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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle

Plutus, der altheidnische Gott der Reichtümer, erhebt sich wider die Wandernden, wolfartig dämonisiert, mit drohendem Geprahle; sinkt aber nichtig zusammen, als Virgil ihn an des prachtsolzen Lucifer Sturz erinnert. Nun gelangen sie ungehindert in den vierten Kreis hinab. Hier sehen sie schwere Lasten mit Geheul wälzen, hin und her, von den Seelen derer, denen das Erraffen oder Vergeuden der irdischen Schätze den Frieden nahm, "der Anfang ist und Urgrund jeder Wonne" (s. Hölle 1 V. 58 u. 78). Wie Lucifers Schönheit, wie Plutus Geprahl schwindet jenseits die nichtige Freude am glänzenden Reichtum, er wird nun, vor dem erwachten Bewußtsein der nur daran gewöhnten Seele, ein dunkler Klump, eine häßliche Last, von welcher sie sich nicht losmachen kann, womit sie sich nun alle Ewigkeit hindurch fortplagt, ruhelos und friedlos. Geizige und Verschwender wälzen sich hier in geschiedenen Halbkreisen die Lasten zu, stoßen aufeinander und werfen sich gegenseitig ihr nichtiges Treiben vor; nur um wieder umzukehren, wieder aufeinander zu stoßen und sich wieder zu fragen: warum sie halten und warum sie rollen? Dante glaubt einige der Seelen zu erkennen, Virgil aber sagt ihm, er täusche sich: weil sie das göttliche Leben gänzlich verkannt haben und nur im Staube gewühlt, seien sie als Seelen unkenntlich und dunkel von Schmutz. Der Dichter Gespräch wendet sich nun auf die Verteilerin irdischer Güter, auf Fortuna. Dante will sie, die allgemeine Ansicht in sich vorbildend, als ein dämonisches Wesen mit Klauen betrachten; Virgil aber schilt in ihm die Torheit der Sterblichen und sagt ihm: Fortuna, von Gott zur Bewegerin der irdischen Schimmer bestellt, rolle, gleich den anderen Lichtmächten des Himmels (s. Paradies 2 V. 127), menschlicher Einsicht unerreichbar, ihre wechselnde Sphäre, selig erhaben über dem Schelten sich selbst trügender Sterblicher. Hierauf gelangen die Wanderer, den Kreis durchschneidend, zu einem Quell, der, den Zorn vorbildend, überkocht. Seinem Abflusse folgend, kommen sie in den fünften Kreis, wo das Wasser den heißen Sumpf Styx bildend. Hierin finden sie die zornerfüllten eelen versenkt, die sich einander ewig stoßen und mit Zähnen zerreißen. Sie fühlen nur durch andere, wie lästig die Anderen geworden. Tief unter ihnen im Grundschlammsind, die sich selbst das sonnenheitere Leben durch faule Grämelei getrübt. Ihr trauriges Bewußtsein umgibt sie nun in Gestalt faulen schwarzen Schlammes. Die Dichter aber umwandeln einen großen Bogen des schmutzigen Sees, bis sie zuletzt am Fuße eines Thrones anlangen.

'Pape Satan, Alep, Pape Satan!
So ließ sich Plutus rauhe Stimme hören.
Doch, mich zu trösten, hob mein Führer an,

Der alles wußte: 'Laß dich nicht bethören
Durch Furcht; er soll, ist ihm auch Macht gewährt,
Dich nicht im Abstieg dieses Felsens stören.'

Zum zorngeschwellten Antlitz dann gekehrt,
Sprach er: 'Sei still, du Wolf, vermaledeiter!
Mit deiner Wuth sei in dir selbst verzehrt!

Nicht ohne Grund gehn wir zur Tiefe weiter:
Man will es dort, wo frechen Buhlersinn
Einst strafte Michael, der Gottesstreiter.'

Wie windgeschwellte Segel, wenn dahin
Der Mast gesunken, schlaff zusammen fallen,
So fiel das grause Thier zu Boden hin.

Zum vierten Schlunde führt' uns unser Wallen;
Aufs neu umkreisten wir den Schmerzensstrand,
Der Wohnstatt ist des Weltalls Qualen allen.

Gerechtigkeit des Himmels, wer erfand
Die Fülle neuen Wehs, das ich gesehen?
Wie führt uns Schuld an der Vernichtung Rand!

Wie Well' an Well' im Auf- und Niedergehen
Sich brandend über der Charybdis bricht,
So muß sich hier das Volk im Reigen drehen.

So vieles Volk sah ich wo anders nicht.
Lautheulend wälzten sie von beiden Enden
Mit ihrer Brust gewaltig Lastgewicht.

Zusammenprallten sie, in raschem Wenden
Zurück dann kehrend; dabei schrieen Die:
'Warum behalten?' Die: 'Warum verschwenden?'

Und so den finstern Kreis durchmaßen sie,
Von hier und dort zum Gegenpunkt zu kommen,
Stets rufend ihre schmähnde Melodie.

Dann wandte jeder, wenn er angekommen,
Im Halbkreis um, daß sich der Kampf erneute.
Und ich, das Herz vom Anblick schwer beklommen,

Begann darauf: Mein Herr und Meister, deute
Mir dieses Volk! sind alle die daneben
Zur Linken Pfaffen, die geschornen Leute?

Und er zu mir: 'In jenem ersten Leben
So blind an Geiste waren sie zu nennen,
Kein Maß im Nehmen haltend und im Geben.

An ihrem Rufen kannst du's klar erkennen,
Wenn sie zu jenen beiden Punkten kehren,
Wo die der Gegensatz der Schuld muß trennen.

Sie waren Pfaffen, die des Haars entbehren
Am Haupteswirbel, Päpste, Cardinäle,
Die schnöden Geiz ins Uebermaß verkehren.'

Und ich: O Herr, ich sollte manche Seele
In diesem Zuge kennen, will mir scheinen,
Die einst bejubelt war mit solcher Fehle.

Und er zu mir: 'Irrthümlich ist dein Meinen;
Denn so befleckte sie ihr niedres Leben,
Daß sie unkenntlich jedem Blick erscheinen.

Sie werden ewigen Doppelstoß sich geben,
Bis aus dem Grab einst mit geschloßnen Händen
Sich diese, haargeschoren jene heben.

Den Himmel hat schlecht Sparen und schlecht Spenden
Ihnen geraubt und sie in Kampf versetzt,
An den ich weiter will kein Wort verschwenden.

Du siehst der Güter kurze Posse jetzt,
Mein Sohn, die in Fortunens Händen stehen;
Um die das Menschenvolk sich zankt und hetzt.

Denn alles Gold, das je der Mond gesehen,
Macht aus der armen Schar, die du kannst schauen,
Nicht eine Seele nur zum Frieden gehen.'

Mein Meister, sprach ich, wolle mir vertrauen,
Wer ist Fortuna, die, wie du erklärt,
Der Erde Güter hält in ihren Klauen?

Und er: 'O ihr Geschöpfe, wahnverkehrt!
Wie ist Unwissenheit bei euch verbreitet!
So werde denn durch meinen Spruch belehrt.

Er, dessen Weisheit alles überschreitet,
Erschuf die Himmel und gab ihnen Leitung,
Daß jedem Theile jeder Licht verbreitet

Ringsum in gleichgemeßner Lichtverbreitung.
So gab er auch dem Erdenglanz zum Hüter
Fortuna als gemeinsame Begleitung.

Damit zu rechter Zeit die eitlen Güter
Bald dies, bald jenes Volk und Blut erlange
Trotz allem Einspruch menschlicher Gemüther.

Drum herrscht ein Volk, indeß das andr' im Zwange
Hinwelkt, wie sie ihr Urtheil ihnen spricht,
Die heimlich lauert wie im Gras die Schlange.

All eure Weisheit widersteht ihr nicht.
Wie jeder Gott in seinem Reiche, hält
Sie in dem ihren Ordnung und Gericht.

Sie wandelt ständig sich, wie's ihr gefällt.
Nothwendigkeit treibt sie zu schnellem Jagen,
Sobald das Loos auf einen andern fällt.

Sie ist es, die so oft ans Kreuz geschlagen
Von denen selbst wird, die sie loben sollen
Und ungerecht sie schlimm zu schmähen wagen.

Doch, in sich selig, hört sie nicht ihr Grollen.
Voll Lust, die andre Urgeschöpfe theilen,
Läßt sie vergnüglich ihre Kugel rollen.

Jetzt laß hinab zu größrer Qual uns eilen.
Die Sterne, die, als ich mich hergewandt,
Aufstiegen, sinken: nicht mehr ziemts zu weilen.'

Den Kreis durchschritten wir zum andern Rand
Zu einem Bach, der einer Sprudelquelle
Entströmt, in der er seinen Ursprung fand.

Dunkler als Purpur noch war seine Welle.
Wir stiegen seine trübe Fluth entlang
Hernieder durch ein grausiges Gefälle.

Ein Sumpf - er führt den Namen Styx - verschlang
Den Trauerbach am Fuße von dem jähen
Und grausig unheilvollen Felsenhang.

Und ich, beflissen ringsumher zu spähen,
Sah in dem Sumpfe schlammbedeckte, nackte
Gestalten mit erzürntem Antlitz stehen.

Sie schlugen auf sich los, und nicht nur packte
Die Hand, auch Kopf und Brust und Fuß schlug zu,
Indeß der Zahn den Leib in Stücke hackte.

Der gute Meister sprach: 'Sohn, heir siehst du
Die Seelen derer, die der Zorn besieget.
Auch glaube mir, was ich noch füg' hinzu,

Daß unter Wasser andres Volk noch lieget,
Deß Seufzen macht empor die Blasen quellen,
Die du erblickst, wohin dein Aug' auch flieget.

Im Schlamme sprechen sie: «Im sonnighellen
Bereich des Daseins waren traurig wir,
Voll Qualm des Trübsinns in des Herzens Zellen.

Nun jammern wir im schwarzen Schlamme hier.»
Dies Lied entringt sich gurgelnd ihrem Schlunde,
Kein klares Wort tönt hier entgegen dir.'

So gingen an dem Pfuhl in weiter Runde
Wir zwischen Moor und trocknem Ufer jetzt,
Den Blick gewandt zum Volk mit Schlamm im Munde,

Und nahten eines Thurmes Fuß zuletzt.

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