Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 15
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 15

Die an der Natur sündigenden, die Sodomiten. Hier trifft Dante seinen Lehrer, Brunetto Latini, der ihm seine Leiden prophezeit und bitter über Florenz urteilt. Dante erklärt auf jeden Schicksalsschlag vorbereitet zu sein und bittet ihn um Auskunft über einige Genossen in seiner Schar. Doch bald nötigt ein anderer herannahender Haufe den Brunetto sich eilig davon zu machen, um seine Schar einzuholen.

001 Jetzt trägt durch Dampf, den schwarz emporgesandt
002 Der Bach, uns einer fort der harten Ränder;
003 Der Dampf schützt Fluth und Dämme gegen Brand.

004 Wie zwischen Brügg' und Kadsand die Flamänder,
005 Den Anprall fürchtend feindlich wilder Fluth,
006 Schutzwehren bau'n, der Meeresmacht Abwender,

007 und wie der Paduaner, eh die Gluth
008 Der Sonne scheint auf Kärntens Bergeskämmen,
009 Schützt Schloß und Villen vor der Brenta Wuth:

010 Ganz ähnlich waren diese jenen Dämmen,
011 Nur wollt' ihr Meister, wers auch mochte sein,
012 Die Stärk' und Höhe dieser etwas hemmen.

013 Schon waren wir so ferne von dem Hain,
014 Daß ich nicht konnte sehn wo er gelegen,
015 Auch wenn zurückgeblickt der Augen Schein;

016 Da kam ein Trupp von Seelen uns entgegen
017 Den Damm entlang, und jegliche betrachtet'
018 Uns ganz genau, wie wir beim Neumond pflegen

019 Uns anzublinzeln, wenns allmählich nachtet.
020 Sie sahn uns an mit hochgezognen Brauen,
021 Wie auf das Oehr ein alter Schneider achtet.

022 Als noch die Seelen starrend uns beschauen,
023 Erkennt mich Einer, faßt mir am Gewand
024 Den Saum und ruft: 'Welch Wunder muß ich schauen!'

025 Und ich, als er den Arm nach mir gewandt,
026 Bohrte den Blick fest in das gluthverdorrte
027 Gesicht, und ob es noch so sehr verbrannt,

028 Trat doch sein Bild aus der Erinnrung Pforte,
029 Und zu ihm hingeneigt mein Angesicht,
030 Rief ich: Ihr, Herr Brunnetto, an dem Orte?

031 Und er: 'O lieber Sohn, mißfällt dirs nicht,
032 Werd' ich mit dir ein wenig rückwärts kehren;
033 Auf die Gesellschaft bin ich nicht erpicht.'

034 Und ich: Dies ist mein innigstes Begehren.
035 Wenn ihr es wünscht, so sitz' ich mit euch nieder,
036 Falls mein Begleiter mir es will gewähren.

037 'Wer aus der Schar hier rastet,' sprach er wieder,
038 'Auch einen Punkt nur, liegt, von Gluth versengt,
039 Dann hundert Jahre', regungslos die Glieder.

040 Drum geh! Ich folg', an deinen Saum gehängt;
041 Dann kehr' ich um zu jenem Sünderreigen,
042 'Der weinend seiner ewigen Schuld gedenkt.'

043 Ich wagt' es nicht, vom Damm herabzusteigen,
044 Gleich tief mit ihm zu gehn; doch senkte ich
045 Das Haupt wie Der, der Ehrfurcht will bezeigen.

046 Und er: 'Welch Loos und Schicksal führet dich
047 Vor deinem letzten Tag ins Reich der Schatten?
048 Und wer ist Der, der dich geleitet? Sprich!'

049 Dort oben auf des Lebens heitern Matten,
050 Sprach ich, verirrt' ich mich in einem Thal,
051 Eh meine Jahre noch erfüllt sich hatten.

052 Draus schied ich gestern erst im Morgenstrahl;
053 Da kam, als ich mich thalwärts wendet' eben,
054 Er, der mir diesen Heimweg anbefahl.

055 Und er: 'Folgst du dem Stern, der dir gegeben,
056 Kannst du verfehlen nicht den Port der Ehre,
057 Wofern ich recht gesehn im schönen Leben.

058 Und wenn ich nicht so früh gestorben wäre,
059 Hätt' ich, weil dir so hold des Himmels Zeichen,
060 Zum Werke dich gespornt durch meine Lehre.

061 Doch jenes Volk, undankbar sonder Gleichen,
062 Das einst von Fiesole den Ursprung nahm,
063 Und noch dem Fels und Schiefer scheint zu gleichen,

064 Wird wegen deiner Redlichkeit dir gram,
065 Und das mit Recht, weil süßer Feigen Frucht
066 Nie zwischen herben Eschen vorwärts kam;

067 Ein Volk voll Geiz und Stolz und Eifersucht,
068 Ein alt Gerücht der Welt nennt sie die Blinden:
069 Gib Acht, dich zu entschlagen ihrer Zucht.

070 Sehnsucht wird jegiche Partei empfinden
071 Nach dir - so großer Ruhm erwartet dich -
072 Doch vor dem Mund weg wird der Bissen schwinden.

073 Zur Streu zertreten mögen selber sich
074 Die Bestien Fiesoles, doch nie die Pflanze
075 Berühren - falls ihr Mist so widerlich

076 Noch eine zeugt - aus der mit neuem Glanze
077 Der Römer Saat sprießt, die einst wohnten dort,
078 Als man erbaute jene Bosheitschanze.'

079 Erfüllte meinen Wunsch, nahm ich das Wort,
080 Der Himmel ganz, so wärt ihr, los vom Bunde
081 Des Lebens, noch nicht hier an diesem Ort.

082 Denn, ob auch schmerzlich jetzt, im Herzensgrunde
083 Trag' ich das liebe Vaterangesicht,
084 Das mich auf Erden lehrt' in jeder Stunde,

085 Wie sich der Mensch den ewigen Lorber flicht.
086 Was ich euch danke, soll durch all mein Leben
087 Darthun das Wort, das meine Zunge spricht.

088 Was ihr von meiner Zukunft spracht so eben,
089 Erklärung wird von dem und mancherlei
090 Die Hehre, die ich schauen soll, mir geben.

091 Nur eins noch, das euch unverschwiegen sei:
092 Ich bin nicht bange vor des Schicksals Schlägen,
093 Fühl' ich von Schuld nur mein Gewissen frei.

094 Nicht Ungeahntes klingt dem Ohr entgegen;
095 Drum mag den Karst der Bauer auch fortan
096 Und, wie es will, das Glück sein Rad bewegen.

097 Zur rechten Seite rückwärts wandte dann,
098 Ins Angesicht mir blickend, sich mein Leiter
099 Und sprach darauf: 'Recht hört wer merken kann.'

100 Ich aber wandelt' im Gespräch weiter
101 Mit Herrn Brunnett und bat ihn mir zu nennen
102 Die Namen seiner wichtigsten Begleiter.

103 'Wohl ziemt es', sprach er, 'einige zu kennen,
104 Indeß bei andern Schweigen besser scheint,
105 Weil allzukurz die zeit bis wir uns trennen.

106 Gelehrte sind und Pfaffen hier vereint,
107 Die, mußt du wissen, hoch im Ruhme prangen,
108 Die alle gleiche Erdenschuld hier eint.

109 Dort kommt mit ihnen Priscian gegangen,
110 Franz von Accorso auch, dort jener Schlechte,
111 Hegst du nach solchem Unflath noch Verlangen,

112 Er, dem vom Arno einst der Knecht der Knechte
113 Zum Bacchiglione hin befahl zu gehen,
114 Wo Tod der Nerven ekle Spannung rächte.

115 Mehr sagt' ich noch, doch Gehn und Redestehen
116 Darf nun nicht länger währen, denn ich sah
117 Schon neuen Rauch empor vom Sande wehen.

118 Da Volk, bei dem ich nicht darf weilen, nah
119 Uns kommt, laß meinen Schatz dir noch empfehlen -
120 Nicht fordr' ich mehr - in ihm noch leb' ich ja.'

121 Sich wenden, schien er zu der Schar zu zählen,
122 Die Wettlauf in Veronas Feld beginnt
123 Um grünes Tuch, doch schien er von den Seelen

124 Nicht der Verlierer, sondern der gewinnt.

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