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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle

Virgil spricht, den himmlischen Boten sehnlichst erwartend, mit sich selbst. Dante nimmt Befürchtungen aus seinen Reden und fragt: ob wohl je ein Bewohner der Vorhölle in die tiefere hinabsteige? Virgil sagt ihm, es geschehe selten, doch sei er selbst, beschworen von der Zauberin Erichtho, schon einmal in dem tiefsten Höllenkreis gewesen; alles sei ihm bekannt, er möge daher getrost sein. Indem erbickt Dante auf der Zinne des ehernen Turms drei sch selbst zerfleischende Höllenfurien, Bilder der Verzweiflung, welche die Gorgo Medusa herbeirufen ihn zu versteinern. Virgil heißt ihn, sich vor dieser verhüllen und abwenden, und schirmt ihn noch mit seinen Händen. In dem schlangenumwundenen versteinernden Haupt des Wesens, welches den Tempel der Pallas, der Weisheit, geschändet, ist die Sünde aus dem Geist, der im Haupte wohnt, vorgebildet. Die Mauer, davor die Dichter stehen und welche die ganze tiefere Hölle umkreist, umschließt nämlich keine Seelen, die, natürlichem Triebe folgend, sündigten; sondern allein solche, welche die Kraft des Geistes geschändet, indem sie dieselbe auf Widernatürliches gewandt. In dem furchtbaren versteinernden Blick der Medusa ist die, göttliches Leben tötende, Macht geistiger Sünde ausgedrückt, wogegen Abwenden und das Umfangen tieferer Kenntnis, in Virgil vorgebildet, schirmt. Hierauf erscheint, gleich einem Sturmwind nahend, der himmlische Bote mit einer Rute. Alle Sünder im Sumpf und die bösen Engel und Erscheinungen auf dem Tore fliehen. Die Pforte geht auf, der Himmlische schilt die Gottlosen und schwebt zurück: die Dichter aber treten ein. Da stellt sich die Stadt innen als ein Gefilde voll offener, glühender Gräber dar, worin die Ketzer leiden. Das Licht der Wahrheit, welches ihnen zeigt, daß es ein göttliches Leben gebe, dessen sie nun nicht mehr fähig sind, peinigt sie in Gestalt ewiger Flammen und macht ihre Grüfte glühen. Der Sarg, d. h. der von ihnen behauptete Tod der Seele, ist ihre Qual.

Die Blässe, welche Feigheit mir erregte,
Als meinen Führer ich rückkehren sah,
Hieß ihn mir bergen, was ihn neu bewegte.

Aufmerkend wie ein Lauscher stand er da,
Denn dringen konnte nicht sein Aug' ins Weite;
Nebel und Dunst verhüllten selbst was nah.

Er sprach: 'Wir siegen dennoch in dem Streite,
Wenn nicht - doch bot ja Hülf' ein Mächtiger an -
O wie ersehn' ich ihn an meine Seite!'

Ich sah wohl, daß er, womit er begann,
Bemäntelte durch das, was nachgekommen,
Daß andern Sinn der Rede Schluß gewann.

Nicht minder drum ward ich von Furcht beklommen,
Vielleicht weil ich das abgebrochne Wort
In schlimmren Sinn, als er ihn gab, genommen.

Stieg in den Grund von diesem Trauerort
Je Einer aus des ersten Kreises Runde,
Deß Strafe die, daß keine Hoffnung dort?

So fragt' ich und er gab mir drauf die Kunde:
'Nur selten trifft sichs, daß aus unserm Chor
Jemand den Weg macht, den ich geh' zur Stunde.

Zwar einmal stieg ich schon herab zuvor,
Als mich Erichtho rief, die grauserweise
Die Geister in den Leib zurückbeschwor.

Erst jüngst war ich gestorben, als zur Reise
Sie mich bewog und sandt' in jene Mauern,
Um einen Geist zu ziehn aus Judas ' Krei

Der tiefste Schlund ist dort, mit finstern Schauern,
Fern von dem Himmel, der das All umringt:
Wohl weiß den Weg ich; drum laß Sorg' und Trauern.

Im Sumpf, aus dem die große Fäulniß dringt,
Liegt diese Stadt der Qualen mittenine,
Zu der nur Zorn den Eingang uns erzwingt.'

Er sprach noch mehr, deß ich mich nicht entsinne,
Weil es mein Auge hinzog mit Gewalt
Zum hohen Thurme mit der glühnden Zinne.

Drei Höllenfurien sah ich dort alsbald,
Mit Blut gefärbt, grad aufgerichtet prangen,
Gleich Weibern an Gebahren und Gestalt.

Umgürtet waren sie mit grünen Schlangen,
Gehörnte Nattern und Blindschleichen schienen
Statt Haars um ihre Schläfe wild zu hangen.

Drauf er, der sie wohl kannte, die da dienen
Der Königin der nie gestillten Zähren:
'Die furchtbaren Erinnyen sieh in ihnen.

Zur linken Hand erblickst du dort Megären,
Rechts weint Alekto, mitten kannst du schauen
Tisiphone.' Erschwieg nach diesen Lehren.

Die Brust zerriß sich jede mit den Klauen,
Sie schlugen sich mit Fäusten, schrien so wild,
Daß ich mich an den Dichter schmiegt' in Grauen.

'Medusa, komm und wandl' in Stein sein Bild!'
So riefen sie zugleich und sahn hernieder;
'Des Theseus Angriff straften wir zu mild.'

'Wende dich ab, verschließ die Augenlider;
Denn zeigt sich Gorgo und du blickst sie an,
Wird keine Rückkehr dir nach oben wieder.'

So spechend dreht' er selbst mich um, und dann
Ward noch mein Aug' von seiner Hand verhüllet,
Denn meine sah er nicht als gnügend an.

O ihr, die ein gesunder Geist erfüllet,
Betrachtet diese Lehre, wenn sie schon
Der räthselhaften Dichtung Schleier hüllet.

Ein Krachen jetzt von fürchterlichem Ton
Hatt' auf den trüben Fluthen sich erhoben,
So daß die Ufer bebend Einsturz drohn.

Nicht anders als wenn eines Strumes Toben
Durch Widerstreit der Gluthen grimm entfacht,
Sich auf den Wald stürzt, so daß wild zerstoben

Die Blüthen wehen, Ast um Ast zerkracht,
Und Staub aufwirbelnd stolz durchfegt die Auen
Und Hirten sammt der Herde fliehen macht.

Mein Auge löst' er nun: 'Jetzt laß du schauen
Den Nerv des Sehens nach dem alten Schaume,
Nach dorthin, wo die herbsten Dünste brauen.'

Wie Frösche fliehen von dem Ufersaume
Ins Wasser, wenn die Feindin naht, die Schlange,
Bis jeder sich geduckt im tiefsten Raume:

So sah ich mehr als tausend Seelen bange
Vor Einem, der von Styx durchschritt, entfliehn,
Daß Sohlen trocken blieben bei dem Gange.

Die dichte Luft zu scheuchen, sah ich ihn
Oft vorwärts greifen mit der linken Hand,
Denn das nur war es, was ihm lästig schien.

Wohl merkt' ich, daß der Himmel ihn gesandt.
Zum Meister blickt' ich; still mich zu verhalten
Winkt' er mir zu, gebückt ihm zugewandt.

Wie däucht' er zornig mir und ungehalten!
Zur Pforte trat er und mit einer Ruthe
Erschloß er sie; ihn konnte niemand halten.

'O gottverstoßne Brut aus Sünderblute!'
Also begann er an dem Thor der Schrecken,
'Was facht euch an zu solchem Uebermuthe?

Warum entgegen jenem Willen lecken,
Der seinem Ziel zusteuert unentwegt
Und der euch oft vermehrte Pein ließ schmecken?

Was hilft es, daß ihr Groll dem Schicksal hegt,
Da darum Haar und Kinn, wenn ihr's bedenket,
Eur Cerberus noch heut geschunden trägt?'

Dann durch den Sumpf den Pfad zurück gelenket,
Schritt seines Weges wie ein Mensch er fort,
Der andrer Sorge, die ihn quält, gedenket

Als nur um das, was ihm zunächst am Ort.
Wir lenkten zu der Stadt nun unsre Schritte,
Gesichert völlig durch das heilige Wort.

Eintretend, ohn' daß jemand es bestritte,
Fühlt' ich zu schaun ein mächtiges Verlangen,
Was diese Burg verschließ' in ihrer Mitte.

Ich blickt' umher, sobald ich eingegangen.
Ein weites Feld war rechts und links zu schauen,
Von grausen Martern und von Weh umfangen.

Wie dort, wo sich der Rhone Wogen stauen,
Bei Arles, und dort bei Pola am Quarnar,
Der grenzumspülend schließt Italiens Gauen,

Ein hüglig Grabfeld stellt dem Blick sich dar,
So hier, wo Gräber rings umher erschienen,
Nur daß die Art viel schauriger hier war.

Denn Flammen sah verstreut ich zwischen ihnen,
Die Särg' erhitzend, drin wie Todten lagen,
Daß keiner Kunst braucht härtrer Stahl zu dienen.

All ihre Deckel waren aufgeschlagen
Und daraus drang solch jammervolles Schrei'n,
Das Zeugniß gab von ihren grausen Plagen.

Herr, sagt' ich, sprich, wer mögen diese sein,
Die, eingesargt in jenen Todtenladen,
Durch solch Geseufz kundgeben ihre Pein?

'Hauptketzer sind's und die, die ihren Pfaden
Als Jünger folgten, Secten aller Art;
Die Grüfte sind mehr als du glaubst beladen.

Mit Aehnlichen sind Aehnliche gepaart,
Und mehr und minder glühn die Gräber drinnen.'
Drauf wandten wir zur Rechten unsre Fahrt

Zwischen den Martern und den hohen Zinnen.

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