Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 19
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 19

Dritte Schlucht des achten Kreises: die Simonisten. Sie sind in Löchern am Boden und an der Seite mit den Köpfen eingerammt, während ihre Füße herausragen und im Brande zucken. Virgil trägt Dante hinab. Hier trifft Dante den Papst Nicolaus III., der ihn für seinen ihn ablösenden Nachfolger Bonifaz VIII. hält. Heftiger Ausfall des Dichters gegen sie Simonie, wofür er Virgils Beifall empfängt. Von Virgil getragen, kommt Dante auf die die vierte und fünfte Schlucht verbindende Felsrippe.

001 O Simon Magus, und du feine Rotte,
002 Die schnöd das Gute, das allein vermählt
003 Der Tugend sein soll, denn es stammt von Gotte,

004 Für Gold und Silber preisgibt geizbeseelt,
005 Von euch jetzt gebe die Posaune Kunde,
006 Weil euch der dritte Sack als Sünder quält.

007 Schon hatten wir am nächsten Grabenschlunde
008 Uns auf den Theil der Klipp' emporgerafft,
009 Der senkrecht schwebt grad ob des Grabens Grunde.

010 O höchste Weisheit, wie sie kunstvoll schafft
011 In Erd' und Höll' und in des Himmels Weite,
012 Und wie gerecht vertheilt sie ihre Kraft!

013 Ich sah am Grunde wie an jeder Seite
014 Bedeckt mit Löchern rings die graue Wand,
015 Kreisförmig insgesammt und gleicher Breite,

016 Die enger nicht noch weiter ich erfand
017 Als die in meinem schönen Sanct Johann,
018 Darin die Täufer haben ihren Stand,

019 Von denen - weniger Jahre Zeit verrann
020 Seitdem - ich lebensrettend eins zerschlagen;
021 Dies Zeugniß mög' aufklären Jedermann.

022 Die Füße jedes Sünders sah man ragen
023 Aus seinem Loch bis an der Wade Rand,
024 Indeß die andern Theile drinnen lagen.

025 Der beiden Sohlen jede glüht im Brand,
026 Weshalb so zuckend sich die Knöchel drehen,
027 Daß sie zerrissen hätten Strick 027 und Ba

028 Wie wir bei ölgetränkten Sachen sehen
029 Das Flackern laufen an der Oberfläche,
030 So liefs hier von den Fersen nach den Zehen.

031 Mein Meister, sprach ich, wer ist dort der Freche,
032 Der rasend tobt vor allen, die hier klagen?
033 Es scheint daß heißer ihn der Gluthbrand steche.

034 Und er zu mir: 'Soll ich hinab dich tragen
035 Dort wo das Ufer sich am tiefsten neigt,
036 Wird er von sich und seiner Schuld dir sagen.'

037 Lieb ist mir, sprach ich, was dir lieb sich zeigt.
038 Du bist mein Herr und weißt, mit deinem gehe
039 Mein Will', und kennst auch was mein Mund verschweigt.

040 Drauf kamen wir zum vierten Damm und jähe
041 Hinab stieg links gewendet unser Pfad
042 Zum löcherreichen engen Grund voll Wehe.

043 Mein Meister litt nicht, daß ich eher trat
044 Von seiner Hüfte, bis ich mich dem Spalt,
045 Wo jener mit den Füßen zuckt, genaht.

046 Wer du auch seist, unselige Gestalt,
047 Die häuptlings eingerammt gleich einem Pfahl,
048 Vermagst dus, sprach ich, o so red' alsbald.

049 Da stand ich wie der Mönch, den noch einmal
050 Der Mörder nach der Beichte, schon versenkt,
051 Rückruft als Aufschub seiner Todesqual.

052 'Kommst du schon jetzt, kommst du schon jetzt,' empfängt
053 Mich jener, 'Bonifaz, an diese Statt?
054 Um ein paar Jahre hat mich die Schrift gekränkt.

055 Wie wurdest du so schnell des Goldes satt,
056 Um das dein Geiz die schöne Frau, in Banden
057 Der List geschlagen, frech geschändet hat!'

058 Da war ich Jenem gleich, der nicht verstanden
059 Was man erwidert, und was drauf zu sagen
060 Unfähig dasteht, fast mit Schimpf und Schanden.

061 Drauf sprach Virgil: 'Jetzt sag' ihm ohne Zagen:
062 Nicht bin, nicht bin ich, den du meinst, der Mann.'
063 Und ich versetzte wie mir aufgetragen.

064 Da hob der Geist wehklagend, seufzend an,
065 Indem er heftiger mit den Füßen zückte:
066 'Was du von mir begehrst, was ist es dann?

067 Wenn, wer ich bin, zu wissen so dich drückte,
068 Daß du hinabstiegst in dies Felsrevier,
069 Vernimm, daß mich der hehre Mantel schmückte.

070 Der Bärin echter Sohn, war so voll Eier
071 Mein Herz, die Bärlein zu erhöhn, drum steckte
072 Ich in den Sack dort Gold, mich selber hier,

073 Mir unterm Haupt noch liegen Hingestreckte
074 Am Boden tief in dieses Felsens Spalt,
075 Vorgänger mir, die Simonie befleckte.

076 Dort sink' auch ich dereinst hinab, sobald
077 Der kommt, für welchen ich dich angesehen,
078 Als plötzlich vorhin meine Frag' erschallt.

079 Doch wird er nicht so lang als mir geschehen,
080 Die Füße zappelnd, häuptlings eingerammt,
081 Mit glühnden Fersen festgepflanzt hier stehen;

082 Denn ihm folgt Der, deß Thun noch mehr verdammt,
083 Ein Hirt von Westen, ein gesetzlos Wesen,
084 Der mich und ihn bedecket beidesammt.

085 Ein neuer Jason ists, von dem zu lesen
086 Im Maccabäerbuch, und Philipp wird
087 Ihm hold, wie jenem es sein Herr gewesen.'

088 Ich weiß nicht, war ich keck und sinnverwirrt,
089 Daß ich drauf wagte solches zu versetzen:
090 Sprich, was verlangt' einst unser Herr und Hirt

091 Zuerst von Petrus wohl an Gold und Schätzen,
092 Als er das Schlüsselamt ihm gab? Er sprach:
093 'Folge mir nach!' ohn' etwas zuzusetzen.

094 Petrus und Keiner forderte darnach
095 Gold von Matthias, als das Loos an diesen
096 Gab Judas Amt, weil Der die Treue brach.

097 Drum bleib, gerechter Strafe zugewiesen,
098 Und wahre wohl das schlimm geraubte Geld,
099 Mit dem du gegen Karl dich frech bewiesen.

100 Und wärs nicht, daß mich noch in Schranken hält
101 Die Ehrfurcht vor dem hohen Schlüsselamt,
102 Das du geführt hast in der heitern Welt,

103 So spräch' ich härtres noch, denn die verdammte
104 Habsucht, die Guten tretend und die Schlechten
105 Erhöhend, trübt die Menschheit, die gesammte.

106 Euch Hirten meint Johannes als die rechten,
107 Als auf den Wassern sitzen er gesehen
108 Die Hure, buhlend mit den Erdenmächten.

109 Sie, die, geboren mit der Hörner zehen
110 Und sieben Häuptern, trotzte jedem Spotte,
111 So lang zur Tugend wollt' ihr Gatte stehen.

112 Ihr machtet Gold und Silber euch zum Gotte.
113 Nur daß ihr hundert, jenes Einen ehrt,
114 Das trennt euch von des Götzenthumes Rotte.

115 O Constantin! nicht daß du dich bekehrt
116 War vieles Unheils Quell, nein! jene Schenkung,
117 Die du dem ersten reichen Papst bescheert!

118 Als ich dies Lied gesungen ihm zur Kränkung,
119 Seis daß Gewissensbiß, daß Zorn ihn nagte,
120 Er warf die Füß' in gräßlicher Verrenkung.

121 Mir schien, daß es dem Führer wohl behagte,
122 Da er zufriednen Angesichts vernahm
123 Der Wahrheit Wort, das ich zu äußern wagte.

124 Worauf er mich in seine Arme nahm;
125 Mich hebend, ganz an seine Brust gehalten,
126 Stieg er den Weg empor, auf dem er kam.

127 Nicht müde ward er, fest mich zu umfalten,
128 Bis er des Bogens Kamm mit mir erreicht,
129 Wo wir vom vierten Damm zum fünften wallten.

130 Ab legt' er hier die Bürde sanft und leicht,
131 Sanft des zerrißnen steilen Riffes wegen, -
132 Ein Pfad, den selbst die Ziege kaum ersteigt -

133 Und hier sah mir ein andres Thal entgegen.

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