Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 14
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 14

Dritter Zirkel des siebenten Kreises: die Sünder, die an Gott, Natur und Kunst Gewalt geübt haben. Ein Flammenregen fällt auf eine glühende Sandfläche, auf welcher die Sünder teils rücklings liegen, teils kauern, teils laufen, je nachdem sie Gotteslästerer, Wucherer oder Sodomiten sind. Die Dichter treffen den Kapaneus, der wie einst die Götter schmäht. Dann kommen sie zum Phlegethon, dessen Ursprung wie den der anderen Höllenflüsse Virgil erklärt; Lethe, belehrt er ihn, sei auf dem Berge der Reinigung. Sie verlassen den Wald und gehen am Rande des Phlegethon in die Sandfläche hinein.

001 Liebe zur Heimat faßte meine Seele,
002 Ich sammelte des Laubs zerstreutes Kleid
003 Und bracht' es Dem, dem heiser schon die Kehle.

004 Nun schritten wir zur Grenze, wo gereiht
005 An die zwei ersten Zirkel folgt der dritte,
006 Ein furchtbar Kunstwerk der Gerechtigkeit.

007 Wir sahn nun vor uns einer Haide Mitte -
008 Dies sag' ich, um die Schildrung zu ergänzen -
009 Die keine Pflanz' an ihrem Grunde litte.

010 Des Schmerzenswaldes Bäume sie begrenzen,
011 Wie dem der Trauergraben dient als Rand;
012 Wir hielten unsern Schritt an ihren Grenzen.

013 Der Boden war ein tiefer, dürrer Sand,
014 Ganz von derselben Art, wie der gewesen,
015 Den Cato's Fuß betrat im Afrerland.

016 O Rache Gottes! furchtbar muß dein Wesen
017 Jehwedem scheinen, der, was offenbar
018 Dort meine Augen schauten, hie,ir wird lesen.

019 Ich sah von nackten Seelen manche Schar;
020 Sie all' erhoben jammernd Klagelieder,
021 Wiewohl verschieden ihre Strafe war.

022 Rücklings am Boden lag ein Theil danieder,
023 In sich gekauert saß ein andrer Haufen,
024 Ein dritter rannte ruhlos hin und wieder.

025 Die größte Menge bilden die da laufen,
026 Die kleinste die dort liegenden dagegen,
027 Doch tönt am lautesten ihr schmerzlich Schnaufen02

028 Und auf das Sandmeer nieder sank ein Regen
029 Von breiten Funken in langsamem Fallen,
030 Wie Alpenschnee, wenn sich die Winde legen.

031 Wie Alexander einstmals Feuerballen
032 Im heißen Inderland auf seine Schar
033 Sa,hn ungedämpft zur Erde niederfallen -

034 Weshalb das Heer, zur Abwehr der Gefahr,
035 Den Boden stampfen mußte, weil, eh neuer
036 Glutdunst entstand, er so zu löschen war -

037 So senkte sich herab das ewige Feuer,
038 Der Sand entglomm wie Zunder unterm Stahl,
039 Des Doppelschmerzes ständiger Erneuer.

040 Die armen Hände! nicht ein einzig Mal
041 Ward ihrem Tanze Ruh, bald hier, bald dorten
042 Abschütteln sie stets neuer Gluthen Qual.

043 Mein Meister, fing ich an, der allerorten
044 Gesiegt, nur bei den harten Teufeln nicht,
045 Die uns gewehrt den Eingang durch die Pforten,

046 Wer ist der Große, der sein Angesicht,
047 Den Brand nicht achtend, scheint voll Hohn zu heben,
048 Den selbst kein Regen mürbe macht und bricht?

049 Und von ihm selbst ward Antwort mir gegeben
050 (Er sah, daß ich nach ihm den Führer frage):
051 'Ich bleib' im Tode, wie ich war im Leben.

052 Ob Zeus auch seinen Schmied ermüd' und plage,
053 Von dem den Blitzstrahl er im Zorn empfahn,
054 Der mich durchbohrt' an meinem letzten Tage,

055 Ob er in Aetna's schwarzer Schmiedbahn
056 Der Reihe nach die Andern müde mache
057 Und rufe: Hilf, mein Lieber, hilf, Vulcan!

058 Wie er es that in der Phlegräersache,
059 Und sei sein stärkster Strahl auf mich geschwungen,
060 Doch nimmer freuen wird er sich der Rache.'

061 Da hob so stark, wie sie noch nie erklungen,
062 Der meister seine Stimm', ihm zuzuschrein:
063 'O Kapaneus, daß niemals du bezwungen

064 Den Hochmuth, das ist deiner Strafe Pein,
065 Und keine Marter als dein eigen Toben
066 Kann deiner Wuth vollkommne Strafe sein.'

067 Und, milde dann den Blick zu mir gehoben:
068 'Der Sieben einer, die um Theben Streit
069 Begannen, war er, der den Höchsten droben

070 Noch jetzt verhöhnt wie einst in jener Zeit;
071 Doch ist, wie ich gesagt, sein lästernd Schmähen
072 Für seine Brust das würdigste Geschmeid.

073 Jetzt folge mir, doch sorgsam mußt du sehen,
074 Daß nicht den heißen Sand berührt dein Fuß;
075 Dicht an des Waldes Saume mußt du gehen.'

076 Wir gingen schweigend fort; ein kleiner Fluß
077 Kam sprudelnd aus dem Wald mit rothen Wellen,
078 Des Roth noch jetzt das Haar mir sträuben muß.

079 Gleichwie das Bächlein aus den Schwefelquellen,
080 Das unter sich die Sünderinnen theilen,
081 So sah ich durch den Sand ihn niederquellen.

082 Des Flusses Bett sammt beiden Ufersteilen,
083 Und der Umfassung, alles war von Stein,
084 Ein Zeichen, daß man hier kann drüber eilen.

085 'Seit unser Fuß zu jenem Thor trat ein,
086 Durch dessen Schwelle darf ein jeder gehen,
087 Mag nichts von allem merkenswerther sein,

088 So vieles auch dein Auge schon gesehen
089 Und ich dir wies, als dieses Bächlein hier,
090 Weil alle Flammen über im vergehen.'

091 So redete mein Führer jetzt zu mir.
092 Gib mir die Speise, sprach ich drauf, ich bitte,
093 Nach der im Herzen du erweckt die Gier.

094 'Ein wüstes Land liegt in des Meeres Mitte,
095 Das Creta heißt', sprach er zu mir gewandt;
096 'Sein König hielt die Welt in keuscher Sitte.

097 Ein Berg ist dort, der Ida wird genannt,
098 Den Laub und Quellen lieblich einst geschmückt;
099 Jetzt ragt er öd und altersgrau am Strand.

100 Dorthin zur sichern Wiege ward entrücket
101 Der Rhea Sohn, die Späher hintergehend,
102 Ward sein Geschrei durch Lärmen unterdrücket.

103 Ein hoher Greis ist drin, grad aufrecht stehend,
104 Der Damiette zu den Rücken wendet,
105 Nach Rom hin wie in einen Spiegel sehend.

106 Zu seinem Haupt ist seines Gold verwendet,
107 Von reinem Silber Brust und Arm und Hand,
108 Dann folget Erz, bis wo der Rumpf sich endet;

109 V on dort ab ist Gußeisen angewandt,
110 Nur von gebranntem Thon der rechte Fuß;
111 Doch ruht auf ihm zumeist sein fester Stand.

112 Bis auf das Gold brach den Zusammenschluß
113 Des Andern tief ein Riß, draus Thränen rinnen;
114 Sich sammelnd wühlt sich durch den Fels ihr Fluß.

115 Dann stürzt ihr Thau in dieses Thal von hinnen,
116 Zeugt Acheron und Styx und Phlegethon,
117 Und fließt zuletzt in diesen engen Rinnen;

118 Dann bildet er, wenn er ganz unten schon,
119 Noch den Cocyt, an dessen sumpfigem Strande
120 Du selbst bald stehest; drum nichts mehr davon.'

121 Und ich zu ihm: Wenn aus dem Erdenlande
122 Der Abfluß hier entstammt auf solche Weise,
123 Warum erscheint er erst an diesem Rande?

124 Und er: 'Du weißt, wir sind in einem Kreise,
125 Und mochten wir auch noch so tief gelangen,
126 Wir haben doch, weil links sich stets die Reise

127 Gewandt, den ganzen Umkreis nicht durchgangen;
128 Und, wenn du neue Dinge hier ersiehst,
129 Darf Staunen drum dein Antlitz nicht umfangen.'

130 Sag' mir, wo Phlegethon und Lethe fließt?
131 Fragt' ich; von diesem ward ich nicht beschieden,
132 Doch wohl, daß jener diesem Thau entsprießt.

133 'Mit deinen Fragen bin ich wohl zufrieden,'
134 Sprach er, 'doch Antwort auf die eine gaben
135 Dir jene Fluthen schon, die blutroth sieden.

136 Bald siehst du, aber nicht an diesem Graben,
137 Den Lethe, dort wo Seelen gehn zum Bade,
138 Wenn sie die Schuld gesühnt durch Reue haben.'

139 Dann sprach er: 'Es ist Zeit, - drum folge grade
140 Mir nach - zu scheiden von des Waldes Bord.
141 Die nicht verbrannten Ränder bieten Pfade,

142 Und jeder heiße Qualm verschwindet dort.'

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