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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle

Auf dem Turm erscheinen zwei Feuerzeichen, dem ein drittes fern über dem Sumpf antwortet und schneller als ein Pfeil, kommt der zornige Tempelverwüster Flegias, der Fährmann des Orts, in einem Boot herüber, mit grimmiger Anrede. Virgils Antwort bewältigt ihn. Die Dichter steigen ein und fahren über. Da klammert sich der zornige Geist des Florentiners Filippo Argenti an das Schiff. Virgil stößt ihn zurück. Dante schilt seinen Abscheu gegen den tobenden Sünder heraus, und Virgil umarmt seinen Schüler dafür. Argenti wird nun von den anderen Zornigen angerufen, fast zerrissen, und wendet zuletzt seine Zähne gegen sich selbst. Hierauf nahen sich die Schiffenden der Stadt des Dis (Satan, Luzifer), mit tiefen Gräben und eisernen Mauern, worin das göttliche Licht der Liebe und Wahrheit, das die Guten im Paradiese beseeligt und die Büßenden im Fegefeuer läutert, den Feinden Gottes und denen die ewig unreines Bewußtsein haben zur flammenden Qual wird. Die Dichter steigen am Tore aus; aber eine Schar von mehr als tausend gefallenen Engeln droht von da herab. Virgil geht zu ihnen, sie wollen ihn (die irdische Erkenntnis) behalten, Dante soll allein zurückgehen. Letzterer erschrickt darüber; Virgil aber sagt ihm: er werde ihn nicht verlassen und teilt jenen den Willen Gottes heimlich mit: - Da schließen sie auch ihm das Tor, und zürnend kehrt er zurück, zu Dante sagend: daß dieser Trotz nicht neu sei, bald aber komme ein Mächtiger, durch den das Tor ihnen offen stehen werde.

Fortfahrend sag' ich, lange schon bevor
Wir an des hohen Thurmes Fuß gekommen,
Drang unser Blick nach seiner Zinn' empor,

Wo wir zwei kleine Flämmchen sahn entglommen
Und eins erwidern als Signal, so sehr
Entfernt, daß kaum das Aug' es wahrgenommen.

Zu ihm gewandt, der aller Weisheit Meer,
Sprach ich: Was deutet dies, und was bezwecket
Das dritte? wer entflammte sie? Drauf er:

'Fern auf den schlammigen Wogen dort entdecket
Gar bald dein Auge, was hier unser harrt,
Wenn dirs der Dunst des Pfuhles nicht verstecket.'

Im Fluge durch die Lüfte streichend ward
Vom Bogen nie entsandt ein Pfeil so schnelle,
Wie ich ein winzig Schifflein nun gewahrt'

Her zu uns schießen auf der Wasser Welle,
Von einem einzigen Rudrer nur gefahren.
Er schrie: 'Verruchter Geist, bist Du zur Stelle?'

'Für diesmal kannst du dein Geschrei dir sparen,
O Phlegyas', sprach mein Meister, 'dir bestimmt
Sind wir so lang nur, als wir überfahren.'

Wie Einer, der von großem Trug vernimmt,
Den man ihm spielt, zürnt ob gekränkter Ehre,
So zeigte Phlegyas sich zornergrimmt.

Mein Führer stieg hinunter in die Fähre
Und hieß mich sorglich folgen seinem Tritt.
Erst als ich drin war, schien's, empfand sie Schwere.

Als er und ich im Schifflein waren, schnitt
Der alte Kiel ins Wasser tiefre Zeilen,
Als wenn er sonst mit andern drüber glitt.

Indessen wir das todte Moor nun theilen,
Kam Einer schlammbedeckt mir vors Gesicht:
'Was kommst du, eh die Parzen dich ereilen?'

Ich komme, sprach ich, doch ich bleibe nicht.
Doch wer bist du mit deinem schmuzigen Leibe?
'Du siehst, ein Weinender', war sein Bericht.

Und ich zu ihm: Verfluchter Geist, so bleibe
Mit deinem Schrei'n und Weinen hier am Ort.
Dich kenn' ich, wie dich auch der Schlamm bekleide.

Da streckt' er beide Hände nach dem Bord;
Der kluge Meister stieß ihn ohne Zagen
Zurück: 'Geh zu den andern Hunden fort!'

Dann, seinen Arm um meinen Hals geschlagen,
Küßt' er das Antlitz mir: 'Du Geist voll Gluth,
Gesegnet sei der Schoß, der dich getragen!

Der war in jener Welt voll Uebermuth,
Nichts Gutes kann die Nachwelt an ihm loben;
Drum ist sein Schatten hier entbrannt von Wuth.

Viel Fürsten werden dort gar hoch erhoben,
Die Schweinen gleich im Koth hier werden stehen,
Und grause Flüche folgen ihnen droben.'

Und ich: Begierig wär' ich, Herr, zu sehen,
Daß er in diese Brühe tauchen müßte,
Bevor wir von dem See ans Ufer gehen.

Und er zu mir: 'Bevor sich noch die Küste
Dir sehen läßt, erfüllt sich dein Verlangen;
Befriedigung heischt billig solch Gelüste.'

Und bald sah ich Mißhandlung ihn empfangen
Von all dem Volk, das in dem Sumpfe war.
Gott lob' und preis' ich, daß es so ergangen.

'Auf den Argenti!' schrie die ganze Schar.
Und auf sich selber hackt mit zornigen Bissen
Des Florentiners Geist, der Einsicht bar.

Wir gingen; mehr von ihm lass' ich nicht wissen.
Da drang ein Schmerzenruf zu meinem Ohre.
Hin blickt' ich, weit die Augen aufgerissen.

Der gute Meister sprach: 'Wir sind dem Thore
Der Stadt, die Dis genannt wird, Sohn, nun nah,
Erfüllt von arger Bürger großem Chore.'

Und ich: Die Minarete, Meister, sah
Ich dort im Thale schon; in rother Helle,
Als kämen sie aus Feuer, stehn sie da.

Drauf er zu mir: 'Die ewige Feuerquelle
In ihrem Innern wirft so rothen Schein,
Wie du gewahrst an dieser untern Hölle.'

Wir fuhren in die tiefen Gräben ein,
Die jene jammervolle Stadt umfangen.
Von Eisen schien die Mauer mir zu sein.

Nach langem Unweg sahn wir uns gelangen
Dahin, wo uns der Fährmann diese Worte
Zurief: 'Steigt aus, denn hier wird eingegangen.'

Und mehr denn tausend sah ich ob der Pforte,
Die einst vom Himmel stürzten; ungehalten
Schrien sie: 'Wer ists, der lebend diesem Orte

Genaht, wo nur die Abgeschiednen walten?'
Mein weiser Meister aber macht' ein Zeichen,
Zwiesprach geheim wollt' er mit ihnen halten.

Da schien ihr Zorn ein wenig zu entweichen.
Sie sprachen: 'Komm allein, doch jener gehe,
Der so verwegen nahte diesen Reichen.

Allein mach' er den tollen Weg! er sehe
Wie er's vermag! Du aber bleibest hier,
Der ihn durchs Dunkel führt' in unsre Nähe'.

Leser, bedenk', ob zur Verzweiflung schier
Mich so verfluchte Worte nicht getrieben;
Denn heimzukehren schwand die Hoffnung mir.

Mein theurer Führer, sprach ich, der du sieben
Und mehrmal aus Gefahren, die gedroht,
Mich lösest und mein Trost und Hort geblieben,

O laß mich nicht allein in solcher Noth!
Schnell werd' auf anderm Pfad zurückgekehret,
Wenn Weitergehn das Schicksal uns verbot.

Und er, der mich den Weg dorthin gelehret,
Sprach: 'Fürchte nichts! niemand darf unsre Reise
Verhindern, denn die Hohe hats gewähret.

Wart' hier auf mich, mit guter Hoffnung speise
Den matten Geist und heiß' ihn Trost gewinnen.
Nicht lass' ich dich in diesem Höllenkreise.'

So geht der süße Vater denn von hinnen
Und läßt mich auf des Zweifels Wogen treiben,
Weil Ja und Nein im Haupte Kampf beginnen.

Was er verhandelt, weiß ich nicht zu schreiben;
Doch war er noch bei ihnen nicht gar lang,
Da stürmten sie zur Stadt in raschem Treiben.

Ins Schloß, dicht vor des Meisters Füßen, sprang
Der Widersacher Thor und schloß ihn aus.
Dann nahm er langsam auf mich zu den Gang.

Erdwärts den Blick gesenkt, die Stirne kraus
Und muthlos, sprach er seufzend und beklommen:
'Wer wehrt den Weg mir in des Jammers Haus?'

Und dann zu mir: 'Bin ich auch zornentglommen,
So zittre nicht! ich sieg' in diesen Proben,
Was sie zur Abwehr auch drin vorgenommen.

Schon früher hat ihr Muth sich keck erhoben
An einem Thor, nicht so geheim gelegen,
Vor das seitdem kein Riegl ward geschoben;

Dort, wo des Todes Inschrift dir entgegen
Geblickt. Und bald schon steigt vom Abhang dorten,
Nicht Führung brauchend, auf gewundnen Wegen

Der, dem die Stadt wird öffnen ihre Pforten.'

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