Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 21
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 21

Fünfte Schlucht des achten Kreises: die Bestechlichen. Sie stecken in einem Pechsee, in welchen die Teufel jeden auftauchenden mit Haken untertauchen. Auf Virgils Rat verbirgt sich Dante hinter einem Felsblocke, während er selbst auf die Teufel zugeht und sie durch den Hinweis auf seine göttliche Sendung zur Ruhe bringt. Jetzt wird Dante hervorgerufen und folgt, wenn auch bangend, dem Führer. Der mit ihnen verhandelnde Teufel teilt ihnen mit, die Brücke zum nächsten Damm sei eingestürzt, sie müssten daher in die Tiefe der fünften Schlucht hinabsteigen, um zu einem anderen Felsen zu gelangen. Zehn Teufel unter Führung eines elften werden als Geleit mitgegeben. Den darüber entsetzten Dante sucht Virgil zu beruhigen. Der Zug setzt sich in Bewegung.

001 So gingen wir zur nächsten Brücke fort,
002 Viel, was mein Lied des Singens unwerth achtet,
003 Besprechend, bis wir auf dem Gipfel dort

004 Rast hielten, denn genau ward da betrachtet
005 Der nächste Spalt und all die eitlen Zähren,
006 Und wunderbarlich schien er mir umnachtet.

007 Wie Winters in dem Arsenal verkehren
008 Venedigs Bürger, zähes Pech zu kochen,
009 Mit dem sie leckgewordne Schiffe theeren,

010 Die nicht in See mehr können sturmgebrochen -
011 Der baut ein neues Fahrzeug, der verkeilt
012 Die Rippen dem, das oft in See gestochen,

013 Indeß Der vorn am Schiff, Der hinten feilt,
014 Der Ruder schnitzt, Der dreht des Taues Ende,
015 Wenn jener Bugspriet oder Besan heilt -:

016 So kocht dort unten - durch der Allmacht Hände,
017 Nicht Feuersmacht - von Pech ein dicker Brei,
018 Der ringsumher beklebt des Ufers Wände.

019 Ich sah es, aber nicht was in ihm sei,
020 Nur Blasen, die empor die Gährung sandte,
021 Wie's steigt und sinkt und sich verdickt dabei.

022 Da ich so stier den Blick nach unten wandte,
023 Rief mir mein Führer zu: 'Auf, aufgeblickt!'
024 Und zog mich zu sich zu der Felsenkante.

025 Weg sah ich, wie wer spähnde Blicke schickt
026 Nach Etwas, das zu fliehn ihm würde frommen,
027 Und plötzlich nun in jäher Furcht erschrickt,

028 Und trotz des Schauens nicht säumt fortzukommen,
029 Denn einen schwarzen Teufel nahm ich wahr,
030 Der hinter mir die Klippe rasch erklommen.

031 Weh! wie mir fürchterlich sein Anblick war!
032 Wie schien sein Wesen widrig und verhaßt,
033 Die Füße rasch, weit auf das Schwingenpaar!

034 Auf hoher schwarzer Schulter saß als Last
035 Mit beiden Hüften ihm ein Missethäter,
036 Deß Fersensehnen hielt er fest gefaßt.

037 'Seht, da ist einer der Sanct-Zita-Väter!
038 Ihr Grausetatzen unsrer Brücke, da,
039 Taucht ihn hinab! Ich geh' um andre Städter

040 Daher zu holen, viel sind ihrer ja,
041 Bis auf Bontur sind alle dort zu kaufen,
042 Um bares Geld macht man dort Nein aus Ja.'

043 Er warf hinab ihn, um zurückzulaufen
044 Am Riff; so hastig sieht man nicht den Hund,
045 Der Ketten ledig, hinterm Diebe schnaufen.

046 Der sank, verkehrt dann taucht' er auf vom Grund;
047 Doch unterm Brücklein dort die Teufelsbrut,
048 'Hier frommt kein Heiligenbild dir!' schrie ihr Mund.

049 'Hier schwimmt man nicht wie in des Serchio Fluth;
050 Drum, soll dich nicht die scharfe Zinke packen,
051 So tauche nicht mehr aus des Peches Gluth.'

052 Ihn fassend dann mit mehr denn hundert Zacken,
053 Schrien sie ihm zu: 'Du mußt verdeckt hier hüpfen,
054 Um heimlich, wenn du kannst, was zu erzwacken.'

055 So läßt der Koch das Fleisch zu Boden stüpfen
056 Durch seine Jungen in des Kessels Bauche
057 Mit Gabeln, wenn es aufwärts sucht zu schlüpfen.

058 'Daß sie dein Hiersein nicht bemerken, tauche
059 Du unter hinter einer Felsenbank,'
060 Sprach drauf der Meister: 'die als Schutz gebrauche.

061 Ich kenn' hier alles, macht dich Sorge krank,
062 Daß mir ein Leid geschehe, laß sie schweigen,
063 Denn einmal schon war ich bei solchem Zank.'

064 Den Brückenkopf sah ich ihn übersteigen,
065 Und als er hingelangt zum sechsten Strand,
066 Da galt es eine muthige Stirn zu zeigen.

067 Denn gleich wie Hunde kommen los gerannt
068 Und grimm und wüthend auf den Armen fahren,
069 Der alsbald bettelt, wenn er stille stand:

070 So stürzten Die, die unterm Brücklein waren,
071 Hervor, auf ihn gewendet all die Hacken;
072 Doch er: 'Vermeßt euchs nicht, ihr Teufelsscharen.

073 Bevor mich eurer Gabeln Spitzen packen,
074 Tret' einer her und leihe mir sein Ohr,
075 Und dann denkt weiter, ob ihr mich sollt zwacken.'

076 'Geh du, Schlimmwedel!' schrie der ganze Chor.
077 Der trat heraus, die andern blieben stehen.
078 Er sprach zum Meister: 'Sprich, was hast du vor?'

079 'Schlimmwedel, blaubst du, daß du hier mich sehen
080 Je würdest,' sprach der meister, 'könnt' ich allen
081 Eueren Waffen dreist auch widerstehen,

082 Hätt' es nicht Gottes Gnad' und Gunst gefallen?
083 Drum laß mich ziehn, der Himmel hat gesprochen:
084 Ich soll den rauhen Pfad mit Einem wallen.'

085 Da war der Stolz ihm dergestalt gebrochen,
086 Daß ihm zu Füßen glitt die Gabel nieder;
087 Er rief den Andern: 'Laßt es ungerochen!'

088 Da rief mein Führer mir: 'Du, der die Glieder
089 Versteckt hält in der Brücke Felsenspalten,
090 Jetzt ohne Bangen kehre zu mir wieder.'

091 Ich regte mich und eilt' unaufgehalten
092 Ihm zu; doch als die Teufel vorwärts drangen,
093 Bangt' ich, sie möchten den Vertrag nicht halten.

094 So sah ich einst das Lanzenfußvolk bangen,
095 Das nach Vertrag verließ Capronas Feste,
096 Als es vom Feinde rings sich sah umfangen.

097 Drob ich mich mit dem ganzen Leibe preßte
098 An meinen Führer, und sah ängstlich nach
099 All ihrem Thun, und das schien nicht das beste.

100 Die Haken senkten sie und Einer sprach:
101 'Soll ich die Stärke seiner Krupp' erproben?'
102 Die Andern drauf: 'Ja, gib ihm eins aufs Dach!'

103 Doch, der die Zwiesprach mit Virgil erhoben,
104 Der Dämon wandte sich nach ihm zurücke
105 Und sagte: 'Zauseteufel, laß dein Toben!'

106 Und dann zu uns: 'Auf diesem Felsenstücke
107 Kann man nicht weiter, denn zu Grund gegangen
108 Liegt längst geborsten schon die sechste Brücke.

109 Doch wenn ihr vorzudringen hegt Verlangen,
110 So dürft ihr auf dem Fels dann fort nur fahren,
111 Wo bald ein andres Riff euch wird empfangen.

112 Zwölf Stunden fehlen noch daran, da waren
113 Zertrümmert worden dieses Weges Steine
114 Grad vor zwölfhundert sechsundsechzig Jahren.

115 Ich will, um nachzusehn, ob nicht der eine
116 Und andre auftaucht, einige dorthin schicken;
117 Folgt ihnen, furchtlos daß man bös' es meine.

118 Kommt vorwärts, Flügeling und Fröstelrücken,'
119 Begann er jetzt, 'und du auch, Reckdiebraue;
120 Dich, Schmuzbart, will zum Führer ich beschicken

121 Der Schar der Zehn. Komm, Rothmohr, Drachenklaue,
122 Hundskralle, Schweinsborst mit den Hauern gut,
123 Sausfleder und Karfunkelbold der Schlaue.

124 Durchspäht ringsum den heißen Klebesud,
125 Laßt sicher Die zum andern Riff gelangen,
126 Das unversehrt noch ob dem Schlunde ruht.'

127 Weh, Herr! was muß ich sehn? rief ich voll Bangen.
128 Laß ohn' Geleit uns gehen! Kennst nur du
129 Den Weg, nach ihnen hab' ich kein Verlangen,

130 Wahrst du wie sonst dir Umsicht nur und Ruh.
131 O sieh doch wie sie ihre Zähne blecken,
132 Und drohend winken uns die Brauen zu.

133 Da sprach mein Führer: 'Du darfst nicht erschrecken.
134 Laß sie nur fletschen immerhin nach Wahl,
135 Das gilt nur denen, die im Sude stecken.'

136 Links schwenkten sie zum Damm, doch als Signal,
137 Noch seine Zähne darauf setzend, wies
138 Die Zunge jeder erst dem General,

139 Der auf dem Hintern als Trompete blies.

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