Als so getrübt ich seine Stirne sah;
018 Doch sollt' ein Pflaster bald die Wunde decken.

019 Denn als er der zerstörten Brücke nah,
020 Ein milder Blick, wie er mich jüngst empfangen
021 Am Fuß des Berges, traf von ihm mich da.

022 Nachdem er rasch mit sich zu Rath gegangen
023 Und wohl betrachtet erst den Trümmerhauf,
024 That er die Arme auf, mich zu umfangen.

025 Wie Der, der in der Arbeit vollem Lauf
026 Vorsorglich doch die Zukunft überschlagen,
027 Zog er von Fels zu Felsen mich hinauf,

028 Und wies mir schon die nächsten Trümmerlagen
029 Und sprach: 'Nun halte dich an jenem Block;
030 Doch erst erprob' ob er dich auch kann tragen.'

031 Das war kein Weg für Volk im Kuttenrock;
032 Denn wir sogar, er leicht und ich geschoben,
033 Erklommen kaum den Felsentrümmerstock.

034 Wenn sich nicht minder steil die Wand erhoben
035 Auf dieser Seite denn am andern Runde,
036 Kam, wenn nicht er, ich sicher nicht nach oben.

037 Allein weil Teufelssäcke nach dem Munde
038 Des tiefsten Schachtes ganz hinab sich neigt,
039 So wirkt die Lage von jedwedem Schlunde,

040 Daß sich ein Ufer senkt, das andre steigt.
041 So hatten wir die Höhe nun erklommen,
042 Von wo die letzte Trümmer los sich zweigt.

043 Der Lunge war der Athem ganz benommen;
044 Drum, oben angelangt, konnt' ich nicht weiter
045 Und setzen mußt' ich mich, kaum angekommen.

046 'Abschütteln mußt du', sagte mein Begleiter,
047 'Jetzt alle Trägheit; denn in weichem Flaum
048 Und unterm Bett wird man kein Ruhmesstreiter.

049 Wer ohne Ruhm durchmißt des Lebens Raum,
050 Der hinterläßt nur solche Spur auf Erden,
051 Wie Rauch in Lüften und im Meer der Schaum.

052 Drum auf! der Geist muß Herr der Mattheit werden,
053 Der stets im Kampfe siegen wird, wenn er
054 Kühn überwindeet leibliche Beschwerden.

055 Erklimmen mußt du noch der Stufen mehr;
056 Von diesen scheiden kann uns nicht genügen.
057 Verstehst du mich, so gib mir die Bewähr.'

058 Da stand ich auf, als wenn in stärkern Zügen
059 Mein Athem ginge als ichs fühlt', und sprach:
060 Ich bin voll Muth und Kraft, du darfst verfügen.

061 Wir stiegen nun dem Felspfad immer nach,
062 Der mühsam, eng, rauh, holprig zu begehen;
063 Dagegen ging der frühre noch gemach.

064 Ich sprach, damit ich schwach nicht schien', im Gehen,
065 Als eine Stimm' entstieg dem nächsten Schlund,
066 Die Worte formlos, schwierig zu vestehen.

067 Nicht weiß ich was sie sprach, obschon ich stund
068 Schon auf des Bogens Rücken, der hinüber
069 Hier führt; doch zornig schien des Redners Mund.

070 Mein leiblich Auge, beugt' ich auch mich drüber,
071 Konnt' in dem Dunkel nichts am Grund erspähen.
072 Herr, sprach ich, schnell zum andern Kreis vorüber,

073 Und laß die Felsenmaur uns abwärts gehen;
074 Denn wie ich hör' und nichts verstehe hier,
075 So schau ich nieder und kann doch nichts sehen.

076 'Nicht andre Antwort,' sprach er, 'geb ich dir
077 Als daß ichs thu, denn ehrenwerther Bitte
078 Stumm zu willfahren, scheint geziemend mir.'

079 Vom Kopf der Brücke lenkten wir die Schritte,
080 Hin wo sie auf dem achten Ufer ruht,
081 Und jetzt erschloß sich mir des Sackes Mitte.

082 Drin sah ich eine scheußlich wirre Brut
083 Von Schlangen, wunderseltsam mannichfachen;
084 Gedenk' ich dran, so starrt mir noch das Blut.

085 Nicht darf sich Libyens Sand mehr üppig machen,
086 Wieviel auch Ottern drin und Vipern hausen,
087 Und Ringler, Brillenschlagen, Wasserdrachen;

088 Zeugt' es doch nie solch eine Fülle grausen
089 Gewürms sammt Aethiopien und den Küsten,
090 Um die des rothen Meeres Fluthen brausen.

091 Und nacktes zitternd Volk lief in dem wüsten
092 Graunvollen Schwarm, ohn' Hoffnung zu erkunden,
093 Wo Heliotrop sie oder Schlupfloch wüßten,

094 Mit Schlangen hinten ihre Händ' umwunden,
095 Die durch ihr Kreuz mit Kopf und Schweife drangen
096 Und waren vorn zu einem Knopf verbunden.

097 Und dicht bei uns stürzt' eine von den Schlangen
098 Auf Einen los und stach ihn an der Stelle,
099 Wo Hals und Schultern grad zusammenhangen.

100 Kein O noch I schreibt man mit solcher Schnelle,
101 Als er entzündet sich in Flammen lichtet
102 Und flugs hinfallend, Asche wird zur Stelle.

103 Und kaum lag er am Boden so vernichtet,
104 Als sich die Asche neu zusammenthat
105 Und sich empor der frühre Körper richtet.

106 So schließt der Phönix seinen Lebenspfad,
107 Wie Weise melden, neu sich zu erheben,
108 Wenn das fünfhundertste Jahre naht.

109 Nicht nährt er sich von Korn und Kraut im Leben,
110 Von Weihrauchsthränen nur und Ingwers Saft,
111 Und stirbt, von Myrrhen und von Nard' umgeben.

112 Wie wer dahinsank, seis daß Dämonskraft
113 Ihn niederwarf, seis Stockung in dem Blute,
114 Die das Bewußtsein Menschen oft entrafft,

115 Wenn er dann wieder aufsteht, wirr im Muthe
116 Umherschaut, seufzend hebt den Blick nach oben,
117 Bedrückt noch von der Angst, die auf ihm ruhte:

118 So auch der Sünder, als er sich erhoben.
119 Wie bist du streng, die solcher Schläge Schwere
120 Du rächend schickst, Gerechtigkeit von droben!

121 Da ihn mein Führer fragte wer er wäre,
122 Erwidert er: 'Aus Tuscien jüngst bin ich
123 Herabgeschneit zu diesem Schreckensmeere.

124 Nicht Mensch, nein Vieh zu sein beglückte mich,
125 Mich, Vanno Fucci; Maulthier, das ich war,
126 Mir ziemt' als würdiger Stall Pistoja sich.'

127 Drauf ich: Verbiet ihm, daß er uns entfahr',
128 Und frag' ob welcher Schuld er hergekommen;
129 Als zornigen Blutmensch kannt' ich ihn fürwahr.

130 Und nicht entzog der Sünder, ders vernommen,
131 Sich dem, nein! er begann, nach mir mit beiden
132 Augen gewandt, von wilder Scham entglommen:

133 'Daß du mich trafst in dieses Elends Leiden,
134 In dem du mich hier schaust, das schmerzt mich mehr
135 Als daß ich von der Welt dort mußte scheiden.

136 Verweigern kann ich nicht was dein Begehr.
137 Weil heilig Sacristeigeräth ich fort
138 Genommen, drum verstieß man mich hierher.

140 Ein Andrer ward verklagt mit falschem Wort.
141 Doch, daß dich nicht der Anblick mög' erfreuen,
142 Falls du entrinnst je diesem finstern Ort,

143 Erschließ dein Ohr jetzt meiner Mähr, der neuen:
144 Die Schwarzen werden aus Pistoja schwinden,
145 Dann Volk und Wesen wird Florenz erneuen.

146 Mars wird aus Magras Thal den Dunst entbinden,
147 Der, von der Wetterwolke Nacht getragen,
148 Die Schlacht mit schneidend ungestümen Winden

149 Wird auf dem Felde von Piceno schlagen;
150 Da spaltet Jener rasch der Nebel Schwärze,
151 Daß alle Weißen Wunden davon tragen.

152 Und dieses sagt' ich, damit es dich schmerze.'

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