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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle

Anruf der Musen. Dante spricht gegen Virgil seinen Zweifel aus, ob er befähigt zu der Wanderung sei; Aeneas und Paulus seien Ausnahmen, denen er sich nicht vergleichen dürfe. Virgil, um ihn zu ermuthigen, erzählt ihm den Anlaß seines Kommens: Beaitrix, ihren Platz im Himmel verlassend, habe ihn aufgesucht und beauftragt Dante beizustehen, nachdem sie selbst durch Lucia, und diese durch ein edles Weib im Himmel auf die Gefahr des Freundes und die Nothwendigkeit der Hülfe aufmerksam gemacht worden. Dadurch ermuthigt schreitet Dante mit Virgil dem Eingang der Hölle zu.

Der Tag entschwand, Nachtdunkel brach herein,
Die Wesen alle, die auf Erden walten,
Enthebend ihren Müh'n; nur ich allein

Hielt mich bereit, die Drangsal auszuhalten
Des Mitleids und der Fahrt, die irrthumsfrei
Erinnerung nun möge hier entfalten.

O hoher Geist, o Musen, steht mir bei!
Erinnrung, die du schriebst was ich gesehen,
Jetzt zeige du, ob Adel in dir sei.

Du, sprach ich, der als Führer mit will gehen,
Erwäg', ob hinreicht meine Tüchtigkeit,
Eh du so Großes lässest mich bestehen.

Du sagst, daß Sylvius' Vater in der Zeit
Des Erdenwallens, als ein Sinnenwesen,
Hinab zur Welt stieg der Unsterblichkeit.

Doch wenn des Bösen Feind ihm hold gewesen,
Des hohen Zwecks gedenk, weil er gebar
Den edlen Stamm, zu hohem Ziel erlesen,

So ist dies jedem tiefern Denker klar,
Weil er, um Rom und Roma's Reich zu gründen,
Im Empyreum auserkoren war.

Denn Rom und Reich - um Wahrheit zu verkünden -
War zu dem heiligen Ort bestimmt schon lang,
Darauf des Petristuhles Säulen stünden.

Auf diesem durch dein Lied berühmten Gang
Hat Kenntniß alles dessen er empfangen,
Was ihm den Sieg, dem Papst den Thron errang.

Ist das erwählte Rüstzeug eingegangen,
So war's, um Kraft zu holen für den Glauben,
Durch den allein das Heil ist zu erlangen.

Doch wie käm' ich dahin? Wer wills erlauben,
Da ich Aeneas nicht, nicht Paulus bin,
Noch ich und Andre mich deß würdig glauben?

-

Drum, geb' ich mich dem Drang zu gehen hin,
So fürcht' ich sei's ein thörichtes Bestreben;
Besser als ich weiß das dein weiser Sinn.

Wie Einer, der Gewolltes aufgegeben,
Den Vorsatz ändert durch ein neu Erwägen
Und des Beginnens gänzlich sich begeben:

So ging es mir auf diesen dunklen Wegen,
Vom ersten Plan durch Denken abgewandt,
Den ich so rasch ergriff und so verwegen.

'Falls deine Rede richtig ich verstand,'
Ließ sich des Hohen Schatten drauf vernehmen,
'Hat deine Seele Feigheit übermannt,

Die dergestalt den Mann vermag zu lähmen,
Daß er die ehrenvolle Bahn läßt sein,
Gleich wie ein Thier, das scheu vor falschen Schemen.

Ich will, um von der Furcht dich zu befrei'n,
Warum ich kam, was ich gehört, erzählen,
Dort wo zuerst ich mich erbarmte dein.

Ich weilte bei den unentschiedenen Seelen,
Da rief ein Weib mich, selig und so schön,
Daß ich sie bat, nur gleich mir zu befehlen.

Ihr Auge strahlte wie an Himmelshöh'n
Die Sterne, dann mit Worten, langsam leisen,
Begann sie süß wie Engelklangs Getön:

"O Mantuanerseele, hoch zu preisen,
Deß Ruhm gedauert hat und dauern wird
In dieser Welt, so lange sie wird kreisen.

Mein Freund, der nicht der Freund des Glückes, irrt
Am wüsten Hang, weil Wahn im Weg ihn störte,
Daß er sich rückwärts wandt', in Furcht verwirrt.

Schon so verirrt ist, fürcht' ich, der Bethörte,
Daß ich zu spät zum Schutz mich aufgemacht,
Nach dem, was ich von ihm im Himmel hörte.

Auf denn ! durch deines edlen Rede Macht
- Und alles was ihm nöthig zum Entrinnen,
Hilf ihm ! auch mir wird Trost dadurch gebracht.

Ich bin Beatrix, die dich treibt von hinnen;
Zurück, woher ich komme, sehn' ich mich.
So reden hieß mich Lieb' und dies beginnen.

Steh' ich vor meinem Herrn, dann werd' ich dich
Oft rühmen und denke dein mit Preise."
Sie schwieg damit, und drauf begann nun ich:

Herrin der Kraft, durch die Natur und Weise
Des Menschen einzig alles überragen,
Um das des Mondes Himmel zieht die Kreise,

Mich freut so sehr was du mir aufgetragen,
Daß selbst sofort gehorchen scheint zu spät;
Nicht brauchst du mehr mir deinen Wunsch zu sagen.

Doch sprich, wie kommt es, daß du nicht verschmäht
Herabzusteigen hier zu diesen Gründen
Vom lichten Raum, nach dem dein Sehnen steht?

"Wenn du auch dieses", sprach sie, "willst ergründen,
Warum ich nicht gescheut hier einzudringen,
So will ich dirs in kurzen Worten künden.

Furcht hegen darf man nur vor solchen Dingen,
In denen eine Kraft wohnt, die uns schade,
Vor andern nicht, sie können Furcht nicht bringen.

Also geschaffen hat mich Gottes Gnade,
Daß euer Elend gar nicht mich berührt
Und nichts mich anficht in dem Flammenbade.

Ein edles Weib im Himmel hat gerührt
Dies Irrsal so, zu dem du wirst entsendet,
Daß Gottes harter Spruch bleibt unvollführt,

Und zu Lucia flehend hingewendet,
Sprach sie: "Dein Treuer, jetzt bedarf er deiner;
Dem Schutzbefohlnen sei dein Schutz gespendet."

Und sie, der Härte Feindin, milde seiner
Gedenk, kam zu dem Orte, wo ich war,
Wo bei der greisen Rahel Sitz war meiner.

Sie sprach: "Beatrix, Gottes Preis fürwahr,
Was hilfst du nicht dem Manne, der aus Liebe
Zu dir vermied des niedern Pöbels Schar,

Als wenn dein Ohr taub seinen Klagen bliebe?
Siehst du den Tod nicht, der im Strome dort
Ihm härter droht, als wenn im Meer er triebe?"

So schnell eilt Niemand, Schaden fliehend, fort
Zu dem, was ihm zum Vortheil möge frommen,
Als ich, da ich vernommen dieses Wort.

Von meinem seligen Sitz bin ich gekommen,
Weil deiner würdigen Rede Kraft ich kannte,
Die dich und jeden ehrt, der sie vernommen."

Nachdem sie dies zu mir gesprochen, wandte
Sie ihre Strahlenaugen, voll von Zähren,
Wodurch ich nur noch mehr zu eilen brannte.

So komm' ich denn zu dir auf ihr Begehren,
Dich vor dem Thier zu retten, dem's gelang,
Dir graden Weg zum schönen Berg zu wehren.

Was ist es nun? was säumest du noch lang?
Wie hegt dein Herz so wenig Selbstvertrauen,
Warum nicht Muth und kühnen Thatendrang?

Da drei so hochgebenedeite Frauen
Im Himmel sorgen, daß du kommst ans Ziel,
Und dich mein Wort so hohes Heil läßt schauen?'

Wie Blumen, die ein nächtiger Reif befiel,
Gesenkt sich schließen, dann im Strahl der Sonnen
Aufrichten und erschließen Kelch und Stiel:

So fühlt' ich, dem sonst alle Kraft zerronnen,
Im Herzen Zutraun neu und wundersam,
Und sprach wie Der, der frischen Muth gewonnen:

Sie Gnädige, die mir zu Hülfe kam!
Dank auch dir, Gütiger, der sich folgsam zeigt
Dem Wahrheitswort, das er von ihr vernahm.

Du hast in Sehnsucht mir das Herz geneigt
- Gemacht durch deine Rede zu dem Gange,
Daß neu empor der erste Vorsatz steigt.

Drum auf! wir zwei, erfüllt von gleichem Drange,
Mein Führer du, mein Herr und Meister du!
Ich sprachs zu ihm und schritt auf waldigem Hange,

Von ihm geführt, dem düstern Eingang zu.

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