Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 18
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 18

Achter Kreis, Übelsäcke genannt, die Abteilung der Betrüger. Derselbe zerfällt in zehn Abteilungen, Säcke oder Schluchten, grabenartige Vertiefungen, die durch Dämme getrennt sind. Die Dichter schreiten auf den darüber gewölbten Felsklippen von einer zur andern nach dem Mittelpunkt zu. Im ersten Sacke befinden sich, in entgegengesetzter Richtung gehend, die Kuppler und Verführer. Unter jenen trifft Dante zahlreiche Bologuesen, unter diesen macht ihn Virgil auf Jason aufmerksam. Im zweiten Sacke befinden sich die Schmeichler, in Menschenkot versenkt. Unter ihnen ist Alexio Interminei von Lucca; auch die Buhlerin Thaïs wird bemerkt.

001 Ein Ort - sein Name lautet Uebelsäcke -
002 Ist in der Hölle, steinern, eisengrau,
003 Gleich wie der Felsgurt, der umgibt die Strecke.

004 Grad in der Mitte dieser bösen Au
005 Gähnt weit und tief ein Brunnen aus dem Schlunde -
006 Ich schildre später seinen innern Bau.

007 Der Raum, der von des hohen Felsens Grunde
008 Bis zu dem Brunnen bleibt, ist rund und eint
009 Und trennt der Thäler zehn in seinem Runde.

010 Wie, wo zum Schutz der Mauer vor dem Feind
011 Man viele Gräben zieht um die Kastelle,
012 Der Platz, wo diese stehen, uns erscheint:

013 Denselben Anblick bot auch diese Stelle;
014 Und so wie Brücklein bis zum äußern Thor
015 An Burgen gehen von der innern Schwelle,

016 So sprangen hier vom Felsgurt Rippen vor,
017 Die bis zum Brunnen Dämm' und Gräben schnitten,
018 Bis jede Ripp' in jenem sich verlor.

019 Hier fanden wir von dem, den wir geritten,
020 Uns abgeschüttelt, und der Dichter ging
021 Nach links, ich aber folgte seinen Schritten.

022 Zur Rechten neuer Jammer mich empfing
023 Und neue Martern, neue Qualerfinder,
024 Von denen voll des ersten Sackes Ring.

025 Nackt waren an des Thales Grund die Sünder,
026 Diesseits der Mitte gehn sie uns entgegen,
027 Doch jenseits gehn sie mit 027 uns, nur geschwind

028 Gleich wie die Römer, des Gedränges wegen,
029 Den Brückenübergang im Jubeljahr
030 Ermöglichten den Pilgern auf zwei Wegen,

031 Daß, mit der Stirn nach dem Kastell, die Schar
032 Der einen hierhin nach Sanct Peter walle,
033 Zum Berge hingewandt die andre fahr'.

034 Ich sah, wie hier und dort mit Peitschenknalle
035 Gehörnte Teufel an dem finstern Stein
036 Von hinten grausam schlugen Jene alle.

037 Weh! wie sie auf den ersten Hieb das Bein
038 Empor schon zogen! und es wollte keiner
039 Des zweiten oder dritten theilhaft sein.

040 Wie ich so weiter ging, da fiel mir Einer
041 Ins Auge, und ich sagte mir im Gehen:
042 Heut nicht das erstemal gewahr' ich seiner.

043 Ihn wieder zu erkennen, blieb ich stehen
044 Und auch mein Führer, der mir zugestand,
045 Daß ich ein wenig rückwärts dürfe gehen.

046 Und der Gepeitschte, erdenwärts gewandt
047 Den Blick, will sich entziehn. Umsonst die List!
048 Ich sprach: Du, dessen Aug' der Boden bannt,

049 Wenn du nicht falsche Züge trägst, du bist
050 Benedico Caccianimico. Sage,
051 Was führt zur Lauge dich, die beißend frißt?

052 Und er zu mir: 'Wie wenig mirs behage,
053 Mich zwingen deiner hellen Stimme Töne,
054 Die mir Erinnrung wecken alter Tage.

055 Ich war es, der einst Ghisola die Schöne
056 Geneigt gemacht dem Willen des Marchesen,
057 Ob anders die gemeine Red' auch töne.

058 Hier weinen auch noch andre Bolognesen,
059 Ja ihrer mehr noch werden hier geschlagen
060 Als zwischen Savena und Reno Wesen

061 Jetzt leben, die man lehrte Sipa sagen.
062 Und willst du deß ein Zeugniß, mir zu trauen,
063 Denk' an den Geiz, den wir im Herzen tragen.'

064 Er sprachs, da ward ihm eines aufgehauen
065 Von eines Teufels Knute, der ihm rief:
066 'Fort, Kuppler! hier sind keine feilen Frauen.'

067 Ich machte daß ich nach dem Führer lief.
068 Nach wenig Schritten waren wir gekommen,
069 Wo aus dem Fels sprang eine Klippe schief.

070 Die war alsbald mit leichter Müh' erklommen;
071 Dann ging es rechtshin auf der zackigen Rippe,
072 Um jenen ewigen Kreisen zu entkommen.

073 Dahin gelangt, wo unten hohl die Klippe,
074 Um den Gepeitschten Durchgang zu gestatten,
075 'Jetzt wart' und spähe,' sprach des Meisters Lippe,

076 'Bis du gesehn der andern Sünder Schatten,
077 Die dir von vorn noch unbekannt geblieben,
078 Weil sie mit uns die gleiche Richtung hatten.'

079 Wir sahn nun von der alten Brücke stieben,
080 Grad uns entgegen, einen Zug, geschlagen
081 Ward dieser ebenfalls von Peitschenhieben.

082 Der gute Meister, ohne mein Befragen,
083 Begann zu mir: 'Sieh jenen Großen kommen,
084 Der thränenlos scheint seinen Schmerz zu tragen.

085 Den Königsanstand wahrt er noch vollkommen.
086 Held Jason ist es, der beherzt und klug
087 Den Kolchiern das goldne Vlies genommen.

088 Bei Lemnos Insel ging vorbei sein Zug,
089 Als dort, in Wuth und Grausamkeit befangen,
090 Der Weiberschwarm die Männer all erschlug.

091 Da wars, wo er mit Worten glatt wie Schlangen
092 Hypsipyle die kluge Maid belog,
093 Die erst die andern sämmtlich hintergegangen.

094 Er ließ sie schwanger, als er weiter zog.
095 Zu solcher Qual verdammt ihn hier sein Lügen;
096 Auch rächt sich, daß Medeen er betrog.

097 Mit ihm gehn alle, welche so betrügen.
098 So viel mag von dem ersten Tahle dir
099 Und denen, die es birgt, zu wissen gnügen.'

100 Schon hatten auf dem schmalen Pfade wir
101 Den zweiten Damm gekreuzt, der Widerlage
102 Den andern Bogen beut, und hörten hier

103 Dem zweiten Sack entsteigen dumpfe Klage
104 Von Leuten, deren Maul sich schnaufend reckt
105 Und die sich klopfen mit dern Hände Schlage.

106 Mit Schimmel war des Grabens Rand bedeckt
107 Durch Dunst von unten, der sich dort verdichtet
108 Und beides, Aug' und Nase, widrig schreckt;

109 So schwarz der Grund, daß er nur dann sich lichtet,
110 Wenn man des Bogens Rücken hat erklommen,
111 Dort wo die Klippe sich am höchsten schichtet.

112 Und drunten sahen wir, dort angekommen,
113 Ein Volk im Graben, tief in stinkigem Breie,
114 Der schien aus menschlichem Privet zu kommen.

115 Und als mein Auge schweifte durch die Reihe,
116 Sah Einen ich, so kothig im Gesicht,
117 Daß nicht erkennbar, ob er Pfaff', ob Laie.

118 Der rief mir zu: 'Was bist du si erpicht,
119 Vor allen mich zum Ziele zu erlesen?'
120 Und ich zu ihm: Weil ich dich, irr' ich nicht,

121 Schon sah, als trocken noch dein Haar gewesen.
122 Vor allen andern drum betracht' ich dich,
123 Alexio Interminei den Lucchesen.

124 Er sprach und schlug auf seinen Schädel sich:
125 'Die Schmeicheleien sinds, die hierher mich brachten,
126 Denn, nimmer satt, bedient' ich ihrer mich.'

127 Worauf mein Führer sprach: 'Nun mußt du trachten,
128 Ein wenig dein Gesicht nach vorne biegend,
129 Genauer jenes Antlitz zu betrachten

130 Der schmutzigen Dinre dort! die Haare fliegend,
131 Die Nägel voll von Unrath, kratzt sie sich,
132 Bald aufrecht stehend, bald gekauert liegend.

133 Die Hure Thaïs ist es. "Nun, that ich,
134 So fragt ihr Buhl', es dir zu Danke jetzt?"
135 Und sie darauf: "Ganz außerordentlich."

136 Doch damit sei dem Schaun ein Ziel gesetzt.'

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