Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 12
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 12

Als Symbol der Vertierten oder Gewalttätigen gegen den Nächsten, sich und Gott, tritt den Dichtern, am Eingange in den ersten Kreis der tieferen Hölle, das, durch naturwidrigen Trieb entstandene Halbtier, der Minotaurus entgegen. Virgil erinnert ihn an seinen Untergang durch Thesus, und das ehemals menschenverschlingende Ungeheuer fällt sich selbst an, in unmächtiger Schattenwut, so dass die Dichter Zeit behalten, die furchtbare Zertrümmerung dieses Randes hinabzuklimmen. Die Steine regen sich unter Dantes Füßen und er erfährt, dass dieses Ufer des heißen Blutstromes, worin die Gewalttätigen am Nächsten leiden, bei Christi Verscheiden so zertrümmert. (Hier liest man zwischen den Zeilen: "weil an ihm Gewalt verübt worden.") Das Blut ihrer Erschlagenen tritt hier vor der Sünder Bewusstein, mehr oder minder hoch und heiß sprudelnd wie aus frischen Wunden. Centauren, die Bilder raschvertilgernder Wut, umjagen beständig die Sünder, drohend mit Geschossen. Nessus hält die Dichter an; Virgil aber sagt: er werde Chiron Rede stehen, und bittet diesen, seinen Auftrag erzählend, um einen Geleiter, der auch Dante über die Furt trage; da er noch nicht wie die Seelen auf der Luft wandeln könne. Der weise Chiron, hier das Insichgehen der Sünder vorbildend, welches übereilter Tat folgt, gebeut Nessus ihren Willen zu tun. Dieser geleitet sie also und trägt Dante, wo der Strom seichter und seichter wird, über die Furt. Auf dem Wege zeigt er ihnen in dem Blute leidende Tyrannen: Alexander, Dionys, Azzolin und Obizzo von Esti; dann, seitwärts einsam, den Schatten Guidos von Montfort, der in der Kirche mordete und nicht genannt nur bezeichnet wird. Außer diesen nennt er ihnen, als die da seufzen, wo der Strom wieder tiefer wird: Attila, Pyrrhus von Epirus, Sextus Pompejus, Rinier von Corneto und Rinier Pazzo. Hierauf verlässt er die Dichter, nach Erfüllung seines Auftrages, am inneren Rande des Blutstromes und sprengt durch die Furt zurück.

001 Wo wir herniederstiegen, war die Stätte
002 So felsig rauh, auch sonst so fürchterlich,
003 Daß jedem Blick davor geschaudert hätte.

004 Wie jener Bergrutsch bei Trient, der sich
005 Einst in die Etsch gestürzt, sei's daß gerad
006 Erdbeben war, sei's daß der Boden wich -

007 Wo er herabfiel, von dem Felsengrat
008 Dehnt das Geröll sich schräg zum ebnen Lande,
009 Daß man zur Noth herabstieg' auf dem Pfad -

010 So gings hier abwärts an des Abhangs Rande,
011 Und auf dem Gipfel vom geborstnen Schachte
012 War ausgestreckt zu schauen Creta's Schande,

013 Die einer Kuh Trugbild ins Dasein brachte.
014 Er biß sich selbst, als er uns wahrgenommen,
015 Wie der, den innre Zornesgluth entfachte.

016 Mein Weiser rief: 'Dir ists wohl vorgekommen,
017 Dies möge der Athener Herzog sein,
018 Der in der Welt das Leben dir benommen?

019 Unthier, hinweg! denn dieser tritt hier ein,
020 Nicht als wenn deine Schwester ihn belehrt,
021 Er kommt nur um zu schauen eure Pein.'

022 Gleich wie der Stier, vom Todesstreich versehrt,
023 Sich losreißt, doch nicht mehr vermag zu gehen,
024 Und hin und her in wilden Sprüngen fährt:

025 So war der Minotaurus anzusehen.
026 Da rief der kluge Führer: 'Lauf zum Passe!
027 So lang er tobt, ists gut hinabzugehen.'

028 So ging es abwärts auf der steilen Gasse
029 Des Steingerölls, und oft erbeben machte
030 Mein ungewohnter schwerer Tritt die Masse.

031 'Du denkst (er sah, daß ich darüber dachte)
032 Wohl an den Einsturz,' sprach er, 'den bewahren
033 Dies Unthier muß, das ich zur Ruhe brachte?

034 So wisse, daß, als ich hinabgefahren
035 Das erste Mal zum tiefen Höllengrunde,
036 Die Felsen hier noch nicht gefallen waren.

037 Doch kurz vorher - falls mich nicht trügt die Kunde -
038 Eh Jener kam, daß er dem Dis entwende
039 Die große Beute aus dem obern Runde,

040 Erbebten so des grausen Thales Wände
041 Von allen Seiten, gleich als ob die Welt,
042 So schien es mir, die Sympathie empfände,

043 Die sie schon oft, wie mancher dafür hält,
044 Ins Chaos wandelt'; damals ward der Grat
045 Des Felsens hier und anderwärts zerschellt.

046 Doch wend' ins Thal hinab den Blick, schon naht
047 Der blutige Strom, drin jeglicher muß sieden,
048 Der durch Gewalt dem Nächsten Schaden that.'

049 O blinde Gier, wahnsinnige Wuth, hienieden
050 Spornt ihr so mächtig uns im kurzen Leben,
051 Daß uns im ewigen wird solch Bad beschieden.

052 Im Bogen rings die ganze Fläch' umgeben
053 Sah ich von einem Graben, einem breiten,
054 Wie mein Begleiter es mir angegeben.

055 Und zwischen diesem und der Felswand reiten
056 Centauren nach einander, pfeilversehen,
057 Wie sie auf Erden jagten schon vor Zeiten.

058 Bei unserm Anblick blieben alle stehen:
059 Drei sah'n wir, mit vorher geprüften Pfeilen
060 Und Bogen, aus der Schar uns näher gehen.

061 Von fern rief einer: 'Welche Qual zu theilen
062 Naht ihr, vom Fels absteigend, diesem Ort?
063 Von dort aus sprecht, sonst schieß' ich sonder Weilen.'

064 Mein Meister sprach darauf: 'Dem Chiron dort
065 Werd' ich, wenn wir ihm nahn, die Antwort geben;
066 Dich riß der Sinn stets ins Verderben fort.'

067 'Sieh! das ist Nessus,' sprach er, 'der sein Leben
068 Durch Dejanirens Reiz verlor, doch sprüht' er
069 Im Tod Verderben Dem, der Tod gegeben.

070 Dort in der Mitt' Achillens großer Hüter
071 Chiron, er schaut sich auf den Bart hernieder,
072 Der dritte Pholus, jener grimme Wüther.

073 Wohl Tausend ziehn den Graben auf und nieder
074 Und schießen jeden, der vom blutigen Grunde
075 Zu weit emportaucht, dem Gebot zuwider.'

076 Den schnellen Wilden nahten wir zur Stunde.
077 Heraus nahm Chiron einen Pfeil und streicht
078 Den Bart sich mit der Kerbe von dem Munde.

079 Und als er so das weite Maul gezeigt,
080 Sprach er zu den Gefährten: 'Seht den einen
081 Da hinten, wie sich regt worauf er steigt,

082 Was sonst doch nicht geschieht von Todtenbeinen.'
083 Mein Führer, der ihm nah schon an der Brust,
084 Da wo die zwei Naturen sich vereinen,

085 Versetzte: 'Ja, er lebt! und leiten mußt'
086 Ich so allein ihn zu den finstern Gründen;
087 Ihn führt Nothwendigkeit, nicht eigne Lust.

088 Vom Halleluja kam, mir dies zu künden,
089 Die mich beauftragt, aus des Himmels Mitte;
090 Er ist kein Räuber, ich kein Sohn der Sünden.

091 Doch, bei der hohen Kraft, die unsre Schritte
092 Ermächtigt, in dies wilde Thal zu dringen,
093 Gib einen deiner Leut' uns mit, ich bitte,

094 Daß er uns an die Stromfurt möge bringen
095 Und Diesen hier auf seinen Rücken lade;
096 Er ist kein Geist, sich durch die Luft zu schwingen.'

097 'Auf, Nessus! leite sie auf ihrem Pfade,'
098 Sprach Chiron, rechts gewandt, 'sie zu bewahren,
099 Stoßt ihr auf andre, daß nichts ihnen schade.'

100 Da wir durch solch Geleit gesichert waren,
101 Gings weiter an des Strudels rother Fluth,
102 Drin jammernd schrien die gesottnen Scharen.

103 Ich sah hier Volk bis an die Brau'n im Sud.
104 'Tyrannen sinds,' sprach der Centaur, der große,
105 'Die ihre Hand befleckt mit Raub und Blut.

106 Hier weint man über Thaten, mitleidlose;
107 Mit Alexander weilt hier Dionys,
108 Urheber von Siciliens schwerem Loose.

109 Die Stirn dort mit dem schwarzen Haare hieß
110 Einst Ezzelin, der Blonde ihm zur Seite
111 Obizzo d'Este, den, wie sichs erwies,

112 Der eigne Rabensohn dem Tode weihte.'
113 Da wandt' ich mich zum Dichter, der begann:
114 'Hier sei dir Nessus erster, ich der zweite.'

115 Nicht weit davon hielt der Centaure dann
116 Bei einem Volke, dem nur bis zum Munde
117 Der glühnde blutige Strudel ragt' heran.

118 Von einem Einzelschatten gab er Kunde:
119 'Der dort durchstach das Herz in Gottes Schoß,
120 Das man in London noch verehrt zur Stunde.'

121 Dann war ein andrer Haufen, frei und bloß
122 Mit Haupt und Rumpfe aus dem Bache reicht' er,
123 Und manchen kannt' ich, dem zu Theil dies Loos.

124 So wurde nach und nach der Blutstrom seichter,
125 Bis daß die Füße nur bedeckt noch waren;
126 Wir schritten durch den Graben um so leichter.

127 'Wie diesseits du am Strudel kannst gewahren,'
128 Sprach der Centaur, 'daß er sich seichter zeigt,
129 So, will ich, sollst du auch nunmehr erfahren,

130 Daß jenseits sich der Grund stets tiefer neigt,
131 Bis er mit jenem Ort sich wieder einigt,
132 Aus dem das Seufzen der Tyrannen steigt.

133 Denn die Gerechtigkeit des Ewigen peinigt
134 Dort jene Gottesgeißel, Attila,
135 Pyrrhus und Sextus, die mit ihm vereinigt;

136 Preßt ewige blutgebeizte Thränen da
137 Den beiden Riniers aus, den Raubgesellen,
138 Die Straßenraub man immer üben sah.'

139 Drauf wandt' er sich, heimkehrend durch die Wellen.

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