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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle

Dante und Virgil kommen an das Thor der Hölle und treten ein. Seufzen und Klagen tönt ihnen entgegen. Hier sind die Thatenlosen, die weder Ehre noch Schande auf Erden erworben, und daher von Himmel wie Hölle ausgeschlossen sind. Sie ziehen nackt einer Fahne nach, von Wespen und Bremsen blutig gestochen. Die Dichter gelangen zum Acheron, wo Charon die Seelen übersetzt. Er will Dante als Lebenden zurückweisen, beruhigt sich aber bei Virgils Mittheilung, daß höherer Wille es so wolle. Zahllose Scharen von Seelen drängen sich an das Ufer. Plötzlich erbebt das Gefilde, es blitzt und stürmt, Dante sinkt bewußtlos hin.

'Durch mich gehts ein zur Stadt der Qualerkornen,
Durch mich gehts ein zum Ort der ewigen Trauer,
Durch mich gehts ein zum Voke der Verlornen.

Gerechtigkeit trieb meinen hoh'n Erbauer,
Es schuf Allweisheit, sich zu offenbaren,
Allmacht und erste Liebe meine Mauer.

Die Dinge, die vor mir erschaffen,waren
Von ewiger Art, und ewig währ' auch ich:
Laßt, die ihr eingeht, alles Hoffen fahren.

In dunkler Farbe wies geschrieben sich
Mir dieser Spruch am Giebel einer Pforte.
Herr, sprach ich, schwer dünkt sein Verständniß mich.

Er, der Erfahrne, sprach zu mir die Worte:
'Hier ziemts, daß jeder Zweifel sei verbannt,
Und jeder Kleinmuth sterb' an diesem Orte.

Wir sind zur Stelle, die ich dir genannt,
Wo du das jammervolle Volk wirst schauen,
Dem der Erkenntniß hohes Gut entschwand.'

Er faßte meine Hand, indeß Vertrauen
bei seiner heitern Miene neu mir schwoll;
Dann führt' er mich in der Mysterien Grauen.

Geseuf' und Klagen, lauter Wehruf scholl
Hier durch die Luft, die keine Stern' erhellten,
Daß mir zuerst ein Thränenstrom entquoll.

Verschiedne Sprachen, greuelvolles Schelten,
Schmerzvolle Worte, Töne zornentbrannt,
Faustschläge, rauh' und tiefe Stimmen gellten,

Wodurch ein ständig Brausen denn entstand,
Das durch die ewig dunklen Lüfte kreist,
Wie bei des Wirbels Wehen thut der Sand.

Ich, dem Entsetzen einnahm Haupt und Geist,
Sprach: Was, o Meister, hat sich hier erhoben?
Welch Volk ist dies, das so der Schmerz zerreißt?

Und er zu mir: 'Dies jammervolle Toben
Rührt her von jener traurigen Schar Gebahren,
Die weder Lob noch Schand' erwarb dort oben.

Sie sind gesellt zu den nichtswürdigen Scharen
Der Engel, die getreu nicht ihrem Gotte
Noch wider ihn, nein! unentschieden waren.

Der Himmel stößt sie aus, die ihm zum Spotte
Gereicht, der Hölle Schlund empfängt sie nicht,
Weil Ruhm sie brächten der Verdammten Rotte.'

Drauf sprach ich: Welches Schmerzes schwer Gewicht
Weckt solche Klagen, die ins Herz mir schneiden?
Und er: 'Davon geb' ich dir kurz Bericht.

Nicht Todeshoffnung mildert ihre Leiden;
Ihr blindes Leben, trüb und immer trüber,
Macht, daß sie jedes andre Loos beneiden.

Es bleibt kein Ruhm der Welt von ihnen über,
Die so die Gnade wie das Recht verschmäht.
Nichts mehr von ihnen! schau und geh vorüber!'

Ich blickte hin und sah, im Kreis gedreht,
Dort eine Fahne, so schnell umgeschwungen,
Daß sie zur Rast sich, scheint es, nie versteht.

Dahinter kam ein Völkerzug gedrungen,
So endlos lang, ich hätte nie geglaubt,
Daß so viel Menschen schon der Tod verschlungen.

Nachdem erkannt ich dies und jenes Haupt,
Sah ich den Schatten Deß, der feig aus Zagen
Auf Großes zu verzichten sich erlaubt.

Nun wußt' ich klar und konnt' es selbst mir sagen,
Dies sei der schmachbeladnen Seelen Schar,
Die Gott und seinen Feinden mißbehagen.

Das Jammervolk, das niemals lebend war,
war nackend und von Wespen rings umflogen
Und Bremsen, die's zerstachen ganz und gar.

Davon war ihr Gesicht mit Blut durchzogen,
Das thränenuntermischt am dunklen Grund
Von eklen Würmern dann ward aufgesogen.

Als weiter ich den Blick entsandt im Rund,
Sah ich an eines großen Stroms Gestade
Ein Volk und sprach: Nun, Meister, thu mir kund,

Wer diese sind, und warum sie gerade
Zur Ueberfahrt, so viel ich seh' davon
Beim Dämmerlicht, so hastig ziehn die Pfade?

Und er zu mir: 'All dies erfährst du schon,
Wenn uns der Weg zum Ruhepunkt getragen
Am trauervollen Rand des Acheron.'

Zu Boden nun aus Scham den Blick geschlagen,
Besorgt daß ihm mein Reden lästig wär',
Enthielt ich bis zum Fluß mich weitrer Fragen.

Und sieh! es kam ein Greis zu Schiff daher,Haaren.
'Weh euch, verruchte Seelen!' wettert' er.

'Hofft nie das Himmelslicht mehr zu gewahren;
Ich komm' euch an das andere Gestad,
In ewige Nacht, in Hitz' und Frost zu fahren.

Du Seele da, die lebend uns genaht,od erlegen!'
Dann, als er sah, daß ich nicht rückwärts trat:

'Durch andre Häfen und auf andern Wegen,
Nicht hier kommst du zur Ueberfahrt', so schreit er;
'Dich trägt ein Boot, das leichter zu bewegen.'

'Sei ruhig, Charon', so sprach mein Begleiter;
'So will mans droben, wo ein jedes Wollen
Zugleich ein Können: frage drum nicht weiter.'

Da ward es ruhig in dem haarevollen
Gesicht des Fährmanns in dem Reich der Schatten,
Dem Feuerräder um die Augen rollen.

Doch jener Seelen Schar, der nackten, matten,
Entfärbte sich, es knirschte Zahn auf Zahn,
Als sie das grause Wort vernommen hatten.

Sie fluchten Gott und Eltern wild im Wahn,
Der Menschenbrut, dem Ort, der Zeit, dem Samen
Ihrer Geburt, draus Ursprung sie empfahn.

Worauf sie insgesammt den Rückzug nahmen
Mit lauten Klagen zu dem bösen Strande,
Der Aller harrt, die lästern Gottes Namen.

Charon der Dämon, mit dem Feuerbrande
Der Augen winkend, treibt mit Ruderstoß
Zusammen all die Säumigen am Lande.

Wie sich im Herbst vom Ast die Blätter los
Eins nach dem andern reißen, bis sie alle
Zu seinen Füßen ruhn im Erdenschoß:

So stürzt sich, Mann für Mann, in jähem Falle
Vom Ufer Adams böse Brut zum Bord,
Wie Vögel treibt der Lockruf in die Falle.

So ging es übers düstre Wasser fort,
Und eh sie jenseits noch gelangt zum Strande,
Häuft neue Schar sich am diesseitigen Ort.

'Sohn', sprach der Meister mild, 'all die zum Rande
Des Grabes kamen unter Gottes Zorn,
sind hier versammelt aus jedwedem Lande.

Zur Ueberfahrt drängt Jeder sich nach vorn,
Die Furcht verkehrt sich ihnen in Verlangen,
Weil göttliche Gerechtigkeit ihr Sporn.

Kein guter Geist ist je den Weg gegangen
Und drum begreifst du auch, warum so wild
Mit Schelteworten Charon dich empfangen.'

Er sprach es, und das düstere Gefild
Erbebte so, daß Angstschweiß noch zur Stunde
Mich badet, taucht mir auf dies Schreckensbild.

Ein Windstoß fuhr aus dem bethränten Grunde,
Aus dem sich nun ein rothes Licht entrang.ns Kunde,

Und ich fiel hin wie wen der Schlaf bezwang.

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